Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ ImPulsTanz: Ballet du Grand Théâtre de Genève / Sidi Larbi Cherkaoui mit „Imperial Ball“

05.12.2025 | Ballett/Performance

WIEN/ ImPulsTanz: Ballet du Grand Théâtre de Genève / Sidi Larbi Cherkaoui mit „Imperial Ball“

 Rauschende Ballnacht und Krieg, okzidentalischer Gesellschaftstanz und orientalischer Kampfsport, europäischer Orchesterklang und traditionelle japanische Musik begegnen sich in dem neuen Stück des belgisch-marokkanischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui, einer Produktion des Grand Théâtre de Genève und Johann Strauss 2025 Wien und der Eastman Dance Company in Kooperation mit ImPulsTanz und dem Tanzquartier Wien.

 Cherkaoui drang gemeinsam mit dem Dirigenten Constantin Trinks in die Welt der fast 600 Kompositionen von Johann Strauss Sohn mit dem Ziel, eine Auswahl von geeigneten Musikstücken für diesen am 19. November 2025 in Genf ur- und hier in Österreich erst-aufgeführten „Imperial Ball“ treffen zu können. Das Ergebnis, der eine Teil des musikalischen Gesamt-Konzeptes, sind Walzer, Märsche, Polkas und Quadrillen, live gespielt vom Wiener Kammerorchester unter dem Dirigat von Trinks.

bal imperial pg
Ballet du Grand Théâtre de Genève / Sidi Larbi Cherkaoui: „Imperial Ball“ (c) Filip Van Roe

 Einen Gegenpol bildet traditionelle japanische Musik des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ebenfalls live, jedoch direkt auf der Bühne getrommelt, gezupft, gesungen und performt von Tsubasa Hori, Shogo Yoshii und Kazutomi „Tsuki“ Kozuki. Anfang und Ende des als Dreiakter deklarierten, ohne Pausen und spürbare Abschnitte präsentierten 90-minütigen Werkes markieren fernöstliche Perkussion und Stimmen.

 Sie rahmen die Melange aus Wienerischem Pop der Zeit Franz Josephs I., der Etikette und Begehren, der feierlaunige, betörend-betäubende Lebenslust und unterschwellige, morbid-schwermütige Todessehnsucht miteinander verschränkt, und japanischer früh-minimalistischer Musik. Der Soundtrack zu dieser Ballnacht ist dramaturgisch fein arrangierter und intonierter west-östlicher Kaiserreichs-Rock.

 Geschlechtliche Normative über alle Haufen werfend, tanzen die 21 Damen und Herren des großartigen Ballet du Grand Théâtre de Genève eine Fülle von Rollen. Allein diese Liste erlaubt das Erahnen des Reichtums der Aspekte und Perspektiven dieser Inszenierung: Kommandant und Benzaiten (eine Muse für Künstler, Musiker und Tänzer), Soldaten, Damen Yin und Yang, Hofstaat, die griechischen Göttinnen der Rache Nemesis und des Mondes Selene, Schattenkrieger, die römische Göttin der Baumfrüchte, Obstbäume und Gärten Pomona, Schattenritter und japanische Gesandte.

2 sidi larbi cherkaoui imperial ball (c) gregory batardon
Ballet du Grand Théâtre de Genève / Sidi Larbi Cherkaoui: „Imperial Ball“ (c) Gregory Batardon

 Das allein klingt wie eine Steilvorlage für den Hongkonger Bühnen- und Kostümbildner Tim Yip. Für das Szenenbild von „Tiger & Dragon“ erhielt er 2001 den Oskar. Diesen imperialen Ball stellte er ins Innere eines Gotteshauses mit dessen reich geschmückter gotischer Fensterfront im Hintergrund. Davor eine zum Bersten beladene mobile Tafel. Die Kostüme: Barocke Pracht für die Damen (ihr damals aufgeblasenes Hinterteil ist nur noch rüschenumkränztes Nichts, zuweilen auch nach vorn gedreht), Göttinnen in Zierrat, Soldaten in der Uniform der Kaiserlichen Leibgarde am Hofe Maria Theresas 1740 und Pomona räkelt sich fruchtbehangen auf übervoller Tafel.

