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WIEN / Burgtheater: LUMPAZIVAGABUNDUS

06.09.2013 | Theater

lumpazi_die Drei xxx Reinhard Werner xxx 
Fotos Burgtheater / Reinhard Werner

WIEN / Burgtheater: 
DER BÖSE GEIST LUMPAZIVAGABUNDUS von Johann Nestroy
Koproduktion mit den Salzburger Festspielen
Premiere: 6. September 2013 

In einem Fernsehspiel hat Peter Turrini einst unterstellt, Johann Nestroy habe seiner Umwelt den nackten A- gezeigt – nicht metaphorisch, sondern im vollsten realen Wortsinn. Diese Lust kam offenbar auch Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann an, als er zu seiner ersten Nestroy-Regie schritt. Dabei interessierte ihn der „Lumpazivagabundus“ nicht an sich, sondern nur das, was er so radikal, so laut, so hässlich und so krass wie möglich herausinterpretieren konnte. Zweifellos in der ehrlichen Absicht, Nestroy hätte es so gewollt. Aber wer weiß das schon…

Das Stück ist in Österreich nicht nur bekannt, sondern legendär durch seine Interpreten, eines der meist gespielten des Dichters. Längst hat man das „lustige Elend“ der drei Handwerksburschen – Knieriem, der Schuster, Zwirn, der Schneider, Leim, der Tischler – als sozial-psychologisches Experiment erkannt. Wenn man die Armen reich macht – kann Geld den Menschen „bessern“, kann es sein Leben bestimmen? (Sieht man die heutigen Manager und Yuppies an, würde man glatt „ja“ sagen – jedenfalls was das „Leben bestimmen“ betrifft…) Dem damals auf dem Theater herrschenden Zeitgeist folgend, hat Nestroy die Geschichte in eine Wette in der Geister-, Zauberer- und Allegorien-Welt eingebettet. Ergebnis: Einer der drei armen Kerle lässt sich „kaufen“, ist vielleicht für das saturierte Bürgerleben bestimmt. Zwei würden an Bangigkeit des Herzens zugrunde gehen, wollte man sie endgültig domestizieren. Eine klare Aussage.

Schon nach der Premiere bei den Salzburger Festspielen fiel im Zusammenhang mit Hartmanns „Lumpazi“-Inszenierung, die nun von der Perner-Insel ins Burgtheater kam, immer wieder die Bezeichnung „Trash“. Zurecht zweifellos. Das akustisch-ästhetische Angebot ist durchwegs schrill, von einem Stückbeginn zu so gnadenlosem Lärmpegel, dass sogar in Zetteln davor gewarnt wird. Wenn da eine „Zauberwelt“ auftaucht, Väter mit parodistischen Bärten, ungeratene Söhne als Jugendliche von heute, dann geschieht das mit Karacho. Den ganzen Abend lang sorgen die Musiker Karsten Riedel, Tommy Hojsa und Bernhard Moshammer für eine Untermalung, die mehr von Lärm und Rap an sich hat als von jener Musik, die man zu Nestroys Couplets kennt. Sicher, das Original muss nicht sein. Aber wenn die Umformung etwa das berühmte „Kometenlied“ Knieriems bis zur Unkenntlichkeit zerstört – dann ist ja nicht wirklich etwas erreicht.

Die Bühne von Stéphane Laimé hat Rumpelkammercharakter, Bestandteile werden herbei geschleppt und geschoben (wohl in Hinblick auf die Perner Insel, die ja keine großen technischen Kunststücke spielen kann) – im Burgtheater hat es offenbar nicht einmal für eine Bauprobe gereicht, bei der Premiere fiel mehr als einmal ein Versatzstück wacklig um. Die Kostüme (Victoria Behr) liefern ein ziemlich sinnloses Durcheinander und erreichen nur Aussagekraft, wenn am Ende alle braven Bürger adrett in Weiß und Schottenkaro gekleidet sind… Kurz, der Rahmen für das Chaos, das Hartmann entfesselt, ist kongruent gegeben.

lumpazi_Happel als Fortuna Reinhard Werner  lumpazi_Happel mit Hut Reinhard Werner

Wie nett, wie billig, aber gerade bei Nestroy nicht ungerechtfertigt ist das Feenreich als Brüsseler Versammlung, und wenn Angela Merkel persönlich über das Budget waltet – dann lacht man zumindest einmal. Nicht so oft, wie die Darstellerin ihre Körpersprache wiederholt, aber bitte. Weniger erkennbar ist der böse Geist Lumpazi als halbnackte, spastisch-verkrüppelte, mit Fett unappetitlich eingeschmierte Gestalt mit Kopfwunde – was wohl damit gemeint ist? Jedenfalls nichts Überzeugendes. Die Verlockung zum Asozialen könnte reizvoller sein.

