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WIEN: ImpulsTanz 2019 – mit Sex und Blut lebt es sich ganz gut

13.07.2019 | Ballett/Tanz

ImpulsTanz 2019 – mit Sex und Blut lebt es sich ganz gut

Die diesjährige Wiener IMPULSTANZ–Performancereihe ist gestartet. Über 60 Events sind angekündigt – überwiegend mit kleinen Ensembles, Einzelgängern, Duos in nicht allzu langen Programmen. Zum Auftakt hat sich die Tanzkompanie des Linzer Landestheaters, TANZLIN.Z, mit dem von ihr im Vorjahr einstudierten Remake von Hans Kresniks Blutoper „Macbeth“ im Wiener Volkstheater eingestellt. Nun, es ist keine Oper, sondern ein brüsk ausgespieltes und getanztes wildes Spektakel – wohl aber mit einigem schaudervollen Geschrei.

1988 war es, da haben sich drei Österreicher für das Theater der Stadt Heidelberg an diese total grelle Adaption von Shakespeares mörderischem Machtkampfdrama herangemacht. Der Kärntner Hans Kresnik, Jahrgang 1939, hat sich in Deutschland ab den 70er Jahren als Choreograph hochexpressiver Tanzstücke mit aktuellen Zeitbezügen und Faschismus-Kritik einen Namen gemacht. Seine Stationen mit ‘choreografischem Theater‘ waren Bremen, Heidelberg, Berlin, Bonn. Für „Macbeth“ hat ihm Gruselmaler Gottfried Helnwein eine modisch perfekt gestylte Ausstattung abgeliefert, und Edelkomponist Kurt Schwertsik setzte mit einer vierhändig gespielten Klaviermusik einen minimalistischen Kontrapunkt dagegen. Das ergibt sehr wohl eine durchaus originelle, in einer hellen weiten Leichenhalle beginnende Geisterbahn mit gezielt angepeilten Schockeffekten. 

Thematisch ernst gedacht, doch Kresnik kreierte eine Folge skurril ausgespielter Sequenzen mit Morden, Messerkämpfen, Folterungen, Wahnsinnsszenen, etc. Auf lustig getrimmt sind diese Grotesken über Schreckensherrschaft und Blutrausch doch auch wieder nicht, und so mancher Effekt wird beim grimmigen Abschlachten zu sehr ausgeschlachtet. Doch diese explosive Kunstpackung mit ihren vielen Gewalttätigkeiten kann über weite Strecken die Spannung und Neugier wachhalten. Und die Tänzer von TANZLIN.Z setzen sich auch mit hundertprozentiger Mordslust ein.

Die Facebook-Affaire mit den gesperrten Seiten bezüglich anstößiger Fotos konnte von Impulstanz bereinigt werden: Bitte, es sind künstlerische Events, keine Porno-Shows! Und doch, so ganz ohne ist die Sache nicht …. Mette Ingvartsen, eine gertenschlanke hochgewachsene Dänin führt sanft und dezent charmant, doch mit immens energiegeladen in die Kunst des Orgientheaters ein. Nun, es ist eine Serie mit vier Programmen, in der über Sexualität innerhalb gesellschaftlicher Strukturen mit drastischem wie freizügigen Körpereinsatz reflektiert wird. Abend Nr. 1, „About 69 Positions“, Ingvartsen im Alleingang splitternackt lesend, dozierend, tanzend im Rund der um sie stehenden Zusehern. Garniert auch mit Sex-Videos und historischen Illustrationen von Orgien.

Ingvartsens Ausgangspunkt: der in den USA der 60er Jahre beginnende Kampf um sexuelle Freiheiten und Rückblicke auf diesbezügliche Aktionen. Somit ihr Aufruf heute: Lasst uns eine Orgie gestalten! So ähnlich jedenfalls. Lustvoll am Boden liegend und dies nüchtern kommentierend, sich wälzend, kriechend. Nachgeahmtes Organismus-Gestöhne, kleine Ekstasen, Fesselung (ganz sachte), die Aufforderung zum faunischen Mittanzen. Nach diesen ersten Fachanweisungen über Möglichkeiten mit dem nackten Körper zu spielen werden nun im ImpulsTanz-Programm  „7 Pleasures“, „21 Pornographies“ und „to come (extended)“ folgen, von ihrem kleinen Ensemble äußerst anschaulich demonstriert. Und doch, aus Ingvartsens Mund hat diese Einführungs-Lektion in die Kultur sexueller Intimität durchaus stubenrein gewirkt.

 

Meinhard Rüdenauer

 

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