WIEN/ ImPulsTanz: Cie. Maguy Marin mit „MAY B“ im Volkstheater Wien
Es ist schon faszinierend, dieses vor 45 Jahren entstandene Stück im Lichte der seit dem vergangenen viereinhalb Jahrzehnte zu sehen. Das Werk des irisch-französischen Schriftstellers und Dramatikers Samuel Beckett, Säulenheiliger des Absurden Theaters (dessen Anfang 1953 in Paris uraufgeführtes Stück „Warten auf Godot“ ist auf das Engste mit seinem Namen verbunden), inspirierte die französische Choreografin Maguy Marin zu ihrem Geniestreich „MAY B“, hier als „ImPulsTanz Classic“ präsentiert.
Zehn weiß gekalkte Figuren mit Karikaturen gleich überzeichneten Merkmalen (eine Hakennase ziert den einen, riesige Ohren den anderen und eine Schlafhaube eine Frau) und ängstlich-traurig-ernsten Gesichtern, Jüngere und Ältere, Frauen und Männer, Fußgänger und ein Rollstuhlfahrer (Symbol für die Unfähigkeit, seinen Standpunkt zu verlassen) bevölkern die Leere. Eine inhomogene, aus der Zeit und jedem Ort gefallene, die Gesellschaft repräsentierende Gemeinschaft also irrt zögerlich trappelnd umher. Mal dicht zusammengedrängt, dann als ratlos Vereinzelte. Sie wissen nicht, wo sie herkommen und wo sie hinwollen. Sie spüren weder, was noch wie ihnen geschieht. Ihre Prozession aber gibt Sicherheit. Die anderen werden schon wissen .
..
Maguy Marin: „MAY B“ (c) Herve Deroo
Alles an ihnen ist lächerlich, skurril. Der weiße Kalk, mit dem ihre weiß gekleideten Körper (Kostüme: Louise Marin) bedeckt sind, staubt bei jeder heftigeren Bewegung. Die gestisch-mimische Interaktion, die gruppendynamischen Prozesse und die Reaktion auf interne und externe Impulse und Reize sind überzeichnete Bilder von ihrer selbst und dem Anderen entfremdeten Menschen, verängstigt, verschreckt, desorientiert, verstört, neugierig, tölpelhaft, zänkisch und vergnügungssüchtig. Walzer und Jahrmarks-Musik und gemeinschaftliche Masturbation erlauben ihnen das Vergessen. Die eingespielte Musik oder Stille begleiten den so stark sich wandelnden Charakter der Szenen (Originalmusik: Franz Schubert, Gilles de Binche und Gavin Bryars).
Sie scheinen traumatisiert. Aber wovon? Sie sind paralysiert, aber nicht ruhig. Sie haben keine Richtung, aber sie bewegen sich. Wie ferngesteuert, es fehlen ihnen individuelle und gemeinschaftliche Visionen, tapsen sie als Marionetten unbekannter, unerkannter Kräfte durch ihre kleine Bühnenwelt. Dennoch entdecken sie am Horizont dieser ihrer kleinen Welt zugleich verheißungsvoll und furchteinflößend leuchtende Lichter am Ende der vielgestaltigen und doch immer gleichen Tunnel, in denen sie sich seit jeher befinden.
Damit wird die Ambivalenz der Figuren und somit der menschlichen Existenz beschrieben. Die Hoffnung auf und das Gefühl einer nahen Erlösung stehen der quälenden Ausweglosigkeit des Daseins gegenüber. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist die zentrale dieses Stückes. Die Radikalität, mit der „MAY B“ auf die Verantwortung eines Jeden für sich selbst und sein Leben hinweist, formuliert auf dem Fundament existentialistischen Denkens „Die Existenz geht der Essenz voraus.“, ist ermutigend und belastend zu gleich.

Maguy Marin: „MAY B“ (c) Herve Deroo
Das Stück untersucht mehrere Ebenen. Psychologisch ist jede und jeder Einzelne per Geburt vor die Herausforderung gestellt, das geworfen Sein in die Welt konstruktiv zu verarbeiten. Einerseits formuliert die damit a priori installierte Einsamkeit die wichtigste Aufgabe: Sich selbst zu lieben, mit allen Aspekten der Persönlichkeit. Andererseits ist damit untrennbar verbunden die Wirkung auf die sozialen Kompetenzen des Einzelnen. Das vermeintlich soziale Wesen Mensch ist ein solches, aus psychologischer Sicht, vor allem aus kompensatorischen Gründen.
Die für das psychische und physische Überleben des Einzelnen und aller notwendige Erfordernis zu kollaborieren schafft Gemeinschaften verschiedenster Couleur. Die Konstitution solcher aber verhindert die Selbstheilung, betäubt – willkommener Maßen – das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit. Streitsüchtige Rechthaber und verunsicherte Duckmäuser können ihren Blick nicht heben. Anschauung und Analyse der sie einbettenden Umstände unterbleibt, Stagnation und Beherrschbarkeit werden konsolidiert.
Ihr Blick wird bestenfalls zur Seite gelenkt, auf ökonomisch und sozial ihres Gleichen, egal welcher Herkunft und welchen Glaubens. Das beschert einigen wenigen unangetasteten Reichtum, gesicherte Einkunftsquellen und fortgesetzte Macht. Und aus deren Sicht möge doch alles so bleiben, wie es ist. Veränderung also kann nur innen und unten beginnen. Dort aber herrschen Angst und Enge.
Diese zehn Gestalten sind ein Abbild der Wirkungen gesellschaftlicher und politischer Um- und Zustände, die sich seit Generationen nicht ändern, trotz immer wieder neu hinzukommender Herausforderungen wie Globalisierung, Klimawandel, Kriegen und Krisen. Die grundlegenden Strukturen und die psychischen, sozialen, gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Mechanismen bleiben die gleichen.

