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WIEN/ brut: Viktor Szeri mit „unseen“ und gergo d. farkas mit „rascal“

30.03.2026 | Ballett/Performance

WIEN/ brut: Viktor Szeri mit „unseen“ und gergo d. farkas mit „rascal“ am 28.3.2026

Mit zwei Uraufführungen beendete das brut Wien sein diesjähriges imagetanz-Festival. „unseen“ und „rascal“ standen stellvertretend für das hohe Niveau der heuer gezeigten Arbeiten und repräsentierten gleichzeitig einen (vorläufigen) Höhepunkt der Entwicklung dieser 1989 als Werkschau vornehmlich noch unfertiger oder kleinerer Arbeiten im Sinne der Nachwuchsförderung gestarteten Reihe. Jener Intention zeigte sich das Festival mit seinen Hauptbeiträgen vollständig entwachsen.

Auch der ursprüngliche Fokus der Unterstützung von in Wien ansässigen Kunstschaffenden wurde aufgeweitet, wie die zwei Arbeiten von ungarischen Choreografen zeigten, gepackt in einen zwei Mal in zwei Häusern aufgeführten Doppelabend. Die beiden in ihrer Ästhetik so unterschiedlichen Stücke verbindet ihre Untersuchung von Transformationsprozessen.

Viktor Szeri mit „unseen“

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Viktor Szeri: „unseen“, im Bild: Viktor Szeri (c) András Szombathy

Viktor Szeri (geboren 1993), mehrfach ausgezeichnet, für das europäische Aerowaves Twenty24 ausgewählt und vom Programm Life Long Burning – Creative Crossroads (2024–2026) gefördert, erlangte mit seinem Solo „fatigue“ bereits europaweite Aufmerksamkeit. Mit seinem hier gezeigten, für vier Performende konzipierten Gruppenstück „unseen“ nun erreicht er trotz des um die Bühne herum platzierten Publikums einen überraschenden Grad an Immersion.

Wesentlich dafür ist der Sound der ungarischen klassischen und Jazz-Pianistin und Sound-Designerin Rozi Mákó. Sie treibt das performativ-tänzerische Geschehen durch einen einstündigen Prozess, an dessen Finale die vier Akteure auf der Bühne vor den vier Seiten der Tribüne stehend enden. Jeder konfrontiert sich mit einen Viertel des Publikums. Und vice versa. Hoch konzentriert und ruhig nach dem Sturm.

Ihr gestischer Habitus gleicht dem am Anfang. Obwohl wir sitzen, saugen uns diese Gegenüber in die Szenerie, die aus nichts besteht als einem leeren Raum, gefüllt mit der Präsenz dieser vier. In Streetware gekleidet stehen Martina De Dominicis, Imre Vass, Sasha Portyannikova und Viktor Szeri lange still vor „ihrem“ Publikum. Kontemplativ beinahe ihre Ruhe und Gelassenheit. Der Sound aber kündet von inneren Dringlichkeiten.

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Viktor Szeri: „unseen“, im Bild: Imre Vass (c) András Szombathy

Sie beginnen mit äußerst langsamen, fast unmerklichen Bewegungen im Stand, steigern ihre gestische Aktivität stetig, unterstützt vom sich kontinuierlich erhöhenden Energie-Niveau des knisternd-knackenden, immer irgendwie gestörten Sounds, erschließen sich den Raum gehend, dann laufend, werden zunehmend dynamischer, bald chaotisch in ihrer Bewegung und Stellung zueinander. Sie erreichen schließlich einen trance-artigen Zustand, gepeitscht von aggressivem Techno und flackerndem Licht. Nebenher entkleiden sie sich Stück für Stück, bis sie völlig nackt, erschöpft von ihrem ekstatischen Tanz, langsam zu Boden sinken. Und das alles jeder für sich.

Dort erwacht nach langer, auch für das Publikum notwendiger Erholungsphase Leben. Einer untersucht eine Zitrone (Symbol für Frische, Optimismus und geistige Klarheit), trinkt deren Saft und reibt sich den Körper damit ein. Eine andere bläst Rauch, den die Verbrennung ihrer Opfergabe Ego hinterlässt, aus ihrem Mund. Sich langsam ankleidend, nun aber wird jede(r) anders gekleidet sein, organisieren sie sich nach kurzer Integration ins Publikum zu synchronen Tänzen in diversen Formationen, begleitet von harmonischer, ja schöner Musik. Nachdem jede(r) noch einmal kurz vor einer der vier Seiten der Tribüne verweilte, gehen sie ab. Wiederum jeder für sich. Was bleibt, ist ein menschenleeres Schlachtfeld, übersät mit Kleidungsstücken, abgestreiften, Wachstum verhindernden Häuten.

