WIEN/ ImPulsTanz: Eun-Me Ahn mit „Post-Orientalist Express“ und „North Korea Dance“
Die 1963 geborene südkoreanische Tänzerin und Choreografin Eun-Me Ahn ist nicht nur eine der bedeutendsten und schillerndsten Performance-Künstlerinnen Südkoreas. Sie bewegt sich mit ihren inzwischen mehr als 150 multidisziplinären Arbeiten zwischen traditionellem und zeitgenössischem Tanz, Akrobatik und Performance-Kunst, Kostüm- und Objektdesign und Musik. Fantasievoll und farbenfroh, lebendig und von positiver Grundstimmung sind Ahns Arbeiten – jenseits aller Inhalte – ein Augen- und Ohrenschmaus.
Ein besonderes Anliegen ist ihr die Zusammenführung und Fortentwicklung verschiedenster Künste und Kulturen. Und damit der Menschen und der Menschheit. Beide hier bei ImPulsTanz gezeigten Stücke, jedes eine Österreichische Erstaufführung, belebt sie mit diesem ihrem Geist. Der Reichtum der Kulturen ist ein zu bewahrender und trotzdem sich stetig entwickelnder Schatz. Diesen Schätzen widmet sie sich im ersten Stück auf kontinentaler, im zweiten auf nationaler Ebene.

Eun-Me Ahn: „Post Orientalist Express“ (c) Jean Marie Chabot
„Post-Orientalist Express“
Es ist nicht ihre erste Arbeit, mit der sie die künstlerische und kulturelle Diversität des gesamten asiatischen Kontinents erkundet. Mit dem 2018 konzipierten Werk „Dragons“, mit dem sie dann die pandemie-bedingten Einschränkungen bezüglich seiner Aufführungen virtuos verarbeitete, begann die Ausweitung der Sujets ihrer Arbeiten auf die Vielfalt asiatischer Tänze. Und nicht nur das. Sie nähert sich den auf vielen Reisen erforschten Kulturen ganzheitlich und bescheiden und reichert ihre Stücke letztlich auch mit freien Adaptionen von deren Musik, Kostümen und bildnerischen Elementen an.
Die am Anfang laufende Video-Installation von Taeseok Lee, später wird er die Bühnenrückwand noch zum Leben erwecken, zeigt Ausschnitte von alten Kino- („Laurence von Arabien“) und Zeichentrick-Filmen, Fotos und Gemälde. Sie mischt Dokumente der westlichen Sicht auf den nahen, mittleren und fernen Osten, dessen romantisierenden Exotismus also, mit Bildern von Zerstörung und Sklaverei. Zeugnisse für die vom Westen und für ihn selbst mit unerträglicher Arroganz und in einem inzwischen vor allem aus ökonomischen Gründen erstorbenen Überlegenheitsgefühl erschaffenen Klischees eines ehemals ausgebeuteten Orients, die wie ein Set von Vorurteilen die Wahrnehmung des Ostens bis heute beeinflussen.

Eun-Me Ahn: „Post Orientalist Express“ (c) Jean Marie Chabot
140 Kostüme entwarf Eun-Me Ahn für den im Mai 2025 in Seoul uraufgeführten „Post-Orientalist Express“ und ließ sie von Yunkwan Design herstellen. Mit fluoreszierendem Licht bringt sie, als wären die eh schon so kräftigen Farben nicht genug, zusätzliche zum Leuchten. Die Formen entstammen einer von asiatischen Traditionen und orientalischer Spiritualität beflügelten Fantasie. Häufig gewechselt und durch das Lichtdesign von Jinyoung Jang in Szene gesetzt, sind sie wesentlicher Teil dieser Show.
Auch wenn in englisch geführten Konversationen der Terminus Show für eine Aufführung gewöhnlich ist, hier, im Deutschen, trifft er den Charakter des Stückes gut. Vieles ist laut (leise Töne sind selten), vieles zielt auf den Wow-Effekt. Es ist eine opulent ausgestattete Bühnen-Show. So scheint es. Das, wovon das Stück eigentlich erzählt, wird von der Menge an optischen und akustischen Reizen fast verschüttet.
Denn mit dem „Post-Orientalist Express“ reisen wir durch den riesigen Kontinent Asien, machen an verschiedenen Orten Station, um von dortiger Kultur ein Häppchen naschen zu können. Mehr kann es nicht sein bei dem Reichtum, den eine jede Kultur in sich birgt. Diesen kleinen Appetizer aber garniert Ahn mit größtmöglicher Lebendigkeit, mit prächtigen Farben und Formen und, nicht zuletzt, mit Tanz und Akrobatik vom Feinsten.

