WIEN/ brut: François-Eloi Lavignac mit „Fifth position“ und Laureen Drexler & Giorgia Scisciola mit „PIERRE“
Zwei Uraufführungen im Rahmen der Huggy Bears Days waren im Studio brut zu erleben. Ein klassisch ausgebildeter und bühnenerfahrener Tänzer entblößt seine Seele in einer sehr persönlichen, Fiktion und Realität vermengenden Performance. Und zwei ebenfalls schon routinierte Tänzerinnen höhlen Stein. Jeweils etwa eine Stunde lang zeigten die beiden von so unterschiedlichen Dringlichkeiten geprägten Stücke doch eines: Wie Inneres verkörpert werden kann.
Die 2016 gegründete Institution Huggy Bears unterstützt junge respektive aufstrebende in Wien lebende Künstlerinnen und Künstler der Sparten Tanz und Performance mit einem breitbasig angelegten Programm, das von der Initiative Bears in the Park unter der Leitung von Philippe Riéra und Charlotte Bastam durchgeführt und vom Kulturamt der Stadt Wien (MA7), in diesem Jahr auch vom BMWKMS unterstützt wird.
Pro Jahr erhalten drei bis vier Einzelpersonen oder Klein-Kollektive in einen Zeitraum von neun Monaten über ein künstlerisches Mentoring hinaus eine umfangreiche Einführung in die Bereiche Produktion, Verwaltung, Technik und Dramaturgie. Womit sie fit gemacht werden für ein Leben als freischaffende Künstlerinnen und Künstler. Am Ende präsentieren sie während der jährlich stattfindenden Huggy Bears Days ihre hier entstandenen Arbeiten.
François-Eloi Lavignac: „Fifth position“

François-Eloi Lavignac: „Fifth Position“ (c) Iris Writze
Mit dem Titel seines Stückes weist der 30-jährige, in Frankreich geborene, am Conservatoire National Supérieur de Danse de Paris und in der English National Ballet School in London ausgebildete Tänzer und Choreograf François-Eloi Lavignac auf ein Paradoxon: Die so genannte „Fifth Position“, bei der die Füße des Tanzenden antiparallel, also mit dem Hacken an die Zehen des anderen Fußes, gestellt werden. Diese durch extreme Drehung nach außen entstehende Fuß-Stellung ist ein Ideal, dem sich einzelne mehr oder weniger weit nähern.
Damit beschreibt er Anspruch und Wirklichkeit in knappster Form als widerstreitende Aspekte. In seiner Performance generiert Lavignac aus klassischem Tanz, performativen und theatralen Elementen, Sprache, Musik und einem auch als Objekt eingesetzten Mikrofon eine tragische Liebesgeschichte. Die eines bestens ausgebildeten und erfahrenen Ballett-Tänzers (von 2013 am Australian Ballet, wo er bis zum Coryphée aufstieg, von 2020 bis 2025 am Wiener Staatsballett, zuletzt Halbsolist) zu seinem Fach. Seine zentrale Frage: „Wie weit würde ich für den Erfolg gehen?“
Die individuellen und die institutionell-sozial-gesellschaftlichen Komponenten der Beziehung zwischen Idealität und Realität (s)eines Daseins als Ballett-Tänzer treiben ihn durch diese Performance. Lavignac stellt Ehrgeiz, Sehnsucht und Verlangen und Erfolgsdruck, Geltungsdrang und den Kampf um Rollen, Ablehnung und Erfolgs-Wille, Enttäuschung und strahlende Glücksmomente, persönliche Ideale und Werte und Mittel und Wege zum Erfolg, eiserne Disziplin und notwendige Ruhephasen, Integrität und Selbstvermarktung, Selbstbild und Fremdwahrnehmung, Künstler und Sexobjekt gegenüber, auf die Bühne und zur Disposition. Er verwischt die Grenzen zwischen #MeToo und intentiös eingesetzter körperlicher Attraktion.

