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WIEN / Burgtheater: HAMLET

29.09.2013 | Theater

Hamlet_AugustDiehl

WIEN / Burgtheater: 
HAMLET von William Shakespeare
Premiere: 28. September 2013

Am Ende waren es dann wirklich gestrichene sechs Stunden, punkt Mitternacht endete die „Hamlet“-Premiere des Burgtheaters. Der Publikumsschwund war erstaunlich gering, der Beifall erstaunlich groß, bedenkt man, dass man von Regisseurin Andrea Breth kein erkennbares Inszenierungskonzept mitnehmen konnte. Shakespeares „Hamlet“ gilt nicht zuletzt als das Stück der Stücke der dramatischen Weltliteratur, weil es so „offen“ ist, dass man alles damit machen kann (man muss es nur gut machen). Es aber fast vollständig (tatsächlich nur fast, es fehlte einiges nicht nur an Formulierungen, die man vermisste – darauf wäre es wohl nicht mehr angekommen?) und teils pathetisch, teils lähmend vom Blatt zu spielen, ist doch etwas wenig. Zumal bei einer Regisseurin, die von ihren Anhängern ja in den Himmel gehoben wird.

Man kann Hamlet, den Dänenprinzen, einmal „privat“ ins Feld schicken – mit einem veritablen Mutterkomplex, ein junger Mann, der nicht verträgt, dass sie sofort nach dem Tod des Vaters wieder geheiratet hat. Mit einer besonders starken Vaterbindung, die explodiert, als ihm der „Geist“ des Verstorbenen erzählt, von seinem Bruder und Nachfolger (im Ehebett und auf Dänemarks Thron) ermordet worden zu sein. Hamlet kann aber auch – oft und gern und richtig – gegen eine völlig pervertierte Welt der Machtmanipulation und Höflingskriecherei aufstehen, es ist einiges faul im Staate Dänemark. Und der ganze Nihilismus eines jungen Mannes, der sich in der Welt nicht zurecht findet, kulminiert in den Erkenntnissen von „Sein oder Nichtsein“ – warum bringt man sich eigentlich nicht um, wenn einem die Menschen und die Welt so zuwider sind? Und dies sind nur die allergängigsten Vorschläge zu einem Ansatz für Hamlet, wobei vielen großen Regisseuren noch vieles mehr eingefallen ist.

Andrea Breth hat sich von Martin Zehetgruber ein Bühnenbild bauen lassen, das zwar theoretisch eindrucksvoll wäre, wenn es nicht so glanzlos und schäbig darstünde, aber das die Geschichte auf jeden Fall reduziert und klein macht. Auf der Drehbühne offenbaren sich riesige Räume, braune Wände, die nicht edel getäfelt sind, sondern billig an die fünfziger Jahre erinnern, auch die Möbel (Sitzgarnituren von anno dazumal, Bürosessel) haben nichts Palastartiges: Helsingör ist also eine Firma, nicht das Zentrum eines Königreichs, und die Laptops, die plötzlich auf den Tischen stehen, wenn Claudius in eines der Büros kommt, um sich mit seinem Gewissen auseinander zu setzen und zu beten, sind in solchem Ambiente völlig unzeitgemäß. Abweichend vom Üblichen spielt die Szene Hamlet-Gertrud nicht in ihrem Schlafzimmer (wo man aus dem Bett als Spielort einiges an sexuellen Elementen zwischen Mutter und Sohn herausholen könnte), sondern in Gertruds Badezimmer, was die Sache schwieriger macht. In der Mitte der Bühnenkonstruktion findet man eine Art Biotop, gern vom „Geist“ benützt, und für gelegentliche „Außenszenen“ (Hamlets Reise nach England oder die Totengräber betreffend) reißt das Bühnenbild ein wenig auf. Ja, gegen Ende regnet es. Warum?

Hamlet, ganz in Schwarz, natürlich ohne Hemd unter dem Anzug, die anderen irgendwie 20. Jahrhunderts, der Geist von Hamlets Vater allerdings sehr differenziert (erst halbnackt wie irgendein Säulenheiliger, dann in Rüstung [!], schließlich im Bademantel) – und alles von Moidele Bickel in jener Ödigkeit entworfen, die wie die ganze Ausstattung an die unsäglichen Marthaler-Welten erinnert.

Gespielt wird, und das ist absolut ungewöhnlich, die Übersetzung von August Wilhelm Schlegel, die zwar eine berühmte Meisterleistung ist, aber für unsere Ohren – von gängig zu zitierenden, prägnanten Formulierungen abgesehen – doch etwas komplex und kompliziert. Im Ganzen hat Andrea Breth eine Geduld aufgebracht, die dem Zuschauer auf die Nerven gehen kann, und nimmt sich endlos Zeit, auch gänzlich Unwichtiges in aller Breite auszuspielen. Vor allem zu Beginn schleppt sich der Abend in absoluter Spannungslosigkeit dahin, erst im Lauf der Zeit nimmt er etwas Tempo auf, um am Ende aus dem Ruder zu laufen – Lacheffekte, wenn schließlich alle sterben, machen wenig Sinn. Bei der Breth ist es allerdings vor allem eine Krepier-Orgie.  