Eun-Me Ahn: „Post Orientalist Express“ (c) Jean Marie Chabot
Der Tanz greift Elemente der jeweiligen Traditionen auf und packt diese ein in deren Zukunft. Sie tritt weit zurück, steht neben dem Zeitstrahl und hat so einen Blick auf das Erbe, seinen gegenwärtigen Zustand und dessen (mögliche) Weiterentwicklung. Sie reißt Staats- und kulturelle Grenzen nieder, öffnet die Gefängnisse von Vermächtnis und westlichem Blick, sie weitet den Horizont, indem sie nach dem Brande, dem sie die Geschichte zum Opfer gab, die Asche, das Ergebnis einer fundamentalen Transformation, als Baustoff nimmt für neuen tänzerischen Ausdruck.
Ahn verwebt koreanischen Salpuri und indischen Bharatanatyam, chinesischen Dengmi und thailändischen Khon, philippinischen Thinikling mit den okinawanischen Eisa-Trommeln. Drehtanz macht uns schwindlig und regungslose Kontemplation still. Die vier Frauen und vier Männer auf der Bühne zeigen eine gewaltige Bandbreite an Bewegungsvokabular. Akrobatik spielt darin eine gewichtige Rolle. Die Tänzer sind zudem hervorragende Artisten. Und sie dürfen zeigen, was sie können.
Jedoch: Es sind vom Kolonialismus gezeichnete Kulturen, deren Selbstbehauptung und Lebenswille sich in der Kraft der Bilder manifestiert. Ihre wieder erlangte Freiheit führt nicht zu bewahrender Stagnation, sondern in selbstbestimmte Entwicklung. Dieser gibt Eun-Me Ahn Raum. Sie dekonstruiert Traditionen und setzt sie neu zusammen, sie sucht nach körperlichen Ausdrucksformen für diesen gigantischen, dynamischen Raum. Die Musik von Young-Gyu Jang verwebt traditionelle Klänge mit elektronischen und treibt die Bilder durch ihre ganz eigenen Stimmungen.

Eun-Me Ahn: „Post Orientalist Express“ (c) Jean Marie Chabot
Das ängstliche Mahnen der Tradition (Vergesst mich nicht im Rausch der Erneuerung!) übergibt sie den Wirbelwinden und Regengüssen, der sengenden Sonne, den Wüsten und den Wellen der Meere. Eun-Me Ahn selbst tanzt ein Solo in einem langen schwarzen Kleid, vorn geschmückt mit einem goldenen Drachen. Denn Tanz begreift sie als „yeouiju“, als „von einem Drachen getragenes Juwel“. Der Präfix „Post“ ist insofern bedeutsam, als dass in diesem Stück wie sehr selten die Zukunft, in die das Geschehen, hier die Fortentwicklung des Tanzes, weist, wirklich auch spürbar gemacht wird. Die Gegenwart inszeniert Ahn als flüchtigen Moment zwischen Gewesenem und Kommendem.
Dieses Stück ist eine folkloristisch-zirzensich anmutende Dekolonialisierungs-Revue, eine Auflehnung gegen die Diktaturen des im Selbstbild Asiens tief verankerten westlichen Blickes und gegen die von Tradition und Moderne. Es ist die Beschwörung einer transnationalen Zukunft, eine Hymne an die Freiheit der Identitätslosigkeit, eine poetisch-spirituelle Liebeserklärung an jenseits aller Institutionalisierung sich entfaltende kulturelle Dialoge und Präsentationsformen, aus deren Schoß neue tänzerisch-performative Hybride wachsen. Eun-Me Ahn kümmert das Geschrei von kultureller Aneignung und Cancel Culture nicht. Sie macht die Wächter jeglicher Korrektheit verstummen. Mit kreativer Unordnung, Austausch, Empathie und Zukunft.
Der „Post-Orientalist Express“ verbindet alles, alle und jeden, Vergangenheit über den Moment der Gegenwart mit der Zukunft, die Kulturen, nicht nur die so verschiedenen, so reichen asiatischen, auch Ost und West, Nord und Süd und am Ende alle Menschen miteinander. Diese Botschaft, getragen von der Hoffnung, ja Überzeugung, dass das möglich ist, ist die zentrale dieses farbenprächtigen, hypnotisch-utopischen Kunstwerkes.

