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WIEN / Burgtheater: DAS LETZTE BAND

22.06.2013 | Theater

 

WIEN / Burgtheater: 
DAS LETZTE BAND von Samuel Beckett
Festvorstellung zum 70. Geburtstag von Klaus Maria Brandauer
22. Juni 2013 

Wenn ein Schauspieler, der „alles erreicht“ hat (wie immer wieder betont wird – und trotzdem nicht falsch ist), seinen 70. Geburtstag auf der Bühne des Burgtheaters feiert, in einer der berühmten Rollen der Weltliteratur, Samuel Becketts Krapp, der in diesem Stück gerade seinen 69. Geburtstag feiert, ist das stimmig genug. Für Klaus Maria Brandauer reihten sich die Triumphe des Abends wie Perlen an eine Kette. (Einwände hat ja wieder nur der Kritiker.)

Zuerst „Das letzte Band“, das berühmt-berüchtigte Meisterstück von Samuel Beckett, das gar nicht so einfach in den Griff zu bekommen ist und das Brandauer zusammen mit seinem derzeitigen Leib-und Magen-Regisseur Peter Stein in Angriff genommen hat. Zuletzt in Wien zelebrierte Gert Voss 1999 in der Josefstadt diesen Krapp als „Dirty Old Man“. Bei Brandauer ist er ganz – Clown. Unmißverständlich in Kostüm und Maske, mit den abstehenden Haaren, der Knollennase (fast à la Cyrano) – schließlich ist Krapp ja eingestandenermaßen ein Säufer, mit den tapsigen Bewegungen. Und der piepsigen Kinderstimme des alten Mannes. Ferdinand Wögerbauer hat einen Schreibtisch als metalliges Monster auf die Bühne gestellt, vollgeräumt mit Kassetten, die vom Tisch gefegt werden: Schließlich braucht Krapp für den Weg in die Vergangenheit, den er unternimmt, ja nur „Spule fünf aus Schachtel drei“, die er dann auf einem altes Tonbandgerät abspielt.

Bis es dahin kommt, vergeht längere Zeit – Krapp muss schließlich seine (wie man später erfährt: lebenslange) Besessenheit mit der Banane ausagieren. Brandauer schält sie genüsslich, lässt die Schale fallen, steckt sich die Banane zur Gänze – mit dem gewünscht obszönen Effekt – in den Mund, bevor er sie nach und nach schluckt, und selbstverständlich rutscht er (wie es einem Clown gebührt) auf der Schale aus. Das alles steht bei Beckett, aber man muss es natürlich spielen – mit langem Atem. So wie Brandauer und Stein es angehen, ist es ein bewusstes Virtuosenstück, und das bleibt die Darstellung den ganzen Abend lang.

Das Tonband, das sich der 69jährige anhört, ist 30 Jahre alt, der 39jährige spricht mit der Frische und Eleganz der kraftvollen Brandauer’schen Diktion, und jene Selbstgefälligkeit klingt durch, die der Greis nun verächtlich, ärgerlich, mit tausend sprachlichen und gestischen Nuancen von höchster Künstlichkeit abtut: Das ist bar jeder (und sei es auch nur scheinbarer) Spontaneität, das ist so gekonnt, dass man es merkt – und da stimmt dann etwas nicht. Denn Brandauer, der stolz darauf ist, immer „Ich“ geblieben zu sein, geht nicht in den Krapp auf, sondern fordert quasi die Zuschauer auf, ihn dafür zu bewundern, mit wie vielen brillanten Details er ihn darstellt… Die glitzernde Kunstfigur anstelle der  Suche nach einer möglichen Wahrhaftigkeit.

   
Fotos: Jim Rakete

Brandauer hat in seiner Karriere gelegentlich (selten zwar, aber doch) gezeigt, dass er aus sich heraustreten und sich verwandeln kann: Diesmal tut er es nicht, und das Publikum erwartet es auch nicht, denn er ist ja der klassische Persönlichkeitsschauspieler – man kommt, um ihn zu sehen, und dann bekommt man auch etwas geboten, worüber man reden kann. Und frenetisch jubeln.

Nach der Vorstellung (ehrlich: Ich habe während der 75 Minuten rund um mich so manchen Kopf gesehen, der im Schlaf vor sich hinnickte) wurde dann der große Triumph, der es natürlich war, fortgesetzt: Man schleppte einen riesigen „Thron“ auf die Bühne, vergoldetes Holz, roter Samt, und Brandauer, ganz Schauspieler, kokettierte damit, setzte sich auf die Lehne, lümmelte sich hinein, kurz, war so „jung“, wie man es von einem 70jährigen erwarten kann, der wahrlich nicht so wirkt.

Und dann kamen sie – erst Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann, total heiser, genervt genug, um seine kurze „Rede“ noch abzulesen, bei der er immer wieder darauf hinwies, um wie viel jünger er (mit seinen 50) doch ist als der Geehrte…

Da man Brandauer schon zum 65er das „Ehrenmitglied des Burgtheaters“ und die „Goldene Ehrenmedaille der Stadt Wien“ verliehen hat, blieb nicht mehr viel übrig – die Kollegen des Hauses gaben ihm ihren Ehrenring, der Bundespräsident entschuldigte sich und schickte ein geradezu lächerliches Schreiben, das Gerhard Blasche kaum von den Lippen kam.

Vom Schnürboden regnete es Goldflitter, es gab gelbe Rosen, eine Geburtstagstorte und viele Umarmungen der Kollegen. Unter ihnen entdeckte man auch Robert Meyer, der sich vermutlich daran erinnerte, dass er unter Brandauers Regie 2002 den Claudius im „Hamlet“ gespielt hat („Hamlet“ Michael Maertens war auch da, ebenso „Gertrud“ Elisabeth Orth, „Ophelia“ Birgit Minichmayr, eine Brandauer-Schülerin, wurde nicht gesichtet, dafür Johanna Wokalek, die auch aus Brandauers Schule am Reinhardt-Seminar kam).

Schließlich fand man noch im Hintergrund – nein, er hat sich nicht nach vorne gedrängt, aber er ist ja schon 76, da wird man vielleicht ein bisschen weise – Claus Peymann, der dem „Paar“ Brandauer / Stein (das ja für manche Leute ein Exempel „gestrigen“ Theaters ist) für ihren „Zerbrochnen Krug“ immerhin in seinem Berliner Ensemble Unterschlupf geboten hat. Jetzt sind die beiden wieder am Burgtheater – und das ist, wie man weiß, ja allen immer am liebsten… Brandauer hat an der Burg, an die er 1971 kam, in 42 Jahren nur elf Rollen gespielt, sich also wahrlich rar gemacht. Warum man ihn nicht frage, weshalb er nicht öfter vorbeigeschaut hätte? meinte er kokett zu Hartmann. Nun, dieser hat das Doppelpack Brandauer / Stein für nächste Saison für „König Lear“ verpflichtet, was soll er mehr tun.

Kurz, an diesem 70. Geburtstag schwammen alle in Seligkeit.

Renate Wagner

 

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