Maguy Marin: „MAY B“ (c) Herve Deroo
Sie finden als Individuen wie als Gemeinschaft keine Strategien, keine Ideologie oder Philosophie. Und keinen Ausweg. Die Zementierung der pluralistischen Orientierungslosigkeit aber ist Programm. Ablenkbar und abgelenkt von ihrer Verantwortung für sich selbst und die Gesellschaft, von ihrer Handlungsfähigkeit und ihrer Kompetenz zu Freiheit bleiben sie willfährige Opfer der sie formenden (neo-) liberalistischen Ideologie.
Auf der politischen Ebene repräsentieren sich zwar ändernde Machtverhältnisse und Zwangskoalitionen, sich trotzdem nicht oder nur marginal ändernde Bedingungen bezüglich sozialer Gerechtigkeit, ökonomischer, ökologischer und ideologischer Zukunftsfähigkeit und moralisch-ethischer Fundamente der Gesellschaft das ewige Warten. Ja, auf was eigentlich? Die Absurdität ihrer äußeren Erscheinung, ihres individuellen und Sozialverhaltens sowie der verschiedenen Situationen und Zustände, in die sie geraten (sie sind mitnichten Schöpfer ihrer Lebensrealität), siedelt sich an zwischen bitterer Komik und in groteske Bilder übersetzte Realität.
Zum Ende hin aber raffen sie sich auf. Reisefertig mit Koffern und farbiger Oberbekleidung sammeln sie sich. Sie scheinen ihre Handlungsmacht und die Verantwortung für sich und die Gemeinschaft erkannt zu haben. Sie bilden Paarungen und Paare, separieren sich in kleine Solidargemeinschaften. Anhand dieser beschreibt Maguy Marin die Ursachen der Stagnation vor allem als psychische Konditionierung: Symbiotische Beziehungen, Angst vor Veränderung, die Weigerung, eigene Überzeugungen zu hinterfragen, unterlassene Emanzipation von sozialer, religiöser und territorialer Herkunft und die Ausgrenzung Andersartiger.
Und: Schon vor 45 Jahren antizipierte Maguy Marin die Dissoziation von sozialen Gefügen, die grassierende Aufspaltung der Gesellschaft in immer kleinere, sich voneinander unterscheidende und sich gegenseitig ausgrenzende Fraktionen.

Maguy Marin: „MAY B“ (c) Herve Deroo
Aber ihre Reise führt ins Nirgendwo. Sie bewegen sich in Kreisen, kurz verschwunden und doch, in sich selbst gefangen, wieder als die Selben erscheinend. Der Mutigste, der Individualist, friert im Zentrum der Bühne ein, von allen anderen allein gelassen auf seinem Weg. Handlungsfähigkeit existiert nicht bloß als Ahnung. Der erste Schritt auf dem Weg zur Selbstbestimmung ist gegangen.
Es kollidieren Stagnation und Evolution, Tod und Leben, Angst und Freiheit.
Die immer gleichen Begierden, die nur in ihrer Erscheinungsform sich wandelnden Mittel und Methoden zementieren das immer gleiche Bild der Gesellschaft. Wenige Reiche beherrschen viele sehr viel weniger Wohlhabende, missbrauchen ihre Macht zu ihrem Vorteil und sichern sich diese mit Lügen, Intrigen und vor allem Gewalt. Und jener Gewalt wird während des Schluss-Applauses noch einmal überraschende Präsenz verliehen. „FREE PALESTINE“ hält die Kompanie vor ihren Körpern. Zwei Männer (vielleicht jüdischen Glaubens und israelischer Herkunft?) bahnen sich mit physischer Gewalt einen Weg durch das stehend applaudierende Publikum nach draußen, ihre Mittelfinger wutentbrannt gen Bühne reckend.
Es gibt nur wenige Arbeiten, die sich das Prädikat „zeitlos“ verdient haben. Maguy Marins „MAY B“ gehört auf erschreckende, beunruhigende und aufrüttelnde Weise dazu. Denn dieser Spiegel ist kein Zerrspiegel. Ganz im Gegenteil. Er zeigt uns uns selbst, er wirft das Bild einer großen Versammlung von Individuen zurück, die im Völlegefühl ihrer suggerierten Selbstbestimmtheit um die ideologischen Narkotika, die sie täglich schlucken, nicht wissen. „MAY B“ begleitet uns auf unserem Egotrip. Mit wachsender Bedeutung.
Cie. Maguy Marin mit „MAY B“ am 21.07.2026 im Volkstheater Wien im Rahmen von ImPulsTanz.
Rando Hannemann