Eun-Me Ahn: „Post Orientalist Express“ (c) Jean Marie Chabot
Und folgerichtig hält sie eine Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea für vorstellbar. Davon aber wird sie in ihrem Stück „North Korea Dance“ erzählen. Am Ende tragen alle die gleichen Kleider (Männer wie Frauen) in den Farben des Regenbogens. So kostümiert entkleidet sie den Menschen, führt ihn zurück auf sich selbst und in die Zukunft, die farbenfroh leuchtend Freiheit und Gleichheit sein kann. Für alle.
„North Korea Dance“
Als sich 2018 eine Phase des Tauwetters in den bis dahin und seither auch wieder äußerst unterkühlten Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea abzeichnete, schöpfte Eun-Me Ahn Hoffnung auf einen Dialog, der der Beginn eines Prozesses hätte sein können, der die beiden seit 1945 geteilten Staaten einander näher brächte. Der Gedanke an eine Wiedervereinigung der beiden aus den selben kulturellen Wurzeln gewachsenen, sich seit dem jedoch so unterschiedlich entwickelnden Länder hält sich in den Köpfen und Herzen einiger Menschen hartnäckig.
Im Tanz als universelle Sprache sieht Ahn ein ideales Kommunikations-Instrument. Und eines, das geeignet ist, Utopien lebendig werden zu lassen. Sie wollte die aktuelle, unter dem kommunistischen Regime entstandene Bewegungssprache des Nordens in eine mögliche Zukunft führen, in eine nach dem Fall der Mauern. Weil nur das Internet einen Zugang dazu erlaubt, bilden unzählige Filme und Mitschnitte nordkoreanischer Tänze die Grundlage für diesen „North Korea Dance“.

Eun-Me Ahn: „North Korea Dance“ (c) Jean Marie Chabot
Solch Material zeigt sie uns am Anfang auf der Leinwand. Wie in einem Uralt-Fernseher und abgedunkelt als Echo aus einem fernen Land sehen wir Volks- und militärische Tänze, Kinder beim Singen und Tanzen, alle gleichgeschaltet mit dressierter Gestik und Mimik. Dann spielt die Musikerin Soon-A Park auf der Gayageum, der koreanischen Wölbbrett-Zither, traditionelle koreanische Musik. Vor dem schwarzen Vorhang.
Die Bühne (von Eun-Me Ahn (Konzept) und Sunny Im), die der sich hebende Grenzwall freigibt, ist wie ein Ballsaal hell und festlich geschmückt. Die Zither als Symbol großer Gemeinsamkeiten spielt weiter. Hinten laufen Jahreszahlen: 1945 bis 2026. Das in Uniformen gekleidete Ensemble tanzt marschierend. Anfangs. Und bald mit bunten Cheerleader-Puscheln. Der Reigen der Nummern ist eröffnet.
Das Militär tanzt in goldenen Kostümen zu koreanischer Popmusik, aufgepeppt mit elektronisch bearbeiteten Sequenzen und akrobatischen Einlagen. Die Besetzung auf der Bühne wechselt häufig, wie in allen folgenden Nummern auch. Volkstanz zu elektronischer Musik, und Ahn in einem Solo. Die 63-Jährige stellt in beiden Stücken selbst getanzte Soli in den Fluss der Beiträge. Ihre tänzerische Ausdrucksstärke, ihre Präsenz und Präzision lassen ihr Alter vergessen. Wirklich beeindruckend.

