WIEN/ ImPulsTanz: Grace Tjang / Needcompany mit „The Garden of Earthly Disquiet“ im Akademietheater
Vor 40 Jahren gründeten Jan Lauwers und Grace Ellen Barkey in Brüssel die Needcompany, seit 2001 immer wieder bei ImPulsTanz zu Gast, zuletzt vor 3 Jahren mit ihren beiden großen Arbeiten zu Shakespeare’s je 10 Komödien und Tragödien. 2021 nahm Barkey, in Indonesien geboren, als ein Akt der Dekolonialisierung den Namen ihrer Großmutter an. Als Grace Tjang nun holt sie mit „The Garden of Earthly Disquiet“ private und koloniale Vergangenheiten und Gegenwarten auf die Bühne.
Ihr „Garten der irdischen Unruhe“, der Titel referenziert auf Hieronimus Bosch’s „The Garden of Earthly Delights“ („Der Garten der Lüste“) von etwa 1500, einem Triptychon, das vom Garten Eden über eine hedonistische Mittelerde in eine alptraumhafte Hölle führt. Indonesien, das aus Tausenden Vulkaninseln bestehende südostasiatische Land, beherbergt neben hunderten ethnischen, verschiedensprachigen Gruppen eine Reihe von Naturschätzen. Vulkane und Dschungel, Komodowarane, Elefanten, Tiger und Orang-Utans.

Grace Tjang / Needcompany: „The Garden Of Earthly Disquiet“ (c) Vibe Stalpaert
Die unruhige Geschichte des Landes ist geprägt von der Kolonialisierung durch Portugal und dreieinhalb Jahrhunderte lang durch die Niederlande, von japanischer Besetzung und der 30-jährigen Suharto-Diktatur. Zeiten voller Gewalt, in denen unter anderem auch Mütter respektive Väter und Kinder voneinander getrennt wurden. So wie Grace’s Vater von seiner Mutter. Sie gab ihm einen Zaubertrank, um sie zu vergessen. Grace’s Mutter sah, wie ihre Mutter in einem japanischen Internierungslager missbraucht wurde. So sind die Schicksale der Familien untrennbar mit dem Schicksal des Landes verwoben. Über viele Generationen hinweg werden Traumata vererbt. Und verdrängt.
In der Dunkelheit aber, in dem Raum zwischen Träumen und Wachen, wo nichts Äußeres mehr Innenleben niederdrückt, kommen die Erinnerungen. Ungewollt manchmal und ungeliebt, aber sie kommen. Sie drängen sich durch schlecht vernarbte psychische Häute, die schützend sich um Traum und Trauma legten. Und doch immer wieder durchbrochen wurden von aus den Magmakammern der Seele aufsteigender Glut, machtvoll, unerbittlich, rücksichtslos.
Wie damit umgehen? Wie leben können mit dem Schmerz, der Hilf- und Machtlosigkeit, der Trauer, der Wut, den Schuldgefühlen und der Sehnsucht? Auf Seiten beider, der Eltern und der Kinder. Und was passiert in der Seele eines Volkes nach Hunderten Jahren Unterdrückung? Beiden Fragen geht dieses Stück nach. Eines ist Bild für das Andere, die Trennung von Mutter/Vater und Kind wie die viele Generationen lange Knechtung eines Volkes mit seiner so reichen, vielfältigen Kultur.

Grace Tjang / Needcompany: „The Garden Of Earthly Disquiet“ (c) Vibe Stalpaert
Es geht um das Vergessen. Um das, was man vergessen will, um das, was man vergessen muss, um das, was man nicht vergessen kann und um das, was man nicht vergessen darf. Und um das, was nicht erinnert werden will. Ein langer Text, wort- und zeilenweise von einem livebedienten Overhead-Projektor auf die Leinwand hinten projiziert (wie in der Schule früher, als wir das mit Papier verdeckte Material nach und nach freigaben), gibt häppchen- und auf sehr poetische Weise Einblick in die komplexe Gefühls- und Gedankenwelt eines Jungen, der von seiner Mutter getrennt wurde.
Überhaupt ist alles aus der Sicht eines Kindes erzählt, mit ins Kindgerechte übersetzten Mitteln. Wie aus dem Nichts aufblitzende Erinnerungen werden die Szenen aneinandergereiht. Der Umbau der Bühne erfolgt von den Performenden selbst. Die Kostüme von Sharlotta Seeligmüller und Simon Perotti sind indonesische Tradition einfach stilisierende, dennoch kunstvoll gefertigt. So wie das Bühnenbild und die Requisiten. Auf Perfektion wird bewusst verzichtet. Es geht um Imagination.
Von der Decke hängende Wald-Fragmente, hinein- und wieder zur Seite gezogen, und auf Rollen installierte zweidimensionale Abbildungen von großen Wildtieren, die von Gebrüll begleitet erscheinen und verschwinden, adressieren die (Reste der kindlich gebliebenen) Fantasie der Zuschauenden. So auch der Tanz und die Performance. Die Needcompany bleibt sich treu in der Verschränkung verschiedener Kunstformen. Tanz, Theater, Musik und Sound, Bildende Kunst, Video und Text verschmilzt Grace Tjang in „The Garden of Earthly Disquiet“ zu einer faszinierenden Reise durch die Gefühls- und Erinnerungs-Welten eines Kindes und eines Volkes.

