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WIEN/ ImPulsTanz im Akademietheater: VOETVOLK/ LISBETH GRUWEZ MIT „THE SEA WITHIN“

01.08.2019 | Ballett/Tanz

Wien/ ImPulsTanz im Akademietheater: Voetvolk/Lisbeth Gruwez mit „The Sea Within“

Die belgische Choreografin und Tänzerin Lisbeth Gruwez gibt mit ihrer jüngsten, 2018 uraufgeführten Arbeit „The Sea Within“ als österreichische Erstaufführung einen fulminanten ImPulsTanz-Festival-Einstand. Eine Ode an die Frau.

Schon beim Betreten des Saales liegt eine Tänzerin im Hintergrund, eine zweite steht links am Rand der leeren Bühne. Mit sehr langsamen Bewegungen, zum Gesang von Vögeln aus dem Synthesizer, erobern die zehn Tänzerinnen von allen Seiten die Bühne. Geschmeidig wie Schleichkatzen suchen sie Platz, tanzen zum nun rhythmischeren Sound Slow Motion. Regelmäßige kurze Ausbrüche, ein Zucken und Schütteln, unterbrechen den Fluss. So auch zu den Atemgeräuschen, die die folgende Bewegungslosigkeit begleiten.

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Lisbeth Gruwez  Voetvolk (BE) The Sea Within © Danny Willems

Mit ihren Kostümen, kurze Hosen und anders getönte Oberteile in eher pastelligen Farben, sind sie so bunt wie ihre Herkünfte. Dicht gedrängt stehend weht der Wind in diese vielfarbige Gruppe. Einzelne sacken zusammen, werden im Fallen aufgefangen und aufgerichtet. Zärtliche Solidarität, wie sie selten zu erleben ist, nicht nur auf der Bühne. Und als der Sturm das Meer aufwühlt, wiegen sie sich wie Seegras in der Brandung. Der Sturm zerreißt die Gemeinschaft in Grüppchen, eine schaut von vorn ins Publikum … Sie flüstern in der Stille, zucken und winden sich in Beklemmung, Zweifel und Leid. Und sie bilden eine diagonale Reihe von Körperskulpturen im Licht eines Eck-Scheinwerfers, umwerfend schön. Als die zehn wieder dicht beieinander stehen, leuchtet ein Streifen im Hintergrund, fast wie der Schimmer einer Morgendämmerung.

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Lisbeth Gruwez Voetvolk (BE)  The Sea Within3 © Danny Willems

Sie reißen die Münder auf, strecken die Zungen weit hinaus, heben Einzelne empor und schleudern Oberkörper, Haare. Wieder vereinzeln sie sich und werfen Bewegungen ein wie von wilden Tieren, von Irren. Anfeindungen in zwei Reihen. Exzessiver Tanz, immer aber gebrochen durch kurze Eruptionen eines nicht kontrollierbaren Inneren.

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Lisbeth Gruwez _ Voetvolk (BE) – The Sea Within2 © Danny Willems

Plötzlich Ruhe, Stille, Atmen im Stehen und Sitzen. Sie fassen sich selbst an Kopf, Hals und Herz, hauchen ein „Ah“. Zu einsetzendem harmonischen Sound staksen sie eng beieinander in Zeitlupe quer, dann auf das Publikum zu. Manchmal klingt es windig. Sie drehen sich einzeln heraus aus der Gruppe, bis sie am Ende die Bühne füllen mit kreiselnden Derwischen. Ein wunderschönes, berührendes Bild!

Die Metaphorik in „The Sea Within“ („Das Meer im Innern“), die Frau als die Gebährende und Bewahrende, das Meer als Ursprung allen Lebens, große Zahl und Fülle, ewiger Rhythmus mit Ebbe und Flut und der Brandung der Wellen, der Tanz der Derwische, der „Quelle der Klugheit, der Heilkunst, der Poesie, der Erleuchtung und der Weisheit“ und die Vielfarbigkeit als „die in der göttlichen Einheit gipfelnde Vielfalt“ macht diese Arbeit zu einem sanften und doch kraftvollen humanistischen und feministischen Manifest. Diese Choreografie, die erste von Lisbeth Gruwez, in der sie selbst nicht tanzt, ist kämpferisch, dann wieder so unfassbar weich und fließend. Sie feiert die Weiblichkeit mit überwältigender Sinnlichkeit und Poesie, mit tänzerischer Meisterschaft und mit Klang und Bewegung als Einheit. Sie feiert die heilige Dreieinigkeit aus Körper, Geist und Seele. Ein Fest für alle Sinne.

Voetvolk“ heißt die 2007 von Lisbeth Gruwez und dem Komponisten und Musiker Maarten Van Cauwenberghe gegründete Kompanie für zeitgenössischen Tanz und Performance. Letzterer schuf gemeinsam mit Elko Blijweert und Bjorn Eriksson den Sound für diese Performace.

„The Sea Within“ von Voetvolk/Lisbeth Gruwez, am 29., 30. und 31. Juli im Akademietheater Wien.

Rando Hannemann

 

 

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