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WIEN/ ImPulsTanz im Burgtheater: ISMAEL IVO und so manche Wege von Körper und Psyche

24.07.2019 | Ballett/Tanz


Copyright: Karolina Miernik

ImPulsTanz im Burgtheater (23.7.2019): Ismael Ivo und so manche Wege von Körper und Psyche

Tänzer und Choreograph Ismael Ivo, 1984 gemeinsam mit Karl Regensburger der Mitbegründer der alljährlichen sommerlichen Wiener ImPulsTanz-Reihe, ist im Mittelpunkt des Abends des seit zwei Jahren von ihm geleiteten Balé da Cidade de Sao Paulo, der Ballettkompanie dieser brasilianischen Stadt, gestanden. Mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst wurde Ivo auf der Bühne des Burgtheaters ausgezeichnet – und ausgezeichnet haben sich die Tänzer aus Sao Paolo in ihrer einstündigen Tanztheater-Phantasie „Um Jeito de Corpo“ (in etwa: ‚Ein Weg des Körpers‘).

Morena Nascimento, führende Choreographin in Brasilien, suggeriert in „Um Jeito de Corpo“ eine eindrucksvolle Folge stets sehr dynamisch ausgelebter Episoden auf sozialkritische Songs des in Brasilien ungemein populären Sängers und Komponisten Caetano Veloso (er war vor kurzem im Wiener Konzerthaus zu hören). Nascimento, einige Jahre auch Mitglied von Pina Bauschs Wuppertaler Tanztheater, ist durchaus dessen ausgeprägten stilistischen Merkmalen verbunden. Fein ausgespielte psychische Befindlichkeiten im Bezug auf die Möglichkeiten des Körpers sich auszudrücken. Bunt, vital beginnt es. Wuchtig, wenn an die drei Dutzend TänzerInnen die Bühne füllend im Gleichklang reine Lebensfreude vermitteln. Ausgelebte Sexualität wird gezeigt. Doch Brasilien ist auch ein rauhes Land: Gewalt kommt auf, die Macht übernehmen gewalttätige Unterdrücker. Ein verbindendes Thema zieht sich durch: Lass mich so sein, wie ich bin! Und diese getanzten Botschaften konnten sich auch wirkungsvoll einprägen.


Foto: Karolina Miernik

Andere Wege von entblößten weiblichen, männlichen Körpern im heurigen ImPulsTanz–Reigen wurden im Kapitel Mette Ingvartsen gezeigt. Ihre Performance-Serie „The Red Carpet“ umfasst vier Intimsex-Performances. Mit Nr. drei sollte schon alles gesagt sein: „to come (extended)“. Wieder ist ein splitternacktes Grüppchen auf der Bühne. Im Volkstheater diesmal, 60 Minuten in drei Abschnitte geteilt, alles extrem ausgedehnt, in die Länge gezogen. Im Mittelteil ist ein kollektives Orgasmus-Gestöhne an der Rampe zu hören. Im finalen Wirbel: ein üppiges Hin und Her in frecher Lindy Hop-Manier. Am reizvollsten für Voyeure wirkt aber die endlos lange einleitende Sequenz, welche in aller Stille Momente der Sinnlichkeit zu vermitteln vermag: Die fünfzehn Sexisten betreten in hellblauen, auch die Indivdualität, die Gesichter verdeckenden Ganzkörperanzügen die in grelles Licht getauchte und weiß gehaltene Bühne. Sie posieren in den verschiedensten erotischen, durchaus anstößigen Position zu zweit, zu dritt, am Boden kriechend, wälzend, formen sich immer wieder zu zuckenden Orgienbündel. Dies ergibt zeitweise in der klaren Bildkomposition eine durchaus ästhetische Wirkung, welche an klassische hellenistische Statuengruppen denken lässt.

Ingvartsen theoretisiert ihre Erotik-Manie mit verständlichen Argumenten betreffs angestrebten sexuellen Freiheiten, Reflexionen über Mechanismen des Begehrens oder der Darstellung von Klimax & Orgasmus auf der Bühne. Das ImPulsTanz-Publikum nimmt diese Bilder sehr positiv auf. Trotzdem, Ingvartsens gut gestylten Performances könnten eine größeren, ausgereiftern, witzigeren Ideenreichtum zu diesen verständlichen Anliegen vertragen. Nicht nur bei den diversen lustvollen Schaustellungen des Allerwertesten.

Meinhard Rüdenauer

 

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