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WIEN/ Gesellschaft für Musiktheater: 24 KLEINE UND GROSSE DRAMEN AUF DEM KONZERTPODIUM mit MARISA ALTMANN-ALTHAUSEN und STEPHAN MÖLLER

23.01.2020 | Konzert/Liederabende

Wiener Konzerte: 21.1.2020, Gesellschaft für Musiktheater, 1090 Wien, Türkenstr. 19:
24 kleine und große Dramen auf dem Konzertpodium –
mit MARISA ALTMANN-ALTHAUSEN und STEPHAN MÖLLER


Marisa Altmann-Althausen. Foto: ORF

Ja, auch das gibt es: eine gewaltige Mezzosopran-Stimme, deren Besitzerin es schafft, jedes einzelne der ausgewählten Lieder von Mendelssohn, Wolf, Schumann und Schubertperfekt singend so zu deklamieren, dass man sich mitten in einem Bühnendrama wähnte.

Singen ist für Marisa Altmann-Althausen nie Selbstzweck, sondern Ausdrucksmittel. Der jeweilige Text, den man bei ihr zu gut 99 % problemlos versteht, gewinnt natürlich an Klang durch die Vertonung, und damit an emotionaler Kraft. Dass sie diesmal ausschließlich Lieder nach Texten bedeutender deutscher Dichter sang (Mörike, Chamisso, Goethe u.a.), erleichterte dieses bewundernswerte Unterfangen. Der großartige Pianist Stephan Möller erreicht vom Steinway aus das gleiche Ziel. Man kann ihm nie bloß gedankenlos zuhören, sondern sieht sich gezwungen zu überlegen, was er mit seinem Spiel gerade ausdrücken möchte. Dass sich aus der Zusammenarbeit der beiden Künstler immer entweder Duette oder Dialoge, gemeinsames Eintauchen in seelische Tiefen oder Erklimmen emotionaler Höhen, Leidensabgründe oder ansteckende Lebensfreude, Besinnlichkeit oder auch Übermut einstellt, ob kurzes oder langes Verweilen in einer Gefühlsphase – für Spannung ist stets gesorgt.

Das seitlich postierte Notenpult ermöglicht der Sängerin ein paar „Seitenblicke“, die ihre körperliche „Mitsprache“ nicht stören, die sich im wesentlichen auf Handbewegungen bzw. – haltungen beschränken. Der Gesichtsausdruck ergibt sich offenbar von selbst aus der Hingabe an das eben Gesungene. Nichts wirkt aufgesetzt.

„Drei Lieder für eine tiefe Stimme“ von Felix Mendelssohn Bartholdy sind für den Anfang gut gewählt. „Da lieg ich unter den Bäumen“ und „Herbstlied“ scheint diese Stimmlage nahezulegen. Dass die gewaltige Fricka-, Ortrud- und Azucena-Stimme, die eigentlich den kleinen Konzertsaal im Palais Khevenhüller zu sprengen droht, imstande ist, Kantilenen im Handumdrehen auf pianissimo-Legati zurückzunehmen, wundert einen nur zu Beginn. Denn das wiederholt sich von Lied zu Lied, ohne „Umschalte“-Probleme.

Die beiden (piano-crescendo- sf-diminuendo) pianistischen Einleitungstakte beim ersten Lied fesseln gerade durch die erwartungsvolle Spannung, die ihnen innewohnt, bis wir dann infolge die kräftige Versicherung erhalten: „Denn es bleibt die Liebe!“ – mehrfach wiederholt. Im „Herbstlied“ ist es die mehrfach erklärte Treue, die bleibt, bekräftigt durch die abschließenden 3 sanften, aber bestimmten piano-Akkorde. Natürlich bewegt sich dann viel (Andante con moto!) im „Jagdlied“ (aus Des Knaben Wunderhorn), ehe bei Hugo Wolf und seinen Mörike-Texten der Ernst des Lebens zurückkehrt und gleich bei „In der Frühe“ durchs „Kammerfenster“ die „Nachtgespenster“ ganz furchterregend drohen, die nach den nächtlichen Liebeserlebnissen erregte Frau sich aber schließlich mit ihren Selbstgesprächen während der Morgenglocken beruhigen kann. Alles ganz plausibel für die Zuhörer und Zuseher, wenn Stimme und Mimik so intensiv mitspielen. Flotter und erregter geht es zu in der (nächtlichen) „Begegnung“! Ein beeindruckender Kontrast dazu ist das ppp „getragen und weihevoll“ komponierte, durchgehend in Mezzo-Lage wunderschön gesungene „Schlafende Jesuskind“. Im entzückenden „Elfenlied“ kann die Sängerin beweisen, dass sie auch Leichtes, Scherzhaftes mühelos vermitteln kann. Leicht singt sie in „Auf einer Wanderung“ über die staccato-Begleitung im Dauer-legato hinweg. In „Denk es, o Seele“ beeindruckt der vom Pianisten „moderato“ und zunehmend „espressivo“ eingeleitete und von der Mezzosopranistin spannungsreich pp durchgehaltene Gesangspart. Ebenfalls mit durchgehaltenem pp, aber „innig und leidenschaftlich“ fesseln die beiden Künstler bei „Lebe wohl“. – Pause.

Die Schumann- und Schubert- Lieder setzen neue Höhepunkte. Bei „Seit ich ihn gesehen“ und „Er, der Herrlichste von allen“ darf die Stimme sich in Liebesglut ergießen, ehe die Überlegungen der liebenden Frau in „Ich kann`s nicht fassen, nicht glauben“ mit den geforderten unterschiedlichen Ausdrucksnuancen von den Interpreten voll erfüllt werden.

Die schwärmerischen 4 Folgelieder werden in jeder Hinsicht voll ausgekostet – von den Ausführenden wie vom Publikum, bis der „erste Schmerz“ – der Tod des geliebten Mannes – zu andauerndem Leid zu werden scheint. Einmal mehr bedankt ein beinahe Endlos-Applaus der Zuhörer die uns wie authentisch vorgelebten Emotionen.

Zuletzt: Franz Schubert. Marisa Altmann-Althausen tat gut daran, für ihre tiefe , hochdramatische Stimme mit dem „Wanderer“ ein Männerlied auszuwählen, das sie mit dem nötigen wuchtigen Einsatz problemlos bewältigen kann. Für die Glaubwürdigkeit des „brausenden Meeres“ sorgt Stephan Möller! „Wo du nicht bist, ist das Glück“? – Für die Besucher dieses Meisterkonzerts war es präsent!
Auf die Besingung des „Liebenden Vaters“ in „Ganymed“ folgt „Auf dem Wasser zu singen“ – mit vokal und instrumental genussreich sprudelnden Wellen! Und zuletzt steigert sich „Gretchen am Spinnrade“ schwärmerisch in die Vorstellung seiner (Fausts) „Rede Zauberfluss“ und wünscht sich ein „Vergehen“ an seinen Küssen. In stets sich steigernder innerer Unruhe kommt dies seitens der Sängerin und des Pianisten hinreißend zum Ausdruck. Ende?

Natürlich nicht. Endloser Beifall bewirkt noch 2 Draufgaben: „Du bist die Ruh…“ und die gar nicht ruhevolle „Forelle“, humorvoll-launisch vorgestellt, doch letztendlich gefangen.

Die beiden Künstler mögen bald wieder „eingefangen“ werden!

Sieglinde Pfabigan
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