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WIEN / Hamakom: DER RORSCHACH TExT

09.10.2012 | Oper

  

WIEN / Theater Nestroyhof Hamakom:
DER RORSCHACH TExT von Thomas Desi
Eine Produktion von ZOON Musiktheater
Premiere: 9. Oktober 2012 

Thomas Desi ist ein österreichischer Komponist mit ungarischen Wurzeln väterlicherseits. Vor einigen Jahren hat er das ZOON Musiktheater begründet („Als Zwischenform von Oper, Sprechtheater und Medien/Performance-Kunst spielt Musik oder musikalisch komponierte Struktur im Musiktheater die Hauptrolle“), in dessen Rahmen er bereits einige Projekte verwirklicht hat, zuletzt „Das Budapest Verhör“ über den ungarischen Star Katalin Karády. Stark ungarisch geprägt ist nun auch „DER RORSCHACH TExT“ (das kleine x ist Absicht), der nun im Theater Nestroyhof Hamakom seine Uraufführung erlebte.

Die Schichten dieses Werks sind so zahlreich, dass der Zuschauer sich schwer tut. Einerseits ist es eine greifbare Geschichte: Irgendwo in Oberösterreich (man weiß das erst später, als das KZ Ebensee als in der Nähe gelegen erwähnt wird) ist in den letzten Kriegstagen ein reicher ungarischer Pelzhändler mit seiner 13jährigen Tochter gelandet. Er hat ein paar wertvolle Besitztümer bei sich, ist allerdings von einem SS-Mann seines Autos beraubt worden, hat dafür einen Eisenbahnwaggon zugeteilt bekommen. Mit diesem will er in die Schweiz, die an sich keine Flüchtlinge mehr aufnimmt. Aber Schülerinnen der Stadt Rorschach haben sich gegen die „Das Boot ist voll“-Maxime der Regierung gewandt – ein hoffnungsvolles Zeichen der Menschlichkeit für den Mann, der aus seiner ungarischen Heimat flieht, weil er dort offenbar (aus Gründen, die das Stück nicht exakt benennt) persona non grata ist.

Gezeigt wird nun in den knapp zweieinhalb Spielstunden, wie der Mann mit seiner Tochter von einem Einheimischen in breitem Wiener Dialekt und von niedrigster Gesinnung unter Psychoterror gesetzt und sukzessive seines Besitzes beraubt wird. Ein Flüchtlingsschicksal, das nicht unbedingt typisch, aber durch und durch tragisch ist – und am Ende vor der mit Stacheldraht verrammelten Schweizer Grenze landet.

Das ist ein Teil der Handlung – den anderen hat sich Desi aus „Die Tragödie des Menschen“ von Imre Madách (1823-1864) geliehen, was es ihm ermöglicht, sein Werk als „Faust-Drama mit Musik“ zu bezeichnen (was allerdings schwer nachzuvollziehen ist): Pelzhändler und mieser Handlanger verwandeln sich stellenweise in „Faust“ und „Luzifer“ und deklamieren in altem Burgtheaterstil hohes Drama (und für alles, die Amalgamierung der Texte und deren Umsetzung ist Desi als Autor und Regisseur verantwortlich). Die „Verhakung“ des Dramas mit der Flüchtlingstragödie ergibt allerdings kein zwingend überzeugendes Ganzes.

Vor allem ist Desi Musiker, und auch hier geht es um Collage – man hört Neddas Arie aus dem „Bajazzo“, die Arie des „Evangelimanns“, immer wieder wird der berühmte „Traurige Sonntag“ von Reszö Seress zitiert, und eine große Rolle spielt Franz Liszt mit seiner Faust Sinfonie. All das erklingt in Desi-Bearbeitung von einem Computerflügel, dessen Tasten sich wie von Geisterhand bewegt heben und senken und der die Musik so laut in den Zuschauerraum schleudert, dass sie über weite Strecken stört, weil man die Darsteller dann schlecht versteht.

Die drei Protagonisten singen nicht, und dass Judith Halász gelegentlich durchs Geschehen schreitet, um sich am Ende, Nedda singend, erstechen zu lassen, scheint auch nicht wirklich Sinn zu machen – „Bajazzo“ hier, warum? Tatsächlich empfindet man den Abend weit weniger als Werk des Musiktheaters, als der Autor / Komponist / Regisseur es beabsichtig haben mag.

Exzellent die drei Darsteller, die über alles hinwegspielen, was sich hier „spießt“: Tristan Jorde mit perfektem ungarischem Zungenschlag als der gequälte Pelzhändler, Karl Maria Kinsky überzeugend als niedrigste Spezies Mensch – und beide perfekt in die „hohe“ Sprache der Dichtung wechselnd, die sie hohl deklamieren. Aber Höhepunkt der Produktion ist es, der jungen Mia Krieghofer zuzusehen, ein wahres Wundermädchen – es wird interessant sein zu beobachten, ob aus ihr einmal auch die große Schauspielerin wird, die sie jetzt, in ihren frühen Teenagerjahren, schon ist.

Nach der Pause blieben einige Sessel leer, der Beifall für Desi und die Protagonisten war dennoch sehr herzlich.

Renate Wagner

Noch 10.-13. und 16.-18.10. 2012, 19,30 Uhr

 

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