WIEN/ ImPulsTanz: Compagnie Non Nova – Phia Ménard mit „nocturne (Parade)“
Es hat lang gedauert, bis das Publikum zu applaudieren begann. Phia Ménard entführt ihre Zuschauer in die Welt des Erlkönigs, dem Goethe in seinem so berühmten Gedicht übersinnliche Kräfte zuschrieb. Diese aber sind „nur“ die Ahnungen eines in seiner Dichtung fiebergetränkten kindlichen Geistes. Wie viel davon die heutige Welt widerspiegelt, wird in ihrer davon inspirierten Performance „nocturne (Parade)“ sichtbar, hier als Österreichische Erstaufführung gezeigt.
Das Schicksal ihres geliebten Vaters, den sie bis zu seinem Tod pflegte, beeindruckte sie tief. Er wurde als Wehrdienstleistender in den Algerienkrieg (1954-1962) gezwungen, überlebte ihn zwar, wurde aber in Folge der Erlebnisse und Eindrücke dort zum glühenden Pazifisten. Der Denker und Dichter erholte sich nie ganz von den traumatisierenden Erfahrungen im Krieg. Sein Vater überlebte einen Krieg, sein Großvater fiel im Ersten Weltkrieg.

Cie. Non Nova – Phia Menard: „nocturne (Parade)“ (c) Sigrid Spinnox
Einer solcher Maßen von Kriegen gezeichneten Familie entstammt die französische Künstlerin, Performerin, Choreografin und Jongleurin Phia Ménard, die seit 2008 Performance-Reihen zur Erforschung von Transformation und Erosion entwickelt. Die Stücke der Reihen „Ice Cycle“, „Wind Cycle“, „Water and Steam Cycle“, „Sublimation Cycle“, „Garden and Ruins Cycle“ und „Wind Pieces“ wurden bislang in weltweit über 50 Ländern gezeigt.
Mitte 2025 entstand „nocturne (Parade)“, Teil des letzten Zyklusses, als direkte Reaktion auf den Tod ihres Vaters. Phia Ménard, Fabrice Ilia Leroy, Cécile Briand und Clarisse Delile schufen eine Reihe von teils transparenten, teils schwarz gefärbten, mit einem Skelett bemalten und bunten Puppen aus hauchdünner Plastik-Folie, die sie in unserer Mitte tanzen lassen als von künstlichen Winden belebte Gestalten, getrieben von den Stürmen der sie umgebenden Zustände.
Der Klang eines laufenden Pferdes empfängt das Publikum auf der Bühne des Burgtheaters. Fast zusammengepfercht als kreisrund installierte Masse umringt das Publikum den Schauplatz, eine ebenfalls runde, von Ventilatoren umstandene Zentral-Bühne. Und das Schauspiel beginnt. Stockdunkel ist es, während die 1782 von Johann Wolfgang von Goethe verfasste Ballade „Erlkönig“ auf deutsch rezitiert wird. Danach, mit etwas Licht, erklingt Franz Schuberts Vertonung. Schwarze Fahnen werden geschwungen, „NOCTURNE“ von Phia Ménard, Fabrice Ilia Leroy erscheint als Tod mit Totenschädelfahne, die im Winde knattert wie Gewehrsalven.

Cie. Non Nova – Phia Menard: „nocturne (Parade)“ (c) Sigrid Spinnox
Ein Kind aus transparenter Folie tanzt von den Ventilatoren angehaucht einen (an-) klagenden Hilfeschrei in den Aufwinden. Ménard gibt ihm einen Reifen in die Hände. Klassische Musik. Ein Kindheitsfoto zeigt, wie sie erzählt, ihren Vater mit einem Reifen in der Hand und seinem zum Schrei erstarrten Gesicht. Als würde er wie Blechtrommel-Oskar nicht erwachsen werden wollen in dieser von Kriegen gebeutelten Welt. Die drei performenden echten Menschen Phia Ménard, Cécile Briand und Fabrice Ilia Leroy stehen wie zu einer Schweigeminute versunken um die Bühne herum.
Und dann erscheint ein Pferd auf der Bühne. Auf seinem Rücken ein Kind. Das runde Holzplateau besitzt eine Reihe von Klappen, unter ihnen Speicher für die Folien, die sich erst im Wind der Ventilatoren entfalten. Skelette, immer mehr, tanzen wild im Aufwind. Der Sound (von Ivan Roussel) gibt krachend Kriegslärm dazu. Und dann Mozarts Arie der Königin der Nacht „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“, vergewaltigt von Florence Foster Jenkins, der amerikanischen „Diva der falschen Töne“.
Schlachtgetümmel, Totentanz und Kanonendonner. Was danach bleibt, ist ein Vater (Ménard), der sein totes Kind weinend und anklagend vor sich hält. Spiralen drehen sich am Boden. Und dann: Spielzeuge und wie Sportler gekleidete, übergroße Figuren, viele, dicht gedrängt. Sie rotieren im Wind zu Marschmusik. Soldat und Tod werfen Bomben. Alles dreht sich in wahnwitzigem Tanz. Phia Ménard als Soldat mitten drin. Der Tod erscheint im Priestergewand, mit Gewehr bewaffnet als Segner und als Mörder.

