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WIEN / Drachengasse: ODER NICHT SEIN

03.11.2013 | Theater

Drachengasse Sobol xxFoto: Drachengasse
v.l.n.r: Christina Scherrer, Doina Weber, Michael Smulik, Karin Yoko Jochum 

WIEN / Drachengasse:
ODER NICHT SEIN von Joshua Sobol
Uraufführung
Premiere: 28. Oktober 2013,
besucht wurde die Vorstellung am 2. November 2013  

Wenn am Ende der ABBA-Song die ewige Wahrheit verkündet, „It’s a rich man’s world“, dann hat Autor Joshua Sobol in knapp eineinhalb pausenlosen Theaterstunden gesagt, nein, wütend ausgespuckt, was ihm an der heutigen Welt nicht passt. Dies auf ein Stück über „Organhandel“ zu verkleinern, wäre viel zu kurz gegriffen.

Sobol packt in „Oder nicht sein“ (Hamlet erwog noch die Alternative des Seins, die dem heutigen Durchschnittsmenschen nicht mehr offen zu stehen scheint) einfach alles hinein, was an Zeitkritik herumliegt – bitterböse, rabenschwarz, brillant satirisch, letztendlich todtraurig. Die Drachengasse, für die Regisseur Günther Treptow eine besondere Beziehung zum Autor aufgebaut hat, durfte die Uraufführung dieses kleinen Stücks der großen Themen bringen.

Schon dass der – durch und durch bedauernswerte – Held der Geschichte keinen Namen mehr hat, sondern nur eine Nummer, ist Teil der Anklage an heutige Zustände: einst Soldat, Scharfschütze, Menschentöter, heute ein Niemand, trotz verschiedener Studien und Abschlüsse arbeitslos und nicht vermittelbar. Das ist Thema Nr. 2: Die Verzweiflung dessen, der fast alles tun würde, um seine Familie ernähren zu können, aber immer wieder vor dem Nichts steht. Das ist, inmitten der Satire, einer der menschlich fassbarsten Punkte des Stücks: Der materiell „arme“ Mensch, der nichts und niemand mehr ist – und der trotz aller Bemühungen nichts dagegen tun kann. Und wenn er sich noch so bemüht. Und wenn er noch so krampfhaft versucht, auf die abstrusesten Fragen „positive“ Antworten zu geben. Es ist hoffnungslos für Menschen wie ihn. Es gibt sie.

Nummer 547355 stößt gleich zu Beginn seiner Arbeitssuche auf satirisch überspitzte Angebote (von Regisseur Treptow vielleicht zu sehr überdreht): Er kann doch schießen, will er nicht Auftragsmörder werden? Nein danke. Möchte er sich nicht von Perversen, der sich abreagieren wollen, für Geld anspucken lassen? Nein, lieber doch nicht.

Aber gibt es ein besseres Angebot? Viel, sehr viel Geld würde das „Department of Human Recycling“ dafür bieten, wenn Nummer 547355 als der einzige Mensch mit passender DNA einem sterbenden Oligarchen seine Organe und sein Hirn (und am Ende noch seine Haut) überließe – geistert dieses Thema nicht wirklich durch die Köpfe der realen Zeitgenossen und nicht nur der Sci-Fi-Autoren? Wie viele Filme hat man schon gesehen über Menschen, die nur als Klone „gezüchtet“ werden, um als Ersatzteillager für andere Menschen zu dienen (die Armen, die den Reichen zum Leben verhelfen)? Zweifellos, das ist ein brandaktuelles Thema (über den Ersatz einzelner Organe und dem schrecklichen Handel damit hinaus).

Aber Sobol weitet sein Gedankenexperiment noch aus. In einer Szene, die an Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ erinnert, nehmen Frau und Tochter schon auf die zu erwartende Millionenzahlung von des Gatten / Vaters Tod Kredit und decken sich mit Luxusgütern ein… Auch die guten Freunde wollen eigentlich nur Geld von ihm und denken nicht daran, dass er mit dem Leben bezahlen würde. Die Mafia tritt auf und will dort, wo sie großes Geld riecht, mitnaschen (mit Zitaten aus dem „Paten“). Nur die „Oma“ – eine gute jüdische Oma – denkt anders: Sie ist noch von der idealistischen Generation und meint phrasenreich, der Enkel müsse sein Leben eigentlich verschenken… Sobol rechnet auch mit ihr ab: Außer dem bedauernswerten Helden gibt es keine einzige positive Figur in dem ganzen Stück. Des Autors Glaube an die Menschheit ist zweifellos gleich Null.

Am Ende zeigt Nummer 547355, wie’s geht. Statt sich für die lallende Halb-Mumie des Oligarchen zu opfern, der ja, wie er ihm klar macht, nicht mehr „er selbst“ wäre, wenn er durchwegs aus Teilen eines anderen bestünde (von Gehirn bis Genitalien, Innereien und äußere Haut, die ja scheinbar den Menschen macht…), erschießt er ihn und setzt sich mit Gewalt selbst an dessen Stelle. Denn was ist der Mensch? Sein Geld, seine Macht, seine Position in der Welt. Money, Money. “It’s a rich man’s world” – eine alte Erkenntnis, eine immer wahre, und Sobol wollte es wieder einmal sagen.

Natürlich ist die Akkumulation von allem, was an unserer Welt nicht stimmt, kein großes Theaterstück, aber doch mehr als nur Kabarett. Natürlich kann man die hier geäußerten Erkenntnisse, auch wenn alle irgendwie wahr sind, als platt bezeichnen. Und doch wirkt es stark, wenn man all das so gebündelt an den Kopf geworfen bekommt.

Die Regie von Günther Treptow (Ausstattung karg, Kostüme für die Damen zahlreich: Werner Schönolt) neigt, wie erwähnt, zur Überzeichnung, nach der „Es ist alles Satire“-Manier, aber die Darsteller sind ausgesucht vorzüglich und machen die Sache stimmig. Voran der anständige Mensch, der scheitern und untergehen müsste, wenn er nicht am Ende dann aus Verzweiflung Killer-Instinkte entwickelte: Michael Smulik geht den Weg vom Softie zum Brutalo durch einige sehr bittere Erkenntnisse überzeugend.

Drei Damen spielen alle Rollen, einige sind für sie besser als andere – für Doina Weber ist es die strickende Mafia-Mamma und der lallende Oligarchen-Corpus am Ende, für Christina Scherrer (die auch eine erstaunlich gute Sängerin ist, wie man in einer parodistischen Musical-Sequenz der „guten Freunde“ merkt) die rotzige Tochter, die nur in ihrem Tablet und ihren Gewaltfantasien lebt, für Karin Yoko Jochum die jüdische Oma.

Das Publikum war amüsiert, aber auch beeindruckt.

Renate Wagner

Noch bis zum 30. November, Dienstag bis Samstag

 

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