Hat man  die Dodelshow der Rahmenhandlung durchgestanden, fällt Hartmann zu den drei Handwerksburschen anfangs wenig ein. Tatsächlich fährt er erst nach der Pause zu dem auf, was er sagen will: Den Untergang von Knieriem und Zwirn geradezu apokalyptisch zu malen, scheint ihm das Hauptanliegen seiner Inszenierung. Wie der Inbegriff menschlichen Drecks grölen und wälzen sich die beiden in ihren Untergang – um am Ende in der ironischen Szene, die Nestroy seinem Werk anfügen musste, weil „Besserung“ zu den Gesetzen der Biedermeier-Dramaturgie gehörte, als scheinbar brave Bürger ihre Köpfe aus einem Puppenhaus zu stecken…

Wir haben’s begriffen, worauf es Hartmann ankam – das Stück hat er dabei nicht inszeniert, dessen Qualitäten so gut wie ganz verschenkt. Das kommt davon, wenn man Nestroy den Piefke überlässt, würde man als österreichischer Kritiker-Zwerg höchstens zu denken, aber nicht zu schreiben wagen, wenn nicht ein deutscher Kritiker-Riese wie Gerhard Stadelmaier in der FAZ sinngemäß genau das bemerkt hätte: Der darf, also dürfen wir auch. Er schreibt vom „schändlichen schaumschlägerischen szenischen Nestroy-Vernichtungsgelaber“ – kann man es schöner ausdrücken?

Lumpazi Palpiti

Anfangs ist Hartmann, bei allem aufgebauschten Getue, schlechtweg langweilig: Wie endlos kann die Exposition mit den drei Handwerksgesellen noch sein? Das schleppt sich lähmend. Total verschenkt, unverstanden bleibt der Akt, der Zwirn in Prag zeigt, abgesehen davon, dass Signora Palpiti noch nie dermaßen nicht vorhanden war, das Opern-Quodlibet eine Lächerlichkeit. Viele effektvolle Szenen wurden gestrichen (weil Hartmann sie vermutlich nicht verstanden hat, darum ließ er sie weg – gab es keine Österreicher, die hier den Erklärungsbedarf erfüllen konnten?), und man erlebt auch leider konsequent die verbalen Schlampereien der Interpreten  angesichts eines Textes, dessen brillante Pointen viele Theaterbesucher nachsprechen können – und die hier verschmiert wurden oder gar nicht kamen. Im Grunde darf man Texte überhaupt nie verändern, aber Nestroys Worte leichtfertig durch andere zu ersetzen, ist Raub am Werk.

Mit einer Ausnahme leugnet dieser Abend, dass Nestroy „echte Menschen“ und keine Theater-Kunstfiguren und Selbstdarsteller-Exzesse auf die Bühne gebracht hat. Seltsamerweise interessiert von den drei Handwerksgesellen der immer „blasseste“ hier am meisten: „Josefstädter“ Florian Teichtmeister, ans Burgtheater verborgt, an seinem Stammhaus zuletzt der Zwirn, hat sich fast als Einziger an diesem Abend entschlossen, nicht irgendeine schwankhafte Parodie auf die Bühne zu stellen, sondern einen echten Menschen zu suchen. Das Unglück des Leim schaut ihm aus den Augen, und wenn er dann zum Bürger wird, gibt er das nicht als verlogene Pose preis. Es gibt sie ja auch im Leben ganz ehrlich, die faden Braven. Nur dass sie in der Kunst wenig hermachen. Da sind die Schrillen wirkungsvoller. Nicht in diesem Fall: Der Leim bekommt seine Chance und nützt sie.

Michael Maertens ist nicht Zwirn, sondern er ist hemmungslos und schamlos blödelnd, auf seine typische Art herummaulend und –motzend, seinen Körper exzessiv schlenkernd, ein Virtuose, der sich auf der Bühne produziert wie ein Pfau. Diese Neigung zum ziellosen Exzess bemerkt man bei ihm schon öfter: Wann wird er wieder einmal „ordentlich“ theaterspielen? Nestroy hätte es verdient.

Nicholas Ofczarek ist im Gegensatz zu all den „vollsaftigen“ Knieriems, die man erlebt hat, ein trockener. Geht auch, ist nur nicht sehr nachdrücklich. Immerhin, mit „Eduard und Kunigunde“ ermuntert er das ganze Haus zum Mitsingen, sonst nimmt man ihn wenig wahr. Nur am Ende bricht er – von Regisseurs Gnaden – aus: Das brüllende Säufer-Bekenntnis ist erschreckend. Erkennbar. Kein Nihilist, kein Nestroy-Philosoph, sondern einer, dessen Hirn schon zerfressen ist.

Dass Maria Happel Angela Merkel in Sprache und Geste nachmachen kann, ist nicht erstaunlich, sie genießt es. Sie darf sich ja sonst nicht weiter entfalten (und das bei einer Schauspielerin ihrer Potenz!!!) – weder als Bediente mit einem riesigen Schwarzwälder Hut (so wie Sonja Ziemann im Kino), noch (und noch weniger) als die Palpiti: Welch vergebene Chance.

Man weiß, dass Mavie Hörbiger gerne exzessive Figuren spielt, sie macht aus jeder eine Art „Kretzen“, und sie ist oft auf der Bühne (im Haushalt Hobelmann sogar hintereinander als Schwägerin und als Dienstmädchen, was nicht eben logisch erscheint). Ihre Kollegin in den weiblichen Rollen, Katharina Knap, bleibt blass bis zur totalen Unauffälligkeit. Größere Nebenrollen fallen an Branko Samarovski, Peter Wolfsberger, Hermann Scheidleder und Max Mayer als absolut ekligem Lumpazi.

Eklig ist an diesem Abend viel. Aber man weiß auch, dass das vielen Menschen gefällt. Jedenfalls mischte sich in den Beifall keinerlei Widerspruch.

Renate Wagner

 

 

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