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WIEN/ brut: Malika Fankha mit „No Place Like Home“

19.02.2026 | Ballett/Performance

WIEN/ brut: Malika Fankha mit „No Place Like Home“

Zwei Frauen brechen ihr Schweigen. Mit der hier uraufgeführten Performance „No Place Like Home“ begibt sich die in Theater und zeitgenössischem Tanz ausgebildete Tänzerin, Choreografin, Poetin und DJane Malika Fankha auf ein hoch brisantes und wegen großer Dunkelziffern in seinen tatsächlichen Ausmaßen nur schwer abschätzbares Feld: Sexueller Missbrauch in häuslichen, familiären Kreisen. Und sie befragt sich und die Gesellschaft: Wie kann man damit leben?

Sie stehen zu zweit auf der Bühne. Oneka von Schrader, Choreografin, Performerin, Sängerin und Dramaturgin, gibt performativ und musikalisch Gefährtin und Counterpart. Ein dritter, nur mit seinem Material anwesender Performer ist der Licht-Designer Marek Lamprecht. Mit seinem Beleuchtungskonzept erschafft er auch in ihrer Unterschiedlichkeit beeindruckende emotionale Räume. Er führt die Performance durch deutlich voneinander abgegrenzte Situationen.

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Malika Fankha. „No Place Like Home“ © Christine Miess

Das Bühnen-Setting aus etwa acht neben- und ineinander gestellten flachen Tischen und die Maßgabe für das Publikum, auf, an und neben diesen Tischen Platz zu nehmen, saugt die als Unbeteiligte Gekommenen sofort ins Zentrum der Geschehnisse. Und der Mit-Verantwortung. In unserer Mitte beginnt es zu rumoren. Die beiden Performerinnen streichen mit Mikrofonen über ihre Kleidung, über Haut und Haare, als wären diese Mikrofone die Hände eines (sehr wahrscheinlich älteren und männlichen) Familienmitgliedes.

Es kratzt und schubbert. Der live am Synthesizer erzeugte Sound (Moët & Random (Bernd Ammann & Malika Fankha)) ist der lang nachhallende Klang der gegen ihren Willen berührten, verletzten Körper und Seelen. Gelb-orange leuchtende Röhren übergießen die Szenerie mit heimelig-unheimlichem Licht. Sie verstummen. Die lange Stille schmerzt und bewegt. Mit versteinertem Gesicht sitzt Malika Fankha an einem der Tische.

Diese werden zu vieldeutigen Symbolen. An ihnen sitzt das Umfeld, aus dem heraus sexueller Missbrauch geschieht. Sie sind das Zuhause, das keines mehr ist, das zugleich zum Sehnsuchtsort wird und dessen ambivalenter Charakter damit zum Abbild eines Selbstbildes gerinnt, das, zerrissen zwischen der Ablehnung des eigenen Körpers und der unentrinnbaren Notwendigkeit, mit und in diesem zu leben, die seelischen Spannungen ins Physische übersetzt.

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Malika Fankha. „No Place Like Home“ © Christine Miess

Unter diesen Tischen versteckt liegen Verbrechen, erzwungenes Schweigen und stilles Leid, das auf ihnen performativ-tänzerisch veröffentlicht wird. Die Gefühle nach dem Missbrauch, der folgende Selbsthass, Essstörungen. Der Sound pumpt, das rote Licht pulsiert. In einer Szene, die wie in einem Tribunal das Opfer zu detaillierten Beschreibungen erlittener Übergriffe zwingt, strahlen diese aus hell erleuchteten, sichtbar gemachten Räumen unter den Tischen auf das in die Öffentlichkeit getretene Opfer.

Wir, das Publikum, sind Teil der Familie, in der alles beginnt, sind Zeugen einsam durchlittener Abgetrenntheit vom Außen und sich selbst, erleben suizidale Stadien, werden Beobachter einer Gerichtsverhandlung, die das Opfer in die Enge treibt. Und wir spüren die Heimatlosigkeit, projiziert in die Ewigkeit, in alles und jeden. Auch in Gott. Klagegesang, therapeutische Bemühungen, in allen Details darüber reden (verbal und non-verbal), Verdrängung, Täuschung, Selbstbetrug, die Depression ignorieren? Was kann helfen?

„Deine Lügen sind meine Realität.“ Sie finden starke sprachlich-stimmliche, tänzerisch-performative, akustische und visuelle Bilder für die Räume, in denen sexuelle Gewalt passiert, für die seelischen Verletzungen und die intrapsychischen Befindlichkeiten der Opfer, deren Scham- und Schuldgefühle, Selbstzweifel, Trauer und Wut, für die verbale und psychische, sich selbst schützende Gewalt der Täter, für die Täter-Opfer-Umkehr, für die tiefgreifende Entwurzelung der Opfer, für das alleingelassen Werden von der zusehenden Mutter, der wegsehenden Gesellschaft, vom ungerechten (Rechts-) Staat und männerdominierter Politik.