 Diese Überladenheit des Österreichischen Bürgertums im ausgehenden 19. Jahrhundert konfrontiert er mit der zurückgenommenen Schlichtheit der in bodenlanges Schwarz gekleideten Japaner. Tim Yip inszeniert die zwei Schwestern Opulenz und Dekadenz. Er lässt Welten kollidieren. Er analysiert Gewesenes, schaut Jetziges und antizipiert Kommendes.

 Bühnenbild und Kostüme sind wesentlich für Cherkaouis Geschichte. Die bunte Fensterfront dreht sich nach hinten. Grau ist, was bleibt. Krieg schaute blinder Vergnügung mit glühend leuchtenden Augen in die Seele. Zum sakralen Akt erhobene Selbstbeweihräucherung wird zur Fassade. Das, was sie nur dürftig verbirgt, wird durch die nach hinten gedrehte Fensterfront offengelegt: Das Dunkle, Morbide, Nekrophile.

3 sidi larbi cherkaoui imperial ball (c) gregory batardon
Ballet du Grand Théâtre de Genève / Sidi Larbi Cherkaoui: „Imperial Ball“ (c) Gregory Batardon

 Der in der Musik so ausgelassen gefeierten Biophilie stellt Cherkaoui jene Liebe zum Toten gegenüber. Sein und der Feinsinn des Dirigenten Constantin Trinks finden sie in den Strauss’schen Kompositionen unter ihrer weltweit und von Anbeginn so geliebten Seligkeit. Die bedient nach wie vor und fortgesetzt unreflektiert das Wiener Neujahrskonzert. Es sendet mit der Musik einer längst vergangenen Epoche und dem Radetzkymarsch als dem stimmungsvollen Kulminationspunkt im Besonderen alljährlich fragwürdige Zeichen in die Welt: missverstandene, weil missdeutete musikalische Boten eines auf Kriegskurs dem Abgrund entgegensteuernden Kaiserreiches.

 Die wahrlich ungeheure Komplexität des Stückes entsteht durch die Verschränkung von scheinbar unvereinbarem. Tänze, Kulturen, Befindlichkeiten, Ideologien und Glaubenssysteme werden als Reaktanten in diesen historischen Schmelztiegel gegeben. So entsteht aus Walzer und argentinischem Tango ein überraschend organisch anmutender Paartanz für eine globalisierte Welt. Als ein Vorschlag von den vielen, die Sidi Larbi Cherkaoui uns unterbreitet.

 Zeitgenössischer Tanz wird belebt durch asiatische Kampfkunst, Shaolin, Martial Arts und Schwertkampf werden zu natürlichen Elementen von Gesellschafts- und Bühnentanz. Es ist ein Stück der Gegensätze, vereint durch die Ethik des fernöstlichen Schwertkampfes. Der aber hat noch einen zweiten Partner. Eine Kunst, die Körper und Geist trainiert, die auch das Konfliktlösungs-Potential der Beteiligten heben soll, fließt in den ungelösten, gewalttätig ausgetragenen Konflikt, den Krieg.

4 sidi larbi cherkaoui imperial ball (c) gregory batardon
Ballet du Grand Théâtre de Genève / Sidi Larbi Cherkaoui: „Imperial Ball“ (c) Gregory Batardon

 Die schwarzen Schattenkrieger, deren Ablehnung des Fremden, sind das inkarnierte Unbewusste. Die weißen Soldaten hingegen repräsentieren die offen forcierte Militarisierung des Denkens und der Gesellschaft. Die Aktualität allein dieser zwei Figurengruppen und deren Dominanz in diesem Stück beängstigen. Nachdem die Frauen die Soldaten erschossen, besteigt die Göttin des gerechten Zorns Nemesis eine Barrikade aus toten Männern und stehenden Frauen. Wie Jeanne D’Arc auf ihren Barrikaden thront die golden Maskierte. Und die Sanduhr ist abgelaufen.

