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WIEN / Burgtheater: LILIOM

07.04.2013 | Theater

 

 
Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Burgtheater
LILIOM von Franz Molnár
Premiere:  6. April 2013 

Mit Franz Molnars „Liliom“ kann man viel machen – von der einst beliebten Monarchie-Ballade vom groben Strizzi mit dem gut versteckten weichen Herzen, wo man dann ohne Probleme märchenhaft bis ins Jenseits schwebt; aber es geht auch die Prolo-Studie über die verdammt armen Leute, die chancenlos durchs Leben krebsen und wo ein übler Macho dennoch offenbar unwiderstehlichen Reiz auf die Frauen ausübt. Viele andere Variationen sind gleichfalls möglich. Aber irgendwas sollte einem doch einfallen.

Zugegeben, die Wiener Theater hatten zuletzt wenig Glück mit Liliom – nicht mit der Kica-Inszenierung 2003 in der Josefstadt, die das Stück in eine Wellblech-Container-Welt versetzte und aus Angst vor Sentiment zur Farblosigkeit dämpfte; nicht mit Schottenbergs Proletenparabel 2010 im Volkstheater, wo es nicht einmal den Prater gab und Robert Palfrader gänzlich ratlos auf der Bühne herumstand. Wenn Zürichs Intendantin Barbara Frey, als Regisseurin nicht sehr oft in Wien zu Gast, hier wenigstens etwas mehr Farbe gibt, klatscht das Publikum schon wie hingerissen – eine wirklich überzeugende Inszenierung ist es aber nicht geworden. Dazu hat sie zu viele Schwachpunkte.

Stark ist allerdings das von Bettina Meyer auf die Drehbühne gestellte Einheitsbühnenbild, das mit vielen herumlaufenden Lichterketten wenigsten eine Art von „kaltem Rummel“ verbreitet. Entfernt an den Prater erinnert auch die Rutschbahn, die allerdings eher funktionslos ist – deshalb muss Liliom auch mal raufrennen und runterrutschen, raufrennen und runterrutschen, nicht die einzige sinnlose Aktion des Abends.

Dennoch, das  Bühnenbild bringt’s, vorne eine runde Bank, dahinter „DizzyMouse“, wo Liliom arbeitet (ein Ringelspiel?), die Sitzbank als schäbiges Zimmer, in dem er und Julie bei Frau Hollunder wohnen, dann hoch auf einem Container (auch hier), Überschrift „Jenseits“, das Bürozimmer des „Konzipisten“, schließlich am Ende vor ein paar Stauden der Gartentisch, an dem Julie und ihre Tochter essen, als Liliom aus dem Jenseits auf ein Sprüngerl herüberschaut … Alles da, was man braucht, die Stimmung ist seltsam, unsinnlich, aber abgesehen von dem schnellen Ablauf (dergleichen weiß man immer zu schätzen, wenn man an Aufführungen gerät, wo mühselig langsam „umgebaut“ wird) hält dieses Bühnenbild die „Liliom“-Geschichte zusammen.

In welcher Welt sie spielt, hat sich Barbara Frey allerdings weiter nicht so überlegt, die Kostüme (Esther Geremus) signalisieren das glanzlose „Heute“, aber immerhin rätseln  Julie und Marie ausführlich über Uniformen, und diese Frage, bei welchem Regiment der Liebste sei, hat sich ja seit der Monarchie nicht mehr gestellt… Auch ist das Burgtheater längst kein österreichisches Theater mehr, es herrscht die Buntheit der deutschen Zungenschläge, und wenn Katharina Lorenz (Herkunft: Leverkusen, außerdem auch immer mit einem Hauch des unbewältigen „S“ in ihrer Sprache) und Mavie Hörbiger (gebürtig aus München) sich unterhalten, so klappert es dermaßen Bundesdeutsch von der Bühne, dass sich die Tatsache, dass das zwei Dienstmädchen vom Lande bei reichen Wiener Herrschaften sind, einfach querlegt. Nun hat man längst gelernt, über dergleichen hinwegzusehen, weil die Dinge nun einmal sind, wie sie sind (im Theaterbetrieb nämlich), aber richtiger werden sie dadurch nicht.

Sprachlich „richtig“ sind dann Liliom und die Frau Muskat, auch der himmlische Konzipist, der mit Burgtheater-Deutsch natürlich am besten zu spielen ist, aber welche Zeit, welche Welt eigentlich beschworen wird, diese Antwort bleibt die Regisseurin schuldig (wollte aber die dahinter steckende Sozialstudie ohnedies nicht ansprechen, wie sie sagte). Macho-Gebrülle hier und Gekichere im Jenseits dort, die Stimmungen schwanken, „Wie legst Du es an?“ bleibt offen, und manches ist auch extrem schlecht gemacht: Oder soll die Szene des Überfalls, die grotesk patschert und ungefährlich ausschaut (und dann doch mit dem Tod endet?), schon unrealistisch „jenseitig“ sein, also Liliom wird von dem Geldboten, der später auch einer der Jenseits-Boten ist, quasi durch höhere Macht abgeholt? Aber die höhere Macht sitzt dann an einem Schreibtisch mit Kofferradio und lässt sich immer nur ungern von seiner Schlagermusik wegholen…?

