WIEN/ Burgtheater: Tanztheater Wuppertal Pina Bausch + Terrain Boris Charmatz eröffnen mit „Club Amour“ das Performance-Programm des ImPulsTanz-Festivals
Mit welcher Sensibilität und welch einzigartigem Ausmaß an Empathie Pina Bausch beobachtete und zu wie viel Authentizität im Ausdruck sie ihre TänzerInnen führte, wird in dem ikonischen, die Welt des zeitgenössischen Tanzes revolutionierenden Werk „Cafe Müller“ aus dem Jahre 1978 sichtbar. Der sanften Radikalität dieses Stückes stellt der noch bis Juli amtierende künstlerische Leiter des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch Boris Charmatz seine beiden 1996 und 1997 entstandenen Stücke „Aatt enen tionon“ und „herses, duo“ für diesen 2023 neu erarbeiteten, das ImPulsTanz-Festival eröffnenden Abend zur Seite. Sie rahmen „Cafe Müller“ inhaltlich und ästhetisch mit Ungestüm und Sinnlichkeit.
Charmatz stellt in seinen beiden Stücken die Tanzenden in die Mitte der Bühne des Burgtheaters, vom Publikum auf eben dieser umsessen respektive -standen. Das schafft Nähe. „Cafe Müller“ hingegen wird im klassischen Setting frontal vor dem Auditorium präsentiert. Eine logistische und organisatorische Herausforderung, auf sympathische Weise für das ausverkaufte Haus sichtbar gemacht mit dem – den Beginn von „Cafe Müller“ verzögernden – Bühnen-Umbau.
Allen drei Stücken ist ihre intensive Auseinandersetzung mit der das menschliche Dasein fundamental prägenden Sehnsucht nach Liebe gemeinsam. Die betrachteten Aspekte und die künstlerische Bildsprache der drei Stücke jedoch unterscheiden sich erheblich und zeichnen auch damit drei Perspektiven, die die Komplexität und die immense Bedeutung des Themas für uns Menschen schlaglichtartig beleuchten.
Pina Bausch kreierte in ihrem 40-minütigen „Cafe Müller“ (hier gezeigt im Original-Bühnenbild von Rolf Borzik) für ihre sechs TänzerInnen, drei Männer und drei Frauen, sechs Charaktere, die ihren Hunger nach Liebe auf sehr unterschiedliche Weise, ihrer jeweiligen psychischen Grundkonstitution entsprechend, ausleben. Die barocke Musik von Henry Purcell, vornehmlich Lieder und Arien, gießt mit ihrer Melancholie die nur durch Anklänge von Humor gebrochene Grundstimmung auf die Bühne.
Da ist die Somnambule (im Original von Pina Bausch selbst getanzt), die sich mit geschlossenen Augen, ihre Hände empfangend und gebend zugleich nach vorn geöffnet, durch den mit Tischen und Stühlen ähnlich wie das Caféhaus ihres Vaters gestalteten Bühnen-Raum tastet. Ein in seiner rührenden Fürsorge hoch aufmerksamer Mann räumt das Mobiliar lärmend zur Seite, um sie vor Kollisionen zu schützen.
Eine Frau, meist im Hintergrund und an der Wand, steht und fällt, von ihrem sehnsüchtigen Verlangen, ihrer Passivität und ihrer Einsamkeit gebeutelt. Warten und Hoffen, und niedergedrückt von deren Vergeblichkeit. Eine dritte Frau trippelt immer wieder durch die Szenen, so zart und zerbrechlich, schüchtern und doch voll von aufgestautem, unterdrücktem Begehren. Ein in sich gekehrter, äußerst empfindsamer Mann kann seine Angst vor Nähe und seine Schuldgefühle, die ihn so melancholisch machen, nicht überwinden.
Den drei so verschiedenen Frauen gab Pina Bausch ein sehr ähnliches Inneres, gezeigt in drei Soli mit fast identischem Bewegungsmaterial. Sie nehmen sich selbst darin eine innere Beichte ab, gelangen zu einer Bewusstheit, die den Männern verwehrt bleibt.
Der dritte Mann agiert wie inkarnierte intrapsychische, kulturelle und gesellschaftlich-soziale Instanzen, tief in den Einzelnen und die Gemeinschaft eingegrabene Traditionen und Normen repräsentierend. Die mit diesen falschen Idealen in Konflikt geratenen eigenen Wünsche und Vorstellungen werden in vielfachen Wiederholungen verzweifelt verteidigt, zerfallen jedoch zu Resignation.