August Diehl, zu Beginn (und die längste Zeit des Abends) total zerrauft, gewissermaßen zerknittert (wozu bitte braucht er einen Türkenkoffer, sprich: Nylonsackerl, wenn er bei sich zuhause ist?), bringt  zumindest anfangs Hamlet Ratlosigkeit mit, was er mit sich anfangen soll. (Wäre er doch nach Wittenberg zurück gegangen und hätte weiter studiert!) Er ist ein guter Sprecher, ein durch und durch intelligenter Darsteller, einer, der von innen her glüht, wenn Andrea Breth ihm auch viel Theaterpathos auflädt, das man früher verächtlich als „Burgtheater“ bezeichnet hätte… Vor allem aber hat man bei  ihm und allen anderen an die meiste Zeit den Eindruck, der Text werde einfach exekutiert, statt in seiner inneren Notwendigkeit erfahrbar gemacht, in seinem Entstehen psychologisch begründet. Man „spielt“ Hamlet. Es müsste mehr sein, nämlich Einsicht. Was Hamlet letztlich umtreibt, Diehl sagt es nicht, weil die Breth es nicht wusste.

Roland Koch und Andrea Clausen sind starke Besetzungen für Claudius und Gertrud, aber sie machen viel zu wenig aus den Rollen. Anfangs wird ihre starke erotische Bindung angedeutet, und in der Szene im Badezimmer lässt die Clausen Gertruds Persönlichkeit virtuos zerfallen, aber es wirkt wie die Einlage einer Schauspielerin, die endlich etwas zeigen möchte. Von den Hauptrollen bringt nur Udo Samel als rundlicher Polonius etwas authentisches Leben ins fahle Geschehen.

Hamlet_Samel_Clausen_Koch 
Fotos: Barbara Zeininger

Doppelt Seltsames hat sich die Breth zu Ophelia ausgedacht. Erstmals hat sie sie mit einer schlecht sprechenden, blässlichen jungen Dame namens Wiebke Mollenhauer besetzt, bei der man Mühe hat, sie überhaupt zu bemerken. Und zweitens wandelt sich – weil es ja in jeder Breth-Inszenierung eine Rolle für Elisabeth Orth geben muss – diese junge Ophelia für die Wahnsinnsszene in besagte Elisabeth Orth: Der Tod des Vaters hat sie offenbar zur Greisin gemacht. Man kann den Auftritt einer großer Burgschauspielerin als großartig erachten (auch diese Meinung war zu hören), aber es sei gestattet, ihn einfach nur peinlich zu finden.

Markus Meyer verwandelte sich mit Bart, Brille und sehr viel Frisur in einen äußerst zurückhaltenden Horatio, der am Ende am liebsten von Hamlets Leiche davon gelaufen wäre – nicht sehr mitfühlend. Hans-Michael Rehberg ist erst der Geist von Hamlets Vater, dann ein vollmundiger Totengräber. Martin Schwab gibt den ersten Schauspieler ohne sonderlichen Nachdruck. In vielen kleinen Rollen ist Peter Matic dank seiner brillanten Diktion nicht zu überhören, während im übrigen schlechte Sprecher (am schlimmsten Albrecht Schuch als Laertes) Shakespeare nicht gewachsen sind.

Ja, Peter Stein tat einst gut daran, den ganzen „Faust“ zu spielen, vom ersten bis zum letzten Vers. Nein, Andrea Breth tut nicht gut daran, den ganzen „Hamlet“ zu spielen, denn der Abend schreit geradezu nach den Strichen von allzu viel Unnötigem (es wird ja nicht von ungefähr Hamlets erzwungene Reise nach England oft ganz weggelassen, weil sie in ihren Details äußerst schwer klar zu machen ist), schreit nach der Eliminierung von Leerläufen, schreit aber auch danach, zurecht berühmte Dinge, die Andrea Breth aus genau diesem Grund unterspielen ließ („Sein oder Nichtsein“ zum Beispiel oder die Ratschläge des Polonius), zu ihrer Wirkung kommen zu lassen. Und nebenbei: Lautet ein elementares Theatergesetz nicht „Du sollst nicht langweilen“?

Von jedem „Hamlet“ erwartet man das große Ereignis – die Inszenierung zur Stunde mit ihren Aussagen. Enttäuschung: Der „Hamlet“ für unsere Tage ist es diesmal nicht geworden.

Renate Wagner

 

 

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