Eun-Me Ahn: „North Korea Dance“ (c) Jean Marie Chabot
Ein Tanz in der Stille, wie beobachtet hinter einem undurchdringlichen Grenzwall, zeigt die Abgeschiedenheit, in der sich die nordkoreanische Kultur seit der Abschottung entwickelt. Identitätslosigkeit auch hier, aber nicht eben als Ideal für größtmögliche innere Freiheit, sondern als Ziel aller Parteisoldaten. Die ausgeprägte Physikalität des nordkoreanischen Tanzes, Ergebnis eines strengen, schon früh beginnenden Trainingsprogrammes bei der Ausbildung von heranwachsenden Tanzschülern, kennzeichnet diese Studie. Aber auch: Gesten, mit Armen und Händen schieben sie imaginär Bedrängendes von sich weg, signalisieren Ablehnung.
Dann wieder mit Musik (von Young-Gyu Jang), moderne Popmusik, elektronisch angereichert, ins Jetzt geholt mit Verweisen auf Möglichkeiten von Entwicklungen. So auch der Tanz. Diverse Volks-, Dorf- und traditionelle Tänze folgen, präsentiert in verschiedenen Kostümen, alle bühnenwirksam glitzernd (Bühnenbild und Kostüme: Eun-Me Ahn (Konzept) und Sunny Im, hergestellt von Yunkwan Design).
Maskulinität, Kampfkunst, Imitationen von Tieren, zwei riesige siamesische Zwillinge. Mit augenzinkernder Persiflierung nordkoreanischer Pop-Kultur zeigt sie zunehmende Distanzierung vom Diktat der Kulturfunktionäre. Die Virtuosität und Leichtigkeit, mit der die Männer in den akrobatischen Sequenzen über die Bühne springen, fliegen und rollen, ist Ziel allen Handwerks. Sie zeigen sich meisterlich darin.

Eun-Me Ahn: „North Korea Dance“ (c) Jean Marie Chabot
Und dann gehen sie in zwei Reihen auf sich zu, zwischen ihnen eine Linie, reichen sich die Hände über diese Grenze hinweg und vereinigen sich zu tanzenden Paaren. Denn auch auf der menschlichen Ebene, in den Köpfen eines jeden Einzelnen, gilt es, Grenzen zu überwinden. Aufgereiht vor uns stehend: „Alle zusammen!“ Eine hellblaue Fahne wird geschwungen. Vielleicht die des vereinten Korea.
Immer mehr löst sie den Tanz aus der Starre, immer öfter bricht die Synchronizität auf, immer freier wird der Ausdruck, immer lockerer agieren die Tänzerinnen und Tänzer, immer zeitgenössischer wird das Vokabular. Ein Tanz mit Fächern und Video-Animationen stilisierter, geometrischer Fächer-Figuren hinten. Der Himmel aus Volants senkt sich ein wenig herab. Und plötzlich ist Schluss.
Die Hoffnung auf und den Wusch nach einer Wiedervereinigung teilen gewiss nicht alle Südkoreaner mit der Künstlerin Eun-Me Ahn. Dennoch versteht sie sich als Brückenbauerin zwischen sich immer weiter voneinander entfernenden Staaten, Kulturen, Gesellschaften und somit Menschen. Sie kreiert mit „North Korea Dance“ ein Stück, das das Vokabular des Nordens und des Südens miteinander vereinigt. Oder, wie sie über diese Arbeit sagte, „einen Tanz einer ungewissen Zukunft.“

Eun-Me Ahn: „North Korea Dance“ (c) Jean Marie Chabot
In beiden Arbeiten zeigt sich die Kompanie als tänzerisch und artistisch herausragendes Ensemble. Die Farbenpracht der Kostüme, ein im zweiten Stück vergleichsweise reduzierteres Bühnenbild und wirkungsvoll komponierte respektive designte Musik beeindrucken. Alles aber wird durchdrungen und beatmet vom Geist der Choreografin, deren künstlerisches auch immer politisches Engagement ist.
Sie repräsentiert einen Gegenentwurf zu den spalterischen Entwicklungen und ab- und ausgrenzenden Ideologien, die insbesondere die westlichen Gesellschaften vor zunehmende Herausforderungen stellen. Ihr östliches „Sowohl als auch“ kann ebenso als Therapievorschlag für unser westliches „Entweder oder“ gelten.
Eun-Me Ahn mit „Post-Orientalist Express“ am 30.07.2026 im Burgtheater und mit „North Korea Dance“ am 03.08.2026 im Volkstheater Wien im Rahmen von ImPulsTanz.
Rando Hannemann

