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WIEN/ ImPulsTanz im Akademietheater: Bill T. Jones X Raja Feather Kelly mit „The (a) Point Between 2 (or more) Confessions“

01.08.2026 | Ballett/Performance

WIEN/ ImPulsTanz: Bill T. Jones X Raja Feather Kelly mit „The (a) Point Between 2 (or more) Confessions“ im Akademietheater

Auch der Jüngere gehört schon zu den Leuchtgestalten der New Yorker Tanz- und Performance-Szene. Sie taten sich ursprünglich mit dem Ziel einer Mentorenschaft zusammen. Es entwickelte sich ein intensiver Austausch, der die Grenzen eines Studios weit hinter sich ließ und schließlich in diese Arbeit mündete, die so viel mehr ist als dass einer die Choreografie eines anderen performt. Bill T. Jones und Raja Feather Kelly entfachten Stürme der Begeisterung.

Es eint sie vieles. Beide sind schwarz, schwul und politisch denkende und handelnde Menschen und Künstler. Bill T. Jones, 1952 in Florida geboren, Choreograf, Regisseur, Autor und kulturelle Führungspersönlichkeit, stellt mit seinen Arbeiten den menschlichen Körper in einen Raum aus Politik, Spiritualität, Identität und Erinnerung. In interdisziplinären Projekten, Tanz, Theater und Oper, für die er vielfach ausgezeichnet wurde, ist die Befragung zentrales Werkzeug für die Verkörperung von Wissen und die Ermöglichung von Transformation.

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 Bill T. Jones X Raja Feather Kelly: „Between 2 Confessions“ (c) Raja Feather Kelly

Einer Generation später gehört der in New York lebende Tänzer und Choreograf Raja Feather Kelly, ebenfalls bereits mehrfach geehrt, mit seinen 38-39 Jahren an (sein Geburtsjahr ist nicht genau datierbar). Er ist bekannt geworden mit seinem „radikalen Downtown Surrealismus“, vielen Arbeiten, die die Queer- und Pop-Kultur thematisieren, mit Theater-Produktionen, als Leiter seiner eigenen Tanzkompanie „The Feath3r Theory“ und als künstlerischer Leiter des „New Brooklin Theatre“. Er ist alleinerziehender Vater einer zweieinhalb Jahre alten Tochter und in diesem Jahr zum zweiten Mal DanceWeb-Mentor bei ImPulsTanz. Viel beschäftigt also.

Seine ihm zugeschriebene Unverschämtheit, mit der er hinterfragt und benennt, führt in dieser Kollaboration mit Bill T. Jones zu schonungsloser Offenheit. „The (a) Point Between 2 (or more) Confessions“, der Titel des hier bei ImPulsTanz uraufgeführten Stückes, ist Programm. Individuelles verwandeln die beiden in Intimität, Politisches wird Persönliches, Gesellschaftliches wird psychische Realität. Und umgekehrt.

Die Musik für dieses Stück stammt von Emily Wells, die mit ihrem Soundtrack die rasante Bewegung der Dramaturgie durch Situationen, Gedanken und Gefühle begleitet. Ungegenständliche Video-Animationen mit wabernden, schimmernden Farbflächen zum Beispiel adressieren schöpferische Fantasie und Assoziationskräfte des Publikums. Sie öffnen dem Bühnengeschehen einen zusätzlichen, einen sichtbaren spirituellen Raum.

Das Lichtdesign von Yuki Nakase Link und der Einsatz der Musik von James Worth Bennett, er benutzt unter anderem Songs von Nina Simone in Fragmenten und verwandelt, erzeugen mit abrupten Brüchen zwischen den verschiedenen, prägnanten Stimmungen ein Abbild der so komplexen Innen- und Außenwelten mit ihren unerwarteten, aber massiven Eruptionen von Erinnerungen, Reflexionen und Ereignissen. Und in dieser von Instabilität und ständigem Wandel gezeichneten Welt bewegt sich Kelly mal plaudernd auf dem Stuhl, dann tanzend durch die Bild-Räume von Vergangenheit, Gegenwart und immer auch von Zukunft.

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 Bill T. Jones X Raja Feather Kelly: „Between 2 Confessions“ (c) Raja Feather Kelly

Dass Kelly schwarz ist, schwul, Single, Vater und Künstler, sind prägende Faktoren für die Einflüsse von politischen, gesellschaftlichen, sozialen, familiären Bedingungen und Begebnissen auf die Psyche des Kindes, Heranwachsenden und erwachsenen Künstlers, auf die Wunden und Narben im Gewebe einer komplexen Persönlichkeit, auf die Wirkungen bezüglich des Selbstbildes und in der Gegenrichtung, der Wahrnehmung der Umwelt und Gesellschaft, auf die Konsequenzen für das eigene Handeln und die aktive Positionierung in Gesellschaft und Kunst.