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Viktor Szeri: „unseen“, im Bild: Martina De Dominicis (c) András Szombathy

Viktor Szeri konzipierte und choreografierte ein mit Unterstützung seiner drei Ko-Performenden kreiertes Stück, das, vom taoistischen Denken inspiriert (auch Sufi-Elemente sind erkennbar), die vier auf eine Reise zu ihrem Ursprung führt. Sie entkleiden sich nicht nur all ihrer Habseligkeiten. Sie entledigen sich ihrer Überzeugungen von sich selbst und der Welt, ihrer Glaubenssätze, ihrer Identitäten und Egos. Dazu lösen sie sich aus der festgefügten, unbeweglichen Ordnung auf der und um die Bühne, mithin aus sozialen, gesellschaftlichen, politischen und religiösen Gefügen und Konditionierungen.

Ihr Weg führt in die völlige ideologische und gedankliche, also geistige Leere. Ihre Nacktheit repräsentiert ihren Kern, ihren unverbildeten Ursprung, ihre unverbaute und unverfälschte Quelle. Vollkommene Freiheit. Aus dieser heraus schöpfen sie sich neu, repräsentiert durch neue Kleidung. Jede(r) Einzelne kreiert eine andere, höhere Version seiner selbst, eine andere, höhere Repräsentation der Individuation des Einen, als dessen Teil sie sich, jeder allein und doch alle gemeinsam, zuvor erfahren haben.

Nach diesem energetischen Parabelflug durch die individuelle Gewichts- und Gesichtslosigkeit ergeben sie sich erneut der Anziehungskraft der Realität, jedoch auf einer höheren Ebene des Bewusstseins, ruhend in ihrem So-Sein. Aus Widerstand wird Hingabe, aus Intention wird Ziellosigkeit, aus Wille wird Weisheit. Sie begeben sich in die Leere, um aus dieser entstehen zu lassen, was entstehen will. Gleichmütig.

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Viktor Szeri: „unseen“, im Bild: Martina De Dominicis, Sasha Portyannikova (c) András Szombathy

Ihr veränderter, nun gemeinsamer Tanz ist Abbild der Neugestaltung von individuellen, sozialen und gesellschaftspolitischen Wertesystemen. Damit machen sie ein Miteinander möglich, das in seinen Potentialen weit über das hinausreicht, wozu eine aus ungereiften, nicht erwachten Individuen bestehende Gesellschaft fähig ist.

„unseen“ ist eine Reise durch das Eigentliche des Menschen hin zu seinem philosophisch-psychologischen, spirituellen Ideal, in die Utopie einer Gesellschaft, die sich konstituiert aus freien, offenen, bewussten und verantwortlichen Mitgliedern. Es ist eine Rave-Party in ein bislang „Ungesehenes“: Die Heilung der Gemeinschaft durch die Transformation des Einzelnen. Großartig.

gergo d. farkas mit „rascal“

Im zweiten Teil des Abends zeigte der ungarische Choreograf und Tänzer gergo d. farkas sein einstündiges Solo-Stück „rascal“ als Uraufführung. Auch er, dessen Arbeiten bereits europaweit gezeigt wurden, war Auserwählter für „Aerowaves“, 2022 mit seinem Stück „Deep Fake“ und 2025 mit „babes“. Das nunmehr dritte Mal Anwendung in seinen Arbeiten finden Elemente seiner von ihm entwickelten choreografischen Forschungs- und Bewegungspraxis „Organ-ing“.

Damit weist er fantasie-geborenen, an sich nutzlosen Organen kreatives Potential zu und macht sie zu Kollaborateuren, die im Zusammenwirken mit dem Körper, dessen Umgebung und dem Sinnlichen Tänze, Klänge, Objekte und Poesie gebären. Ein solches, rätselhaftes Organ (von Balázs Ágoston Kiss) hängt bereits im Foyer. Ein weiteres, eine flache Skulptur mit Tentakeln und einer himmelwärts gerichteten, trichterförmigen Röhre, liegt im Zentrum der Bühne (Bühnenbild: Lőrinc Borsos). Und farkas gemütlich aufgestützt obendrauf.

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 gergo d. farkas: „rascal“ (c) Hanna Fasching

Der verschlungene Pfad durch grüne Landschaft, Teil eines viel größeren, hinter einer dreieckigen Öffnung des rückwärtigen Vorhanges fast versteckten Gemäldes, findet sich auch auf der Rückseite von Farkas‘ Shirt. Dort allerdings führt der Weg auf einen hellen, diffus strahlenden Punkt zu. Womit seine Performance in „rascal“ bildlich beschrieben wäre.

