Wiener Festwochen: Musiktheater ohne Götter, splitternackt gelebt (1.6.2026)

Hallo, Festwochen, wie sieht es nach einer Woche mit den versprochenen NEW GODS, den neuen Göttern für Milo Raus festwöchentliche Wiener ‚Republic of Gods‘ aus? Die Verpflichtung von Peter Andreas Thiel, zur Zeit der Übergott der schwer rechtslastigen Milliardäre, musste ja wieder zurückgenommen werden. Eigentlich schade, da im Diskurs sehr wohl vielschichtig über die Putin-Trump-Erdogan-Alleinherrschaften und die vielen anderen so negativen Zeitströmungen hätte gesprochen werden können. Interessant auch, wie so zu hören ist, da ja unser Altbundeskanzler Kurz sich in Thiels weltweitem Gestrick finanziell erfolgreich eingenistet haben soll.
Mit anderen Göttern, solche welche Theaterglück auf die Bühnen zaubern sollen, tut man sich ebenfalls schwer. Nicht Raus Schuld. Eine Vielfalt an Denkmöglicheiten ist gegeben. Doch bei all den ausbordenden (oder beschränkten) Imaginationen der derzeitigen Inszenatoren von Opern oder Performances – was vermag heute so wie die Kunst vergangener Epochen unsere Herzen wirklich zu berühren?
Diese drei Tage in Wien gastierende Opera Aperta kommt aus Kiew. Und sie hat, ins kleinere Theater Akzent abgeschoben, als eine Art moderne Kammeroper starken Charakter gezeigt. Das 2020 gegründete Ensemble wirkte wie eine sowohl ernst wie lustvoll agierende Avantgarde-Kompanie, welche in aufgezwungenen Tagen des Krieges nach einer Befreiung sucht. „Mödranhit. Songs of Winter War“ steht über dem in Wien gebotenen Abend. Mödranhit = Nacht der Mütter. Die gesungene Lyrik bleibt allerdings unverständlich, und Gründer und Chef Illia Razumeiko zelebriert ein reines Assoziationstheater. Sprunghaft in der Szenenfolge, intensiv gelebt, gut gesungen und musiziert. Gelegentlich sind so angedeutete Klänge von Schubert oder Beethoven oder ein Rumoren zu hören. Doch die volle Konzentration liegt auf dem Spiel, auf szenischen wie inhaltlichen Effekten. Und: die zweite Hälfte der Performance läuft, kriecht, hüpft die kleine Schar der so hingebungsvollen DarstellerInnen splitternackt herum. Mit Kuhglocken behängt, mit Luftblasen sich der Hoffnung hingebend. Die Wirkung ist da, doch eine klare Aussage ist für den hiesigen Betracher wohl nicht gegeben. Außer – Befreiung, Befreiung, wir wollen, wir führen ein völlig offenes Leben.
Zurück ins kunstkünstliche Leben des Westens. Der französische Regisseur Philippe Quesne kann wunderschöne Bilder hervorzaubern. Und in der mit dem Deutschen SchauSpielHaus Hamburg erarbeiteten Performance “Vampire´s Mountain“ mangelt es im Volkstheater nicht an eindrucksvollen Bildimpressionen. Solch ein verführerisch leuchtendes Alpenpanorama! Und diese romantische Waldidylle, Richard Wagners Nibelungen-Gesänge könnten hier ertönen. Auch beeindruckend ist diese Höhle im Berg, aus welcher so schummrige Wesen ähnlich Vampiren emporsteigen und ihre kleinen Späßchen und ausgedehnte Runden machen. Fesche Kerlchen sind sie nicht, doch bitte … wohin führt ihr Weg? Die Richtung skurill-opernhafter Weltuntergang ohne Opern- doch zu Säuselmusik dürfte wohl nicht vermeidbar sein. Originell gedacht und wiederholt originell gestaltet, doch auch gelegentlich eher mühsam, da Quesne auf die Dauer wohl etwas zu wenige gute Gags eingefallen sind. Also, hoffen wir mit Rau weiter auf überraschend herbei schwebende Götter. Das Publikum zeigte sich an diesen Abenden jedenfalls nicht unzufrieden.
Meinhard Rüdenauer