 Cherkaoui zeigt, wie durch die Verschmelzung von Tänzen, Musik und Traditionen Kulturen entstehen können, deren Schönheit und Reichtum weit mehr ist als die Summe ihrer ursprünglichen Bestandteile. Die Transformation von Kampf in Kunst und Konflikt in Einheit und (An-) Erkenntnis ermöglicht bislang unbekanntes Wachstum, bislang blockierte Entwicklung. Eine Ahnung davon vermittelt der Choreograf mit seinem „Imperial Ball“, einer Begegnung nicht nur des kaiserlich-königlichen österreichisch-ungarischen Reiches und des japanischen jung-kaiserlich restaurierten Mejdi-Imperiums.

 Das zu Grunde gehende europäische und das zur Weltmacht aufstrebende japanische Kaiserreich treten sich hier mit ihren fundamentalen Werten gegenüber. Die heute, und darin liegt die beunruhigende Aktualität dieses Stückes, zu beobachtende selbstgefälligkeits-induzierte und wohlstands-narkotisiert hingenommene Schwächung einstiger deutscher und europäischer ökonomischer und politischer Macht hat die selben Ursachen wie der damals schon ruchbare Zerfall der k.u.k. Monarchie.

5 sidi larbi cherkaoui imperial ball (c) gregory batardon
Ballet du Grand Théâtre de Genève / Sidi Larbi Cherkaoui: „Imperial Ball“ (c) Gregory Batardon

 Für den abschließenden Walzer „Accelerationen“ legen sie die Kleider ab. Nur noch minimal bedeckt, entkleidet aller Moden, Traditionen, Rollen, Zugehörigkeiten und Sehnsüchte, taumeln sie zu dieser den technischen Fortschritt feiernden Musik mit stampfenden Maschinen und stetiger Beschleunigung ihrem eigenen Untergang entgegen. Diese den Technologen von 1860 zugedachte Amüsier-Musik nimmt den Schlachten-Lärm der kommenden Katastrophen vorweg.

 Alle tragen mit blutenden Wundmalen Zeichen ihrer körperlichen und seelischen Verletzungen und Wunden. Sie sinken auf die Knie im Spot-Licht ihres individuellen Leides, bar jeden Widerstandes. Jeder für sich voller Hingabe an Seiendes. Durch ihre Mitte, begleitet von auf japanisch gesprochenen Worten, schreitet ein Schwertkämpfer im silbrigen Harnisch aus schönem, wehrhaftem Blattwerk und zwiefach maskiert, erblüht zu einem fantastisch-fabelhaften Wesen. Er weiß um Rachedurst und Angst. Er eint in sich, in seinem Herzen, jene Antagonismen, die sich sonst nur auf den Schlachtfeldern dieser Welt durch ökonomischen, politischen, physischen oder psychischen Tod zu einen wissen.

 Mit dem Schlussbild formuliert Cherkaoui eine Botschaft von gewaltiger Tragweite. Die Menschheit besitzt die Werkzeuge zur Beendigung der vielen kriegerischen Konflikte, zur Beilegung der so unterschiedlichen und doch in Gleichem wurzelnden zerstörerischen Auseinandersetzungen. Im Großen wie im Kleinen. Es gilt allein, die Macht der noch stärkeren, niederen Triebe zu bändigen. Das sind Errungenschaften von Kultur: Den Menschen in seiner Ganzheit, mit seinem So-Sein anzunehmen und ihm trotzdem Grenzen zu setzen. Um ihm seine Freiheit zu schenken.

6 sidi larbi cherkaoui imperial ball (c) gregory batardon
Ballet du Grand Théâtre de Genève / Sidi Larbi Cherkaoui: „Imperial Ball“ (c) Gregory Batardon

 Wenn man aufhört, die Unfreiheit zu fürchten und den Geist mit ihr versöhnt, erfährt man wahre Freiheit.“, so der japanische Text. Sidi Larbi Cherkaoui bietet uns nicht nur (seine) Freiheit an. Er schafft Frieden dort, wo jeder Frieden beginnt: Im Herzen. Und damit in der Welt. Das ist sein in „Imperial Ball“ verpacktes Geschenk an die Menschheit. Ein grandioses Werk!

 Ballet du Grand Théâtre de Genève / Sidi Larbi Cherkaoui mit „Imperial Ball“ am 03.12.2025 in der Halle E des Museumsquartiers Wien im Rahmen von Johann Strauss 2025 Wien.

 Rando Hannemann

 

 

 

Diese Seite drucken