Die beginnt er mit zuckendem Schütteln des Kopfes in Stille. Erst dann schwillt ein heller Ton langsam auf und ab. Der Bassist, Gitarrist, Komponist und Sound-Designer Márton Csernovszky (oder ungarisch: Csernovszky Márton) schuf mit Tönen und Ton-Kollagen, die aus übereinander gelegten, ganz leicht, später zunehmend hörbar gegeneinander verstimmten Einzeltönen zusammengesetzt sind, eine Klangkulisse, die die inneren Spannungen der Figur auf der Bühne und die Entwicklung seiner Grundbefindlichkeit kongenial akustisch abbildet.

Aus leichten Zuckungen werden ausladendere, den ganzen Körper ergreifende, sich durch ihn in Wellen bewegende krampfartige Bewegungen. Was im Kopf als das Selbst sabotierender Gedankenstrom begann, dort, auf jener flachen Skulptur, ergreift Körper und Raum. Eine von Konvulsionen gebeutelte Kreatur, Opfer ihrer existenziellen Desorientierung, kämpft mit ihrem und gegen ihr So-Sein. Zurück gekehrt, das Gesicht in der fleischigen Röhre, scheinen bidirektional Energien zu fließen.

Die aus Litauen stammende Musik-Produzentin, Programmiererin und Licht-Designerin Leo Kuraite kreierte eine Beleuchtungs-Umgebung, die an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten schlummernde Licht-Skulpturen zu überraschendem, das Sujet des Stückes entscheidend unterstützendem Leben erweckt.

 

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 gergo d. farkas: „rascal“ (c) Hanna Fasching

Die performative Katharsis dieser Arbeit, die innere Wandlung der Bühnen-Figur, markiert ihre in den Decken-Traversen hängende umgekehrte Pyramide aus Stahl und Lampen. Diese gießt immer heller werdendes, bald gleißendes Licht wie durch einen Trichter auf den rücklings auf der Boden-Skulptur liegenden Tänzer, seinen Kopf gebettet auf die erhabene Öffnung. Highspeed-Perkussion dramatisiert die Szene zusätzlich. Es ist wie die Eingießung des universellen Bewusstseins in die deformierte Seele eines Haltlosen, weil sich selbst nicht mehr Spürenden, daher Irrenden.

Stille. Fast dankend kniet Farkas auf seinem Fantasie-Organ, und ein weiteres Mal wird Licht zum Haupt-Akteur. Die drei am Rand hängenden Scheinwerfer erwachen. Suchend senden sie ihr orangefarbenes Licht durch den Raum, bevor es vor der Skulptur langsam zur Ruhe kommt. Fetzen von Bläser-Tönen. Und Nebel schwebt als Schicht im Raum. Musik und Bewegung synchronisieren sich über ihre Störungen.

Diese aber verebben. Er wiederholt, was er viele Male tat, nun aber ohne jede Irritation, in anderem Bewusstsein. Er scheint bei sich angekommen zu sein. Hier berührt er tief. Die Nebel schiebt er beiseite, offenbart sich selbst, einem Priester gleich, dem Publikum als offenes Buch, ungeschützt und rückhaltlos ehrlich, und er tanzt zwischen klassisch und ungarisch durch den Raum. Wie eine weiche Meditation fließen seine Bewegungen zu immer sakraler klingender Musik, wie in einem beschwörenden Ritual zieht er seine Kreis-Bahnen im dichter werdenden Nebel, in dem er schließlich verschwindet. Was er zurücklässt, ist Gottes lauter Atem.

 

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 gergo d. farkas: „rascal“ (c) Hanna Fasching

Der helle Punkt als Ziel des gewundenen Pfades ist erreicht. Im Ergebnis eines schmerzhaften Transformationsprozesses findet die Kunstfigur farkas Erleuchtung und scheint einzugehen in ein hinter dichten Nebeln verborgen liegendes Nirwana. Oder er taucht (vorerst noch) ein in weitere, größere Abenteuer auf dem Weg zu sich selbst.

gergo d. farkas gelingt mit „rascal“ ein kluges Stück voller Poesie und spiritueller Reife, das ganz wesentlich von den Kollaborateuren der Sparten Licht, Sound und Szenografie befruchtet wird. Ebenso wie die erste Arbeit dieses Abends, „unseen“. Beide Stücke beeindrucken mit inhaltlicher Tiefe, dramaturgischer Konsequenz und handwerklich sowie künstlerisch hohem Niveau, vom brut folgerichtig und als Festival-Finale attraktiv „zusammenkuratiert“.

Viktor Szeri mit „unseen“, gezeigt im WUK Wien, und gergo d. farkas mit „rascal“, gezeigt im brut Wien am 28.03.2026 im Rahmen des imagetanz-Festivals 2026 des brut Wien.

 

Rando Hannemann

 

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