WIEN/ ImPulsTanz: Alexandra Bachzetsis mit „Rush(es)“ im Odeon
Die in Zürich ansässige Schweizer Choreografin und Bildende Künstlerin Alexandra Bachzetsis verwebt in ihren Arbeiten Tanz, Performance, Bildende Kunst und Theater. Dieser interdisziplinäre Ansatz als Methode, kombiniert mit der Pluralität ihrer Welt- und Menschen-Sicht, führt zu einer ästhetisch unverwechselbaren, eigenen Handschrift und zu vielschichtigen, gesellschaftspolitische Zustände und individuelle Konditionierungen in ihren gegenseitigen Bedingtheiten untersuchenden Sujets.
Bachzetsis, zuletzt 2021 mit „Private Song“ (einer 2017 auf der Documenta 14 in Athen uraufgeführten, für drei Tänzerinnen und Tänzer konzipierten Arbeit über Griechenland) bei ImPulsTanz zu Gast, führt nun mit der Österreich-Premiere ihres im September 2025 im Kunsthaus Zürich erstaufgeführten Solo-Stückes „Rush(es)“ durch einen Reigen habitueller Transformationen.

Alexandra Bachzetsis: „Rush(es)“ (c) Olivier Lovey
Sie empfängt das Publikum als Vamp mit roter Mähne, die ihr Gesicht komplett verdeckt. Schenkelhohe Gummistiefel persiflieren lack-lederne Bettstiefel. Denn ihr steht das Wasser bis zum Hals. Als gesichtsloses Objekt mannigfaltiger Begierden schwimmt sie in den Fluten der sie umspülenden Fremdbilder, bewegt ihre Beine mit den Händen, kommt nicht zum Stehen. Ihr Selbstbild kann sie nicht tragen.
Damit führt sie ein in die folgenden Verwandlungen. Eine Frau auf der Suche nach psychischen Überlebensstrategien. „No rush! Slow down!“ Mehr eingespielter Text wird folgen. Ihre Rolle als Hausfrau untersucht sie mit Hilfe eines Ko-Performers. Ein Staubsaugerroboter wird zum sie umkreisenden Automaten, der sie in das Zentrum einer chauvinistischen Heim-und Herd-Ideologie stellt.
Sie möchte ein Hund sein, Objekt bedingungsloser, fürsorglicher Liebe, ein Teil des Rudels, fähig, zu folgen und zu dienen. Allein mit diesem Bild legt sie fundamentale Defizite bei der Positionierung des (nicht nur weiblichen) Individuums sich selbst gegenüber als Folge familiärer, sozialer und gesellschaftlicher Ächtung frei. Die alte Schnulze „Sealed with a kiss“ läuft. Sehnsucht als Massenware, Bedürftigkeit als Motor für Anpassung und Selbstbetrug.

Alexandra Bachzetsis: „Rush(es)“ (c) Olivier Lovey
„Ich habe keine Identität. Identität ist ein Vektor.“ Aus an das Publikum verteilten Lautsprechern tönen sich überlagernde Fetzen vom Worten und Sätzen. Es sind die aus ideologischen, religiösen und politischen Intentionen vergorenen Säfte, wegen ihres zwingenden Charakters Nährstoffe für Entfremdung. Gleichzeitig klingen sie als die Sprache verinnerlichter Instanzen, Spiegel einer paradoxerweise resultierenden Orientierungslosigkeit.
Viele Selfies schießt sie mit einem damit bespaßten Publikum, ihr Gesicht per Maske zu einem anderen, vielleicht noch schöneren gemacht. Schönheitskult und Genusssucht (sie nascht gemeinsam mit dem Publikum Chips). Jede Rolle geschwängert mit einer zunehmenden Laszivität. Die Möglichkeiten, die die sich ausweitende Digitalisierung bietet, sind willkommene Pflaster. Mit Reichweite gegen die Einsamkeit. Sie verwebt Begehren und Begehrlichkeiten, treibt sich mit einer imaginären Peitsche in der Hand durch die individuellen und gesellschaftlichen Normierungen. Das Metronom, sein Tempo ist hoch, klickt unerbittlich. Final nähert sie sich pumpend einem zeitgeistlich gepushten, sportiv-attraktiven Körperbild. Gesundheit, Kraft und Jugendlichkeit als Heilmittel gegen die Angst vor der Ablehnung. Und mit Fitnesswahn gegen den Tod.

