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WIEN / Burgtheater-Vestibül: DEMUT VOR DEINEN TATEN BABY

16.01.2013 | Theater

 
Foto: Barbara Zeininger

WIEN / Vestibül des Burgtheaters:
DEMUT VOR DEINEN TATEN BABY von Laura Naumann
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 12. Jänner 2013
Besucht wurde die zweite Vorstellung am 15. Jänner 2013 

Wollte man nur eine Zeitangabe liefern, könnte man sagen, der Abend dauert eine gute Stunde. Aber es ist keine „gute“ Stunde, die man im Vestibül des Burgtheaters bei der österreichische Erstaufführung von „demut vor deinen taten baby“ von Laura Naumann verbringt. Natürlich ehrt es ein ehrwürdiges Haus besonders, wenn es eine gerade 23- oder 24jährige Autorin (*1989 in Chemnitz) auf den Spielplan setzt, die Stimmen der jungen Leute hier und heute. Und wenn da drei junge Frauen im Stil der Pussy Riots herumtoben und man noch gleich das Thema Terrorismus veralbert – also, zeitgemäßer geht es ja gar nicht, oder?

Es ginge allerdings besser. Gut, folgen wir der jungen Autorin in ihre skurrile Gedankenwelt. Zuerst stellt sie drei junge Frauen vor, die alle eine Art Knall haben (man nimmt das in den einleitenden Monologen mühelos wahr) – Mia ist in einem Western-Dorf angestellt und spricht mit ihrem Pferd (von dem man nie erfährt, ob es echt oder nur ein Hutschpferd ist), außerdem hat sie gelegentlich (wieso?) Dienst am Flughafen; Bettie erzählt von ihrem Liebhaber, der immer Pornos anschaut, was sie ganz normal finden möchte, von wegen Verständnis und so; und Lore möchte am liebsten alle Katholiken vernichten (wenn jeder Moslem einen Katholiken killt, meint sie, würde sich das Problem erledigen – und die Verantwortung wäre schön aufgeteilt) und hat einen Mutter- (bzw. Anti-Mutter-)Komplex. Na gut, je mehr verrückte Typen in Fernsehen, Film und Theater erscheinen, umso mehr wird solches Verhalten im realen Leben nachgeahmt, das ist eine der erschütternden Rückkoppelungen, die uns die „moderne Kunst“ beschert: Das Irre wird das Normale.

Als sich diese drei zufällig gemeinsam in einem Flughafen-Klo befinden, wo ein herrenloses Gepäckstück für eine Bombe gehalten wird und sie folglich in schrille Todesangst fallen, kippt die Gefühlswelt in fassungsloses Glück um, als sie gerettet sind und weiterleben dürfen. Folgen wir der Autorin jetzt weiter in ihre Idee – die Drei wollen nun ihren Mitmenschen etwas wirklich Gutes tun: Sie sollen dieses Glück des Überlebens auch empfinden. Also fingieren sie einmal einen Terrorüberfall auf eine Disco (das wird dann interaktiv, Vorsicht, die Herren in der ersten Reihe, eine rabiate Liliane Amuat kann Sie anspringen!) – und dann noch einen und dann noch einen.

Halten wir fest: Dann funktioniert als einzige Idee des Abends die Mediensatire, die kurzfristig daraus wird. Ja, man kann sich gut vorstellen, dass eine solche „Performance“ zum Hit wird. Nur echte Angst erzeugt die Show natürlich nicht. Und dann wird es vollends blöd: Denn angeblich werden (der Widerspruch wird nicht aufgelöst) die Menschen trotzdem glücklich. So glücklich, dass sie nur noch in den Straßen singen und tanzen. Und ihre Versicherungsverträge kündigen.

Nein, das darf nicht sein. Die drei jungen Frauen werden (von wem? Auch nicht klar) zur Ordnung gerufen: Die Versicherungsverträge müssen natürlich wieder unterzeichnet und bezahlt werden, schließlich geht es ums Geld. Dafür muss es ein richtiges Massaker im Fußballstadion geben… Höhepunkt des allgemeinen Schwachsinns: Die drei brüllen und kreischen sich mit absolut höchster Lautstärke an, so dass man nicht nur um ihre Stimmen und Kehlen fürchtet (das ist letztendlich ihr Problem), sondern um die eigenen Ohren in einem so kleinen Raum wie dem Vestibül.

Ach ja, wer’s wissen will: Sie erschießen einander. Plaudern aber als Tote noch ganz friedlich. Singen. Ende. Nach einer guten Stunde, die keine gute war.

Sicherlich hat man für die darstellerischen Leistungen nur Lob: Jana Horst mit Mutterkomplex und Aggression ist tatsächlich ein fieses Geschöpf. Liliane Amuat ist am Burgtheater für direkte Sinnlichkeit zuständig und verströmt sie, ob sie will oder nicht (vermutlich will sie). Und Stefanie Dvorak (die irgendwie ganz fremd aussieht?) spielt das Western-Girl, das im Gegensatz zu den hörbar nicht österreichischen Kolleginnen einen dezidiert ordinären Wiener Ton einfließen lässt.

Das Herumgetobe der drei (Bühnenbild: Katharina Faltner / Kostüme: Pia Weber-Unger) hat Alexander Ratter inszeniert. Es geht laut zu, der Abend schwankt sich durch seine alberne Story. Wenn man schon mit dem Entsetzen Scherz treibt (wie lustig sind, wenn man ehrlich ist, Terrorüberfälle schon?), müsste man es überzeugender tun – und wissen, was man damit eigentlich sagen will.

Renate Wagner   

 

 

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