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 Malika Fankha. „No Place Like Home“ © Christine Miess

„Es ist. Aber sie reden nicht. Und sie verbieten es dir, bis du vergisst, wie es geht, darüber zu reden.“ Text (auf englisch, partiell französisch), Sprache und Stimme, umfang- und facettenreich verwendet, sind poetisch, sensibel und kraftvoll eingesetzte, das Performative und Visuelle ergänzende Werkzeuge zur Beschreibung von Zuständen, für Analysen, für Klage und Anklage, für bissig-ironisch gebrochene romantische Verklärung.

Ihre schwarzen Kostüme (von Goran Bugaric) sind wie verwundete Haut, mit sichtbarem Faden notdürftig geflickt. Auf einem der drei beschrifteten Tücher am Rand steht: „Die Wirklichkeit ist wasserlöslich.“ Fluide Wellenmuster legen sich auf die Tische.

Die Verdrängung in den Psychen der Opfer und der Seele der Gesellschaft, das in der Finsternis brodelnde, krank machende Unrecht und die Kraft, mit der es zum Lichte der Erkenntnis und Anerkenntnis strebt, klingen als Rauschen, Pochen und schließlich machtvoll treibender perkussiver Sound. Im organischen Zusammenspiel mit Text, Performace, Licht und Bühne entsteht ein vielschichtiges Abbild unsichtbarer individueller und kollektiver Innenwelten.

Es geht um nichts weniger als um das psychische Überleben der Opfer sexueller Gewalt. Es geht um deren Existenz. Es ist ein lebenslanger Kampf. Bilder zu finden, die das wenigstens im Ansatz nachempfinden lassen, ist eine Aufgabe, in die sich das Team um Malika Fankha Monate lang hineinfallen lies. Denn es geht um das Zulassen von Jahrzehnte lang verdrängten Emotionen, das Aushalten dieser und erst dann um die Übersetzung in eine Bildsprache, die versucht, ihnen gerecht zu werden. Und das gelingt.

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Malika Fankha. „No Place Like Home“ © Christine Miess

Was wir als Zuschauende zu sehen, zu hören und zu spüren bekommen, ist ein gewaltiger Komplex aus Gefühlen, Befindlichkeiten, Überzeugungen und Glaubenssätzen, aus menschlicher Verderbtheit, aus Hilflosigkeit, pervertierten Wertegefügen und gesellschaftspolitisch skandalöser Ignoranz. Sie positionieren, ähnlich einer imaginären Aufstellung, sich, den eigenen Körper, die Familie und die Gesellschaft zueinander.

Es ist erschütternd, wie tiefgreifend und fundamental sexuelle Gewalt zerstört, wie nachhaltig sie schädigt und wie komplex die resultierenden Traumatisierungen sind. Mit der Exposition ihres Innenlebens dringt Malika Fankha zugleich tief ein in gesellschaftliche, institutionelle und politische Strukturen sowie deren Vertuschung, Verschweigen und die Täter schützende Vermeidungshaltung. Macht und Ohnmacht treffen hier aufeinander. Den Mächtigen aber, im kleinsten wie im großen Maßstab, erlauben die sozial, gesellschaftlich und institutionell patriarchalen Fundamente fortgesetztes kriminelles Handeln.

Und am Ende, wie am Anfang, ist das Schweigen. Dem Mut, mit dem sie es brechen, mit dem sie persönliche Erfahrung in diese so wichtige Arbeit einfließen lassen, gebührt höchster Respekt. Ihr Weg hinaus an die Öffentlichkeit kann und muss Beispiel sein für die vielen Betroffenen. Das brut stellte für die vier Abende, an denen diese Performance gezeigt wurde und wird, für akute Bedarfsfälle eine psychologische Betreuung in einem eigens dafür separierten Raum zur Verfügung. Vorbildlich.

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Malika Fankha. „No Place Like Home“ © Christine Miess

Denn auch den ohne die persönliche Erfahrung sexueller Gewalt Teilnehmenden geht diese Arbeit unter die Haut. Die Performance bricht die emotionalen Grenzen eines aus scheinbar sicherer Distanz Zuschauenden mühelos auf und macht die Anwesenden so zu An-Teilnehmenden. Weil sie an Fundamenten unserer Gesellschaft rüttelt, profund und handwerklich hochklassig umgesetzt. Das wirkungsvollste Werkzeug allerdings, mit dem sich die beiden Frauen Zugang verschaffen zu Spiegelneuronen und einer vielfach noch zu schärfenden Aufmerksamkeit des Umfeldes, ist ihre Ehrlichkeit und Authentizität.

Jenseits der Behinderung juristischer Aufarbeitungen bleiben für die Betroffenen die zentralen, ihr Leben bestimmenden Fragen nach der Möglichkeit, ihre psychische und physische Integrität wieder zu erlangen, wieder heimisch zu werden in ihrem missbrauchten Körper und ihrer verletzten Seele, ein Zuhaue zu (emp-) finden an einem Ort des Verbrechens. Auf diese Fragen gibt das Stück keine Antwort. Mit ihnen entlässt Malika Fankha am Ende jeden Einzelnen in sein eigenes Leben, betroffen, entsetzt, bewegt, geweckt und ermutigt durch die Größe dieser Frauen.

Malika Fankha mit „No Place Like Home“ am 18.02.2026 im brut Wien. Weitere 3 Vorstellungen bis 21.02.2026.

Rando Hannemann

 

 

 

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