Wien / Gesellschaft für Musik: 100 Jahre „Die Zirkusprinzessin“ – kontra ESC . 27.4.2026
100 Jahre ist es her, dass „Die Zirkusprinzessin“ in der Reihe der Erfolgsoperetten des Emmerich Kálmán im Theater an der Wien uraufgeführt wurde. Von die „Süßeste aller Frauen“ ist da zu hören, von „Zwei Märchenaugen“ – und sie vermögen auch heute noch zu verführen. Ja, das war 1926, da hatte es in den Krisenjahren nach dem 1.Weltkrieg noch die Glanzzeit der Silbernen Wiener Operette gegeben. In einer Veranstaltung der Gesellschaft für Musik hat Musikregisseur Wolfgang Dosch mit seinen singenden Studierenden der Wiener Musikuniversität in diese Vergangenheit des heimischen Operettenglücks zurück geführt. Und auch nicht auf die Schicksale dieser so immens begabten Musik- und Theatergrößen während der folgenden Nazi-Gewaltherrschaft vergessen.
Wien heute, ein Jahrhundert danach? Als Highlight des Jahres wird vom ORF der Eurovision Song Contest mit einem gewaltigen Finanzaufwand in den Mittelpunkt des Kulturjahres gerückt. Auch mit 3.000 Drohnen wurden Contest-Symbolbilder vor Schloss Schönbrunn in den Nachthimmel projiziert. Doch welch himmlische Freuden könnten in den bereits vorgestellten Nummern des ESC die Herzen der Gutgläubigen in geistige Höhen erheben? Ziemlich sicher keine. Oder vielleicht doch ein rhythmisch zuckendes hin und her-Gefummel wie der eine oder andere unverständliche wie grell dröhnende Aufschrei? Für Musikkenner kann sich dieser Qualitätsunterschied in den Kompositionen für ein breites Publikum von damals (viele melodische Schönheiten) und heute (repetitive Standardfloskeln noch und noch) auch als Qual erweisen. Auch den ORF-Machern dürfte mit unserem Blaues-Auge-Boy und seinem Tanzschein kein Glücksgriff geglückt sein. Doch bitte, alle ORF- und städtischen Werbemaschinen rollen mit ganzer Wucht, jauchzen auf wie wunderbar dies alles sei – und werden wohl schließlich auch den ganzen Musikmist beiseite schaffen müssen.
Meinhard Rüdenauer

