Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/brut: tanz.sucht.theater mit „BUZZ“

21.03.2026 | Ballett/Performance

WIEN/brut: tanz.sucht.theater mit „BUZZ“

Das Wiener Performerinnen-Kollektiv tanz.sucht.theater sucht seit Jahren nach Möglichkeiten, den Theater-Raum und die performativen Geschehnisse in ihm für sehbehindertes und blindes Publikum zugänglicher zu gestalten. Für die hier uraufgeführte konzertante Tanz-Performance „BUZZ“ entwickelten die vier Frauen eine Reihe von nicht-visuellen Werkzeugen, die gezielt die menschlichen Sinne neben dem des Sehens ansprechen. Das aber wird dadurch kein Stiefkind.

bru1
 tanz.sucht.theater: „BUZZ“ (c) Hanna Fasching

Aus analog und digital erzeugter Musik, aus einer Fülle von Geräuschen unterschiedlichsten Ursprungs, aus der Beschreibung des Geschehens respektive dessen Ankündigung in poetischen Worten, aus Sprache, Lauten, Gesang und Atem, aus Schritten, Stampfern, Sprüngen und Klatschen, aus Rascheln, Kratzen, Rasseln und Schaben entsteht ein lebendiges, vielfarbig instrumentiertes Konzert.

Den Geruchssinn sprechen sie mit aromatisiertem Theaternebel an, das Tasten war vor der Vorstellung im Rahmen einer Tast-Führung durch das Theater und das Bühnen-Setting gefragt. Und den Geschmack als fünften unserer Sinne sprach das Buffet nach der Vorstellung an. So konnten alle im Publikum das Stück erleben, zwischen Stille und Klang, Licht und Tanz. Zärtlich, kraftvoll, dynamisch und berührend.

bru2
 tanz.sucht.theater: „BUZZ“, im Bild: Verena Zeiner (c) Hanna Fasching

Ganz wesentlich zur Akustik trägt die Jazz-Pianistin, Komponistin, Bandleaderin und Oberdozentin für Instrumentalimprovisation an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien Verena Zeiner bei. Sie spielt eigens für dieses Stück entwickelte Kompositionen am offenen Upright-Piano, am kleinen Synthesizer und von ihrem Notebook aus gesteuerte elektronische Musik. Zudem entlockt sie dem Klavier mit Stäben und Fingern diverse Geräusche jenseits schwingender Saiten.

Ihre Musik strukturiert diese Performance in acht sehr verschiedene Stücke, deren Namen schon einiges von ihrem (sehr unterschiedlichen) klanglichen Charakter erahnen lassen: Footwork, Claiming Space, Cloudsurfing, Ten Thousand Spoons, Let it let it let let it (ein Stück in einem ungeraden, sperrigen und doch flüssigen 7er Rhythmus), Klangwolke, Love Song und My breath longs to linger by your ear – may I?.

bru3
 tanz.sucht.theater: „BUZZ“ (c) Hanna Fasching

Zeiners Kompositionen zwischen jazziger und lyrischer Klaviermusik, E-Piano-Sound, elektronischen Flächen und geloopten Akkord-Folgen sind klanglich, harmonisch, melodisch und rhythmisch variantenreich, ohne den Drang zu Virtuosität und Dominanz hochprofessionell live gespielt. Beeindruckend sind die assoziative und meditative Kraft und die Wärme, die ihre Musik ausstrahlt.

Klänge aber produzieren auch die anderen drei Frauen auf der Bühne. Mit ihren Körpern, Stimmen, ihrem Atmen und ihren Kostümen (diese und das Styling stammen von Alba Jona Becker) spielen sie wie auf Instrumenten ihren Teil dieses Konzertes. Die Tänzerinnen, Choreografinnen, Performerinnen und Leiterinnen des Künstlerinnen-Kollektivs tanz.sucht.theater Maartje Pasman und Katharina Senk („Senki“) sowie die Tänzerin, Performerin, Akrobatin, Klinische Psychologin und angehende Psychotherapeutin Ray Scheinecker bieten mit zeitgenössischem Tanz mit akrobatischen und performativen Einlagen den Augen der Sehenden Exzellentes.

bru4
tanz.sucht.theater: „BUZZ“ (c) Hanna Fasching

In dem Bühnen-Setting von Sebastian Spielvogel, der variabel senkrecht und waagerecht nutzbare Podeste mit spiegelnden Oberflächen als Reflektoren für das wunderbar stimmungsvolle Licht von Sveta Schwin, für das Bühnengeschehen und für die eigenen Projektionen, Vorurteile, Prägungen, Filter und Ideologien (also als subtil unterbreitetes Hilfsangebot für die Überwindung seiner selbst) entwickelte, tanzen die drei vor allem Stimmungen.

Im Zusammenspiel mit den von ihnen selbst erzeugten Geräuschen und der Musik entsteht so ein ganzes Kaleidoskop emotionaler Zustände, die sich allen Sinnen des Publikums vermitteln. Solistisch, in Duetten und im Trio bewegen die drei sich durch energetisch höchst unterschiedliche Befindlichkeiten. Vom spielerischen Forschen an klanglichen und tänzerischen Möglichkeiten entwickelt sich das Stück hinein in wahrlich bewegende Szenen.

bru5
tanz.sucht.theater: „BUZZ“ (c) Hanna Fasching

Sehnsucht, Daseinsfreude, Schwerelosigkeit, Leichtigkeit und im Wortsinne hochfliegende Träumerei, Kraft, inneres Chaos und Auflehnung („I want to lose control again! Let it out! Let it spin!“), Gemeinschaft, Halt suchen und finden. Wie gefangen wir sind in diversen Mustern, Glaubenssätzen und Überzeugungen von uns und der Welt! Ganz nebenbei steigt solches plötzlich auf aus unberührten Tiefen.

Und dann das große Thema Liebe, dem Ray Scheinecker als Höhepunkt dieser Arbeit ein eigenes, von ihr gesprochenes Gedicht widmet. In herzensklugen Worten erzählt sie von einer/ihrer Liebe. „Du nahmst mir Angst und Trauma. Du zeigtest mir, wie fühlen geht. Du ließest mich wachsen.“ Als ihr aufgezeichneter Text in Wiederholungen eingespielt wird, steigt das E-Piano begleitend ein. Und sie tanzt ein ungemein gefühlvolles Solo, in dem sie den Emotionen ihre gestischen Verkörperungen gibt. Wunderbar!

bru6
tanz.sucht.theater: „BUZZ“, im Bild: Ray Scheinecker (c) Hanna Fasching

„BUZZ“ adressiert die Seele mit all ihren sensorischen Tentakeln. Das Spüren wird zum wichtigsten perzeptiven Werkzeug, die Hingabe zur Voraussetzung der ganzheitlichen Erfahrung. Auch den Sehenden erlaubt dieses Stück die Ausdehnung des Erlebnisraumes, die Weitung des ästhetischen Spektrums und somit eine gehörige Intensivierung des Erlebens einer Performance. Das Stück verschiebt Wahrnehmungen und Gewichte. Es ist ein harmonisches, interdisziplinäres Ganzes aus Musik, Klang, Tanz, Text, Lyrik und Lied, Licht und Bühne, voller Poesie, Magie, Mystik und Seele, sinnlich, herzerwärmend und berührend. Großartig.

tanz.sucht.theater mit „BUZZ“ am 19.03.2026 im brut Wien.

 

Rando Hannemann

 

 

Diese Seite drucken