Grace Tjang / Needcompany: „The Garden Of Earthly Disquiet“ (c) Vibe Stalpaert
Die fünf Performenden/Tanzenden/Spielenden auf der Bühne gestalten im Licht von Astrid Vansteenkiste wechselvolle, durch die Live-Umbau-Aktivitäten zuweilen ineinander fließende, manchmal durch Blackouts voneinander getrennte Bilder, Stimmungs-Splitter, Fragmente von Erinnerungen, ins Physische übersetzte Bruchstücke einer Seelen-Gesamtheit. Es wird getanzt mit herausgestreckter Zunge und wildem Geschüttel von Beinen, Armen und Kopf, mit akrobatischen Einlagen, Gerenne, Geschrei und Gebrüll.
Die Sehnsucht nach der Mutter Abu Tjang quält den kleinen Jungen. Er bemüht sich, die zu vergessen, die er nie wieder sehen wird, von der er nicht weiß, wo sie ist. Und jede schwindende Erinnerung reißt Löcher in die Seele, die genauso schmerzen wie die Erinnerung selbst. Ein Mädchen, das mit ansah, wie die Schönheit ihrer Mutter durch Soldaten geschändet und die dann verschleppt wurde, ist nun erwachsen und selbst Mutter.
Als Kind verlassen und allein gelassen zu werden zählt zu den am Nachhaltigsten wirkenden Traumatisierungen. Von dem, was eine Mutter oder ein Vater fühlen, deren Liebe und Fürsorge ihr Kind entrissen wird, vermittelt das Stück Ahnungen, indem es die Gedanken der jetzigen Mutter in Lyrik gießt. Die Poesie, mit der die Innenwelten von Kind und Mutter sich in Worten spiegeln, ist klug und berührend. Die Bandbreite der von den Gewalttaten hinterlassenen, in Text und Tanz übersetzten Gefühle erschüttert.

Grace Tjang / Needcompany: „The Garden Of Earthly Disquiet“ (c) Vibe Stalpaert
Im Hintergrund und auf dem Boden laufen Video-animierte Fotografien vom Dschungel wie das kaum vernehmbare seelische Grundrauschen, wie ein tief eingegrabenes Fundament aus Heimat, Verbundenheit und Sehnsucht. Dass mit den Erinnerungen an die Natur Indonesiens auch Archivmaterial über einen bedrohten oder sogar schon einstigen Garten Eden erzeugt wird, das diese Erinnerungen von einem weiteren Trauma berichten und einen stillen, aber eindringlichen Appell an die einstigen Kolonialherren und deren Verbündete bei der fortgesetzten Ausbeutung der Schätze (nicht nur) dieses Inselstaates von der Bühne senden, ist nur einer der Aspekte, die dieses Stück über die Ebene kindlich-mütterlicher Zerrissenheit hinaus heben.
Der ausdrucks- und bildstarke Tanz reflektiert die Schwierigkeiten, mit Erinnerungen, Sehnsüchten, Gefühlen und Zugehörigkeiten umzugehen. Er beschreibt Verdrängung als bewusst eingesetztes Werkzeug zur Gewährleistung der psychischen Überlebensfähigkeit. Aber gesund ist das nicht. Darum macht Grace Tjang zugleich auch Mut zum reversiven Prozess, zur Bewusstmachung und Integration.

5 Grace Tjang / Needcompany: „The Garden Of Earthly Disquiet“ (c) Vibe Stalpaert
Die Schlagwerkerin Aya Suzuki liefert gewaltige perkussive und elektronische Live-Beiträge. Ihre Musik entführt in Dschungel und Mythen, zurück auf die Inseln, in deren Geschichte und hinein ins individuelle und kollektive Unbewusste. Großartig. Aber sie tanzt und performt auch, gemeinsam mit Romy Louise Lauwers, Sung Im Her, Martha Gardner und Maarten Seghers (der 2025 die künstlerische Leitung der Needcompany von Jan Lauwers übernahm). Den Fünfen gelingt eindrucksvoll, das emotionale Spektrum der imaginierten Kinder und Mütter fühlbar zu machen und das Innen nach außen zu kehren.
Der kindlichen Fantasie und Erinnerung entsprungene Bilder werden zum Leben erweckt, einfach, mit handgemachtem Look und voller Poesie. Der Schmerz, die Hilflosigkeit, das ausgeliefert Sein des Kindes, das eben auch für so viele andere allein Gelassene, Getrennte, Geflüchtete, Verlorene, Verwaiste oder Entfremdete steht, und die anhaltende Zerrissenheit und emotionale Ambivalenz berühren tief.
Am Ende aber tanzen die Geister all der vergessenen Mütter im Kreis. „Ibu!“ ist das letzte Wort. „Mutter!“ Mögen Mütter nie mehr weinen um ihre Kinder, ob tot oder verschleppt. „Wir werden nur noch gehen, um eine friedvolle Welt zu umarmen.“ So etwa enden Text und Stück. Und in Gaza sterben die Kinder, im Iran die jungen Menschen …
Grace Tjang / Needcompany mit „The Garden of Earthly Disquiet“ am 23.07.2026 im Akademietheater Wien im Rahmen von ImPulsTanz.
Rando Hannemann