Den beiden Künstlern gelingt es, die Bandbreite der angesprochenen Themen, deren politisches Gewicht und die Relevanz für die Persönlichkeit des Raja Feather Kelly in eine höchst lebendige Dramaturgie und ein von Poesie getragenes Geflecht aus Erinnerungen, Gesprächen, Gedanken, Sehnsüchten, Hoffnungen und Wünschen zu verwandeln. Das Stück ist ein wunderbares Beispiel für die Transformation von faktisch Sachlichem, Unsicherheiten, Zweifeln, Ungewissheiten, Fragen, Enttäuschungen und Widersprüchlichem in vielschichtige Kunst.

Zum Einstieg hören wir, dass Jones von Kelly wollte, dass er ein Buch von Platon über Sokrates und den Prozess gegen ihn und seinen Tod lese. Weil er, Jones, meinte, „das hätte was mit mir zu tun.“ Sokrates wurde angeklagt, die Jugend verdorben zu haben. Später dann zwang man ihn, sich öffentlich zu suizidieren. Womit der weise Jones ein Bild malte von Kelly’s So-Sein, seinem Tun und deren Wahrnehmung in der und Wirkung auf die Gesellschaft, deren Teil er ist. Kelly, so gesteht er, las das Buch (bis dato) nicht. Vielleicht ist es ja besser, um manche Gefahren und Risiken nicht zu wissen, um sich die Kraft und die Frische seiner Gedanken und Handlungen nicht nehmen zu lassen.

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Bill T. Jones X Raja Feather Kelly: „Between 2 Confessions“ (c) Quinn Wharton

Das Kind, das des Vaters Sein (er war Alkoholiker, Kelly wollte keinesfalls so werden wie sein Vater) und der Mutter Taten, am Anfang beschrieben, tief in seine Seele eingrub, lebt fortan mit: „Ich will, dass du Gott kennenlernst, dass du glaubst, du seist Magie, dass du weißt, dass Liebe alles ist und dass du am Leben bist, dass der Tod unvermeidbar ist, dass du mit einer Aufgabe zur Welt gekommen bist und dass Singen und Tanzen dich verwandeln werden. Ich will, dass du an dich glaubst.“

Raja Feather Kelly ist ein großartiger, außergewöhnlich ausdrucksstarker Tänzer. Seine Eleganz sucht ihres Gleichen auf den Bühnen. Seine langen Gliedmaßen, mit großer Präzision und Wirkung eingesetzt, sein von handwerklicher Brillanz, großer Genauigkeit und emotionaler Authentizität geprägter Tanz und seine unglaubliche Präsenz auf der Bühne, in Bewegung und in Stille, machen seine Performance zu einem eindringlichen, unvergesslichen Erlebnis. Die wichtigsten Zutaten dafür jedoch sind seine Ehrlichkeit und Offenheit. Die Intimität, die er mit Körper, Wort und Tanz erzeugt, ist zutiefst berührend.

Wir hören und sehen, unter anderem, Reflexionen über Hässlichkeit (welch einfaches Wort mit so komplexer Bedeutung und Wirkung), Rassismus, Partnerschaft, (zerbrochene) Liebe und Tod, Boden-, Bindungs- und innere Heimatlosigkeit, totale Verunsicherung, Ratlosigkeit und Verzweiflung („Viele Frage und keine Antworten!“), über viele Aspekte also, Schichten und Ebenen, und über Kind sein und Vaterschaft. Am Ende gibt er weiter, was er in sich trägt. An seine kleine Tochter richtet er die selben Worte, die einst er empfing als Kompass für die Reise über die unruhigen Wasser des Lebens. Eines aber fügt er noch hinzu: „Ich liebe dich!“

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Bill T. Jones X Raja Feather Kelly: „Between 2 Confessions“ (c) Quinn Wharton

The (a) Point Between 2 (or more) Confessions“ (der Titel begibt sich zwischen Bekanntes und Bekenntnis, in den Raum zwischen Reden und Zuhören, zwischen zwei Persönlichkeiten und Generationen) ist ein zutiefst menschliches Werk über Erinnerung, Verkörperung, Intimität und Transformation. Es ist eine Momentaufnahme eines im Gang befindlichen Selbstfindungs-Prozesses, ohne jede Gewissheit, im Ringen aber um Selbstbehauptung und Wahrhaftigkeit. Wir erleben Raja Feather Kelly weich, sensibel, zerbrechlich, unsicher und fragend auf seinem Weg als Mensch und Künstlerpersönlichkeit. Selten wird man solcher Maßen mitgenommen und berührt.

Die Zusammenarbeit der beiden übrigens geht weiter. Noch in diesem Jahr wird Kelly’s Kompanie das Triptychon „A Body of Dangerous Ideas“, an dem Jones mitarbeitet, uraufführen.

Bill T. Jones X Raja Feather Kelly mit „The (a) Point Between 2 (or more) Confessions“ am 29.07.2026 im Akademietheater Wien im Rahmen von ImPulsTanz.

Rando Hannemann

 

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