Und dann gelingt wieder etwas erstaunlich, wie der Weg über die 16 Jahre, bis Liliom auf die Erde zurückkommt – sonst eine Behauptung, hier auf der Drehbühne vorgeführt, die einst so lebendige Frau Muskat am Krückstock, die alte Frau Hollunder am Totenbett, der Gauner Ficsur unverändert noch immer da, das nunmehrige Ehepaar Marie und Wolf ausgesprochen fett geworden… 16 Jahre drehen sich so vorbei, eine Theaterlösung von schönster Klarheit.

Dennoch – das Ambiente des Stücks wird minimal bedient. Die Regisseurin hat sich auf den Titelhelden konzentriert, aber vielleicht sollten Theatermacher keine Interviews geben – die Aussage „Liliom ist sanft und kindlich!“ (die allerdings nur im Titel, nicht im Text des „Presse“-Artikels zu finden ist) erkennt man auf der Bühne jedenfalls nicht. Tatsächlich wirkt Nicholas Ofczarek wie ein allein gelassener Schauspieler, der versucht, von Szene zu Szene „irgendetwas“ zu machen, das sich aber nicht zu einem Ganzen fügt. Zu Beginn, wenn er immer wieder stockt und quasi nach Worten zu suchen scheint, wirkt er leicht belämmert, fast behindert, dann spuckt er seine Grobheiten aus, die einem so massigen Mann wie ihm glaubhaft aus der Kehle kommen. Im Ganzen ist er durch und durch ein Unglückskerl, der nicht weiß, was er will, am überzeugendsten noch in seinem obstinaten, dummen Trotz. Vor allem aber (man kennt die Vorliebe des Nicholas Ofczarek dafür) ein Kotzbrocken – und gänzlich ohne erotische Ausstrahlung. Und die wäre doch ein wichtiger Teil dieser Figur, die hier Stückwerk bleibt und in ihren Reaktionen immer wieder schlechtweg künstlich wirkt.

Katharina Lorenz, die am Ende als Mutter der 16jährigen Tochter viel richtiger und überzeugender wirkt als das junge Mädchen zu Beginn, hat die introvertierte Kraft der Julie, aber nicht deren Reiz. Da ist alles harte, deutsche Sprödigkeit (und dass sie sich das Kleid aufreißt und mit nackten Oberkörper über die Leiche von Liliom wirft, ist ein  Theatereffekt, der nur dumm wirkt). Und Mavie Hörbiger als Marie (nein, das sind keine Dienstmädchen, wie sie Molnar im Grunde Schnitzler abgeschaut hat!) wirkt so kerzengerade und eigentlich unsympathisch dumm, dass der Reiz der Naivität, den Molnar der Figur gab, nicht nur verpufft, sondern weite Passagen ihres Textes (über die „herzliche Lieb’“ etc.) bar jeder Überzeugungskraft sind.

 

So darf sich Barbara Petritsch (die Steirerin, die des Wienerischen mächtig ist) das Lob holen, die überzeugendste Figur auf der Bühne zu sein – sie schenkt der Prater-Kapitalistin nichts, macht sie allerdings mehr lüstern als nüchtern geldgierig, und sie spielt ein so reiches Gefühlsregister (bis zur echten Verzweiflung an Lilioms Leiche), dass die anderen davon nicht einmal träumen können: Aber so schattiert und differenziert sind bei Molnar im Grunde alle Figuren…

Daniel Sträßer als Ficsur ist zwar ein Leichtgewicht, aber als fieser Manipulator überzeugend, Michael Masula als jüdischer Wolf Beifeld eher blass, Brigitta Furgler als Frau Hollunder knurrig genug, Jasna Fritzi Bauer als Luise jung genug. Wie gesagt, man weiß nicht, wie ernst der Geldbriefträger von Hermann Scheidleder gemeint ist, er benimmt sich jedenfalls wie im Kindertheater, bis er dann mit Peter Matic scherzend den toten Liliom abholt: Matić ist danach hinter seinem Schreibtisch ein sympathischer Beamter, aber man wird ihn sich in dieser Rolle nicht ewig merken (Hans Moser hingegen schon…).

Es sind nicht sehr stimmungsintensive, so gut wie nie wirklich spannende zweieinhalb Stunden, ein Theaterabend halt, der wenigstens nichts Böses will und Böses tut. Er bleibt bloß weit unter den Möglichkeiten des Stücks. Schade drum.

Renate Wagner

 

 

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