Cie. Non Nova – Phia Menard: „nocturne (Parade)“ (c) Sigrid Spinnox
Es ist ein Rausch und Schmaus für den Tod, immer rasanter und erregender, das Licht blitzt und wird blutrot (Lichtdesign: Eric Soyer). Und dann verebbt der Wind, alle sinken als leere Hüllen zu Boden und werden in den Klappen verscharrt. „Papa“ steht auf einem Zettel. Der auch. Die Bühne ist wieder frei. Für das nächste Mal.
Ob offener Krieg oder verdeckter, ob sportlicher Wettkampf, ökonomischer Wettbewerb oder streitende, gewalttätige Religionen. Das sind die maskierten Gesichter des Krieges. Dessen Fortsetzung mit anderen Mitteln. Im Frieden. Aber Frieden ist das nicht.
Als würden sie sich im Himmel wieder begegnen und endlich frei und friedlich leben können. Aus schwebenden Bänder-Bündeln erwachen die Getöteten zu Spielenden, Lachenden und Liebenden. Zuletzt schwingt sie eine transparente Fahne über den Gästen. Rundherum. Als Warnung. Denn wer auch immer mit Fahnen weht und Folgschaft fordert: Schaut hin! Prüft genau! Lasst euch nicht einfangen von all den Verführern! Lasst euch nicht belügen von Mächtigen und Gierigen! Es ist immer das Gleiche: Es kommt allmählich.
Es ist in unserer Mitte, es kommt aus uns. Krieg und Faschismus sind Teil des Menschen und des Menschseins. Es ist eine nie versiegende Quelle für Unheil und Leid. Ob in Palästina, der Ukraine, im Iran, in vielen Regionen Afrikas oder Myanmar, ob in Weltkriegen, dem Algerien- oder dem 30-jährigen Krieg: Es sind die Mächtigen, die die Massen zu Kanonenfutter machen.

Cie. Non Nova – Phia Menard: „nocturne (Parade)“ (c) Sigrid Spinnox
Die Zerbrechlichkeit aller noch so friedlich erscheinenden Um- und Zustände übersetzt Phia Ménard in atemberaubend poetische Bilder „zwischen Anmut und Chaos“, wie sie in ihrem künstlerischen Statement zu dem Stück beschreibt. Wir bestaunen das so noch nie gesehene ewige pas de deux von Leben und Tod, werden gefangen von der einzigartigen Ästhetik der Bilder und enden beklommen ob der Brutalität des Geschehens auf der Bühne.
Der Erlkönig wird zum Symbol einer (eben auch missdeutbaren) Bedrohung. Damit weist sie auf verschieden interpretierte und bewertete Anzeichen für (mehr oder weniger) deutlich sichtbare Entwicklungen in unserer Gesellschaft, in verschiedenen Regionen der Welt und in dieser als Ganzes. Mit dem Schluss dieses engagierten und bewegenden Anti-Kriegs-Stückes setzt sie ihrer beinahe trotzigen Hoffnung ein Bild: Frieden ist möglich! Es liegt an uns.
Compagnie Non Nova – Phia Ménard mit „nocturne (Parade)“ am 25.07.2026 im Burgtheater (Bühne) Wien im Rahmen von ImPulsTanz.
Rando Hannemann

