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WIEN / Burgtheater: EINES LANGEN TAGES REISE IN DIE NACHT

01.05.2018 | Theater

 
Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Burgtheater:
EINES LANGEN TAGES REISE IN DIE NACHT von Eugene O’Neill
Premiere: 14. April 2018,
besucht wurde die Vorstellung am 1. Mai 2018

Vater, Mutter, zwei erwachsene Söhne. Drei Trinker, eine Morphinistin. Vier Menschen, gleicherweise verzweifelt, die ihre Situation in Vorwürfen und Schuldzuweisungen gegen einander aufarbeiten – herzzerreißend, aufreibend, unendlich schmerzlich. Die berühmte Familienhölle des Eugene O’Neill, autobiographisch, wie nur je ein Dichter war: „Eines langen Tages Reise in die Nacht“.

Im Burgtheater inszeniert Andrea Breth. Auf sie muss man sich einlassen, immer. Sie wird stets einen alternativen Weg zu Werken finden, und immer wird das Publikum mit ihrer ganz spezifischen Art des „quälenden Theaters“ bedacht (dann wirkt die Katharsis besser). Diesmal in dreidreiviertel Spielstunden, die in jeder Hinsicht düster ausfallen. Es ist schon ein besonderer Trick, die szenischen Bemerkungen des Autors (das Stück spielt 1912 in einem Sommerhaus an der Küste von Neuengland) vorlesen zu lassen und dann nichts davon zu zeigen. Martin Zehetgruber schuf eine quasi abstrakten „Strand“-Szenerie, man fühlt sich zwischen Sand, Wasser und schwarzen Steinen, im Hintergrund sieht man einen Riesenfisch, ein Riesenskelett (ein Krokodil? ein Walfisch?). Hier werden die Darsteller umherwandern und –schwanken, ganz ohne Bezug zur Realität. Dass dergleichen (zumal dunkel gehalten) müde machen kann, merkte man: Nach der Pause fehlte mancher, während des zweiten Teils verabschiedeten sich andere aus dem Publikum (still und leise, wie es sich gehört).

Eugene O’Neill, der bei der Rede für den Literatur-Nobelpreis seinerseits Bewunderung für August Strindberg aussprach, dem er so viel verdankte, hat die Geschichte der Tyrones zweifellos realistisch gemeint und auch so geschrieben. Andrea Breth macht ein Nachtstück, eine Gespenstersonate daraus, man fühlt sich mit den Tyrones in einer Art irrealen Zwischen- oder Traumwelt. Die an sich so klar konturierten Figuren heben ab… wohin?

Alles dreht sich um die Mutter, um Mary Cavan Tyrone, und bei Andrea Breth noch mehr als sonst. Der allergrößte Teil des Abends gehört Corinna Kirchhoff allein. (Da muss schon die Breth kommen, damit eine Schauspielerin wie diese, vom Burgtheater einst – wie auch Udo Samel – angeblich aus finanziellen Gründen aussortiert, wiederkehrt…) In fließenden weißen Gewändern scheint sie durchs Geschehen zu schlafwandeln, auf einen hoch artifiziellen künstlichen Ton gestimmt, der eigentlich die Schwankungen (auch zwischen „noch normal“ und schon im Morphium-Rausch) nivelliert, so einheitlich ist er in seiner quasi „gesungenen“ Hysterie. Nur manche Stellen, die inneren Monologen gleichen, werden in ganz anderer, fahler Sprache moduliert (und von der Technik verfremdet). Dennoch – wenn etwas einen ganzen Abend durchhält wie diese durch und durch künstliche, aufgebauschte „Natürlichkeit“, dann ist Einförmigkeit nicht zu vermeiden. So bewundernswert gerade diese Schauspielerin ist. Immer. Auch hier.

Der Abend ist schon an die drei Stunden alt, bevor die Männer – bis dahin drei weiß gekleidete Gestalten (Kostüme: Françoise Clavel), die Mary umkreisen – endlich zu ihren „Arien“ kommen. Dann darf (Wiederkehrer) Sven-Eric Bechtolf die Tragödie und die Monomanien des James Tyrone ausspielen (einer, der in der Kindheit so arm war, dass er als reicher Mann zum Geizhals wurde, einer, der seine Schauspieler-Ambitionen geopfert hat, um mit einer schlechten Rolle reich zu werden). Dann darf August Diehl ganz wunderbar den jüngeren Sohn spielen, der O’Neill selbst nachgestaltet ist – krank, eine Dichterseele, liebend und hassend, verstehend und aufbegehrend.

An Alexander Fehling, den man bisher nur im Kino bewundern konnte (vor allem als jungen Goethe und in dem hervorragenden Polit-Film „Im Labyrinth des Schweigens“), zeigt sich – wie übrigens auch an Corinna Kirchhoff  -, dass Deutsch nicht Deutsch ist, genauer: Wie viele Facetten die Behandlung der deutschen Sprache hat. So wie Kirchhoff und Fehling sprechen (zweifellos auf Breths Wunsch), ist hektisches, auch flapsiges, oft mauliges, jedenfalls  absichtsvolles Verschmieren und mangelnde Verständlichkeit einprogrammiert, ein scheinbarer Realismus im unrealistischen Umgang mit dem Stück, der eindeutig auf Kosten des Publikums geht: Dabei ist (was man halt versteht) Fehlings Leistung faszinierend, weil er die ganzen Widersprüche, die O’Neill in die Figur des liebenden und hassenden Bruders verpackt hat, ungemein facettenreich (könnte man auch sagen: manieriert? Die Regisseurin will es so) realisiert.

An Andrea Wenzl besticht, dass dieses freundlich-trampelige Hausmädchen im Vergleich zu den abgehobenen Tyrones wirklich aus einer anderen Welt zu kommen scheint…

Am Ende fährt das Skelett, das meist im Hintergrund der Drehbühne geruht hat, in die Bühnenmitte. Man weiß nicht, was soll es bedeuten, aber eindrucksvoll ist es. Wie der ganze Abend. Quälend war er auch.

Renate Wagner

 

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