Alexandra Bachzetsis: „Rush(es)“ (c) Olivier Lovey
Die Texte stammen von Lee Lozano, die Kostüme von Laurent Hermann Progin, konzeptionell beriet sie Stephen Thompson (ehemaliger Eiskunstläufer, von der New York Times 2014 zu einem der besten männlichen Tänzer gekürt, dem Wiener Publikum aus Arbeiten mit Trajal Harrell, Benoît Lachambre, Adam Linder und Antonija Livingstone bekannt), den Sound schuf Alban Schelbert, die Bassklarinette spielte Florian Walter. Das Bühnenbild erarbeiteten Alexandra Bachzetsis und Ivan Wahren, der auch für Licht und Video verantwortlich zeichnet. Ein namhaftes Team also bei diesem Solo.
Der Koffer, der die Utensilien für all diese Frauenbilder beherbergt, ist wie eine Seele, in der sich die Eingießungen so vieler unheiliger Geister versammeln. Lustvoll zelebriert sie den Prozess der Verwandlungen aus diesem Koffer heraus, veröffentlicht die Transformation selbst und deren Ergebnis, lässt das Publikum teilhaben an der Konstruktion immer neuer, anderer Identitäten. „Transition. Masturbation.“ Jede Rolle ist ein rauschhafter Genuss für sich, der ständige Wandel ein einziger Trip.

Alexandra Bachzetsis: „Rush(es)“ (c) Olivier Lovey
Sie konstruiert und dekonstruiert gleichzeitig ein Set von Krücken für das Selbstwertgefühl. Bedürftigkeit wird zu Ursache und Wirkung all dieser Transformationen. Und solcher Maßen perpetuiert sich die Entfremdung, brennt sich ein in das psychische Gen-Material und wird zum Objekt Generationen übergreifender seelischer Vererbung. Gemeinschaften aus solcherlei deformierten Individuen oder gar eine von diesen gebildete Gesellschaft können somit gar nicht anders als diese Sackgasse zu preisen. Alles aber durchwirkt die Angst, nicht zu genügen.
Begehren ist das autoerotische Gesicht der Sehnsucht, sich geliebt zu fühlen. Lust wird zum Werkzeug zur Gefühlsvermeidung (je erfolgreicher diese, umso rauschhafter der Genuss der Verwandlung), wird zum Fluchtfahrzeug vor einem defizitären Selbstbild. Den Qualen, die die schonungslose, absolut ehrliche Selbstanschauung bereiten würde, stemmt sich das Individuum mit mannigfaltigen Identitätskonstrukten entgegen, als Massenphänomene gesellschaftlich legitimiert, die Medien zur Substitution missbrauchend und mit Hilfe ganzer Industrien kapitalisiert.

Alexandra Bachzetsis: „Rush(es)“ (c) Olivier Lovey
„Rush(es)“ beschreibt, feinnervig beobachtet und analysiert, zwischen Intimität und Extrovertiertheit individuelle und gesellschaftliche, private und öffentliche Identitätspolitiken, deren Kultivierung patriarchale Strukturen, kapitalistische Interessen und, insbesondere, die allem zu Grunde liegende und alles antreibende Kompensation psychischer Defizite bedient. Am Ende nämlich wächst ihr Schatten zu einem die ganze Szenerie verdunkelnden Ungeheuer.
Dieser Schatten, im C. G. Jung’schen Sinne die Summe aller verdrängten, unbewussten Persönlichkeitsanteile, die nicht mit dem bewussten Ich-Ideal übereinstimmen, wächst von Verwandlung zu Verwandlung und wird schließlich zu einer bedrohlichen Macht in uns. Unbewusst, unerkannt, unbearbeitet und ungeheilt häufen wir somit mit jeder neuen, das Selbst sabotierenden Wandlung zusätzliche, von innen heraus wirkende seelische Explosivstoffe an.

Alexandra Bachzetsis: „Rush(es)“ (c) Olivier Lovey
Die unbewusste (und so willkommene, weil Selbstanschauung und also Schmerz vermeidende) Opferhaltung wird sublimiert in ein destruktives Schöpfertum, dessen Kreativitätspotential mit der Angst vor sich selbst zunimmt. Eingesetzt mit dem Ziel, die immer gleichen zu Grunde liegenden Strukturen zu verschleiern respektive deren Erkenntnis zumindest zu erschweren oder sogar unnötig erscheinen zu lassen. Die Frage „Wer bin ich?“ bleibt unbeantwortet. Letztlich weist Bachzetsis auf die Verantwortungslosigkeit des Einzelnen sich selbst und damit auch der Gesellschaft gegenüber.
Alexandra Bachzetsis mit „Rush(es)“ am 11.07.2026 im Odeon Wien im Rahmen von ImPulsTanz.
Rando Hannemann