Wie im Zeitraffer zeichnet Bausch Beziehungsdynamiken. Die Zärtlichkeit des Anfangs fließt in Gewalt, der Hingabe folgt Ablehnung. Vereinsamung und Entfremdung aber sind Konstanten. Und am Ende, hinten und draußen zwischen Drehtür und gläsernem Eingang, trampelt eine Frau immer wieder über einen liegenden Mann, gehalten und geführt von jenem die Normierungen Verkörpernden … „Cafe Müller“ lebt zwischen unendlicher Zärtlichkeit und der Brutalität unerfüllter Träume. Es lässt einen traurig, ja erschüttert zurück. Zumindest die, die sich selbst und die Welt anschauen.
Der inzwischen legendären Kostüm-Ästhetik der Pina Bausch, ihre TänzerInnen treten in langen Kleidern respektive Anzügen, jedoch barfuß, auf, stellt Boris Charmatz in seinen beiden Stücken nur leicht und unbekleidete Menschen gegenüber. In „Aatt enen tionon“ aus dem Jahr 1996 tanzen zwei Männer und eine Frau in einem Gerüst auf drei Ebenen übereinander. Und das in, nach schnell abgelegten Hosen, nur noch weißen T-Shirts.
Musik der britischen Alternative-Sängerin, Songwriterin, Lyrikerin und bildenden Künstlerin PJ Harvey läuft bereits, sie wird auch nach dem Stück noch lange erklingen, als das Publikum die Bühne des Burgtheaters betritt, um sich um das Gerüst herum zu setzen und stellen. Die drei TänzerInnen auf den drei Etagen, die Frau oben, sehen sich nicht. Sie tanzen jeder für sich, jeder auf sein Innenleben und die durch dieses gesetzten Grenzen zurück geworfen. In langsamen Bewegungen füllen sie die Stille nach den Rocksongs mit Einsamkeit, Begehren und Lust.
Eingespielte, lang gezogen gesungene Töne brechen die Stille auf. Wie auch das Getrampel und Gepolter der drei, das wie eine tief aus der Seele kommende Unruhe nach außen drängt. Sie sind vollkommen separiert voneinander. Ihr Plateau ist ihre Welt, an deren Grenzen sie durchaus gehen, unfähig jedoch, dieses zu überwinden. Nur die Frau ganz oben sendet mit herab hängenden Armen oder Beinen Signale an die Außenwelt unter ihr, allerdings ohne das diese wahrgenommen würden.
Die Tragik der drei, ihre konsolidierte Vereinzelung und Vereinsamung, ihr Kampf mit ihren ungelebten Sehnsüchten und elementarsten Bedürfnissen, auch sexuellen, ist Bild für eine in immer kleinere Fragmente zerfallende Gesellschaft voller ebensolcher, gequälter Individuen. Scharmatz‘ Blick seziert sie, stellt sie im Ergebnis schonungsloser Analyse mit brutaler Offenheit in ihrer dürftig bedeckten Körperlichkeit ins Licht einer ihrer schützenden Wände beraubten Mietskaserne. Die Direktheit des Stückes ist irritierend, die Wahrheit seiner Zustands-Beschreibung beklemmend.
Von ganz anderer Ästhetik hingegen ist sein 20-minütiges Duett „herses, duo“, getanzt von Boris Charmatz selbst und Johanna-Elisa Lemke. Vollkommen nackt. In hellem Deckenlicht und zur elektronischen Musik von Stefan Fraunberger, der aus einfachen Tonfolgen immer komplexere polyphone Klänge entstehen lässt, suchen sie die Berührung, liegen dicht beieinander, rollen und wälzen sich eng umschlungen, bauen Skulpturen.
Entkleidet aller Äußerlichkeiten und Habseligkeiten, reduziert auf ihr So-Sein, geht es neben aller Sinnlichkeit, von der man sich nicht betäuben lassen sollte, in ihrer Beziehung um Dominanz und Unterwerfung, Macht und Gemeinsamkeit, Fürsorge, Zweifel und Zuwendung, die Mühsal des Begehrens, das Verlangen und die Überwindung des geworfen Seins. Es ist ein Emanzipationsprozess, der in Integrität und Souveränität des Einzelnen mündet.
Mit der abschließenden Körperskulptur, er trägt sie wie ein Dach mit ihrem Bauch auf seinem Kopf, scheint Boris Charmatz nicht nur die Basis der hier dargestellten Partnerschaft, vielmehr noch das Credo seiner und der Arbeitsweise der Pina Bausch zu formulieren. Das rückhaltlos angeschaute Gefühl und die sensibel zugelassene Intuition bilden das Fundament für Wahrhaftigkeit im künstlerischen Ausdruck. Womit er die drei Stücke dieses berückenden, als Österreichische Erstaufführung gezeigten Abends bindet.
Tanztheater Wuppertal Pina Bausch + Terrain Boris Charmatz mit „Club Amour“ am 10.07.2025 im Burgtheater Wien im Rahmen von ImPulsTanz.
Rando Hannemann