François-Eloi Lavignac: „Fifth Position“ (c) Iris Writze
Die Komplexität dieser höchst widersprüchlichen Lebens- und Schaffenswirklichkeit ist beeindruckend. So wie seine Performance. Lavignac überzeugt nicht nur tänzerisch. Sein performativ-theatrales Talent, die Dramaturgie des Stückes und der Einsatz von Musik (Sounddesign / Komposition: Giorgio Fourés), Sprache, Stimme, Mimik, Makeup, Kostüm und Objekt, seine Präsenz, Ausstrahlung und seine Souveränität nehmen gefangen. Sein jungenhafter Charme bezaubert, wird jedoch bald zur Nebensache, weil sein Stück ihn nur in den Szenen, wenn er den alle Anstrengung und Schmerzen hinweg strahlenden Bühnen-Star mimt, einsetzt. Einer der Charaktere dieser multipel schizophrenen Künstlerpersönlichkeit.
Seine Maskerade, er tritt auf mit weiß getünchtem Gesicht, viel Rouge auf den Wangen und knallroten Lippen, wischt er später in einem wütenden Akt der Selbstbehauptung ab. So gut es eben geht. Das Stück beschreibt den Erkenntnis- und Emanzipationsprozess eines gedrillten Tanz-Athleten, der sich als Teil einer riesigen Kunstproduktions-Maschinerie und als Opfer eines unbarmherzig-gnadenlosen, die Persönlichkeit und Individualität des Einzelnen unterdrückenden Systems erkennt.
Mit „Fifth Position“ gelingt François-Eloi Lavignac das tänzerisch und theatralisch wunderbar gezeichnete, phasenweise wirklich erschütternde Porträt eines Ballett-Tänzers in einer künstlerischen und persönlichen Umbruchphase. Phantastisch-real, ehrlich, sehr persönlich und damit doch von einer Welt erzählend. „The story of our lifes.“ äußerte Liz King, Grande Dame des zeitgenössischen Tanzes in Wien und Österreich, nach der Aufführung.

François-Eloi Lavignac: „Fifth Position“ (c) Iris Writze
Lavignacs tänzerische Klasse, sein Tanzstück und dessen Sujet, geprägt von klaren und nicht missdeutbaren performativen und sprachlichen Bildern, offenbart, wohin ihn sein Weg führen kann. Die Erschließung zeitgenössischen Bewegungs-Vokabulars und von Bildern noch höherer Komplexität und mehrschichtiger Metaphorik wird seine Ausdrucksmöglichkeiten weiter wachsen lassen.
Auf diesem Weg sind die beiden Tänzerinnen und Choreografinnen der nach der Pause gezeigten Arbeit schon ein gehöriges Stück weiter.
Laureen Drexler & Giorgia Scisciola: „PIERRE“
Die beiden kennen sich seit Jahren, unter anderem aus ihrer gemeinsamen Zeit als Compagnie-Tänzerinnen beim Theater Regensburg. Die Wiener Tänzerin, Choreografin und Creative Director des LOD COLLECTIVE für zeitgenössischen Tanz Laureen Drexler begann ihre Tänzerinnen-Karriere mit zwölf Jahren bei Liz King, studierte an der MUK Wien klassischen und Bühnentanz und entwickelt seit 2023 als freischaffende Künstlerin eigene choreografische Projekte.

Laureen Drexler & Giorgia Scisciola: „PIERRE“ (c) Doron Nadav
Ihre Partnerin für Konzept, Choreografie und Performance Giorgia Scisciola, gebürtige Italienerin, studierte Tanz in Rom und Turin, arbeitete bereits mit vielen namhaften Choreografen zusammen und lebt heute als Choreografin und Lehrerin in Wien und Europa. Das hier uraufgeführte Stück „PIERRE“ entstand während der gemeinsamen Teilnahme am Residenz-Programm der Huggy Bears in Wien. Es war die dem Marmor innewohnende Dichotomie von Härte und Formbarkeit, die als Metapher für das Sujet dieser Arbeit und also zum französischen Wort für Fels als Titel führte.
In ihren Kostümen ganz in weiß erscheinen sie unschuldig und rein und formulieren damit den Ursprung ihres Seins und das Ziel ihrer performativen Reise. Ein paar Objekte beleben den Raum. Ein starkes Bild gelingt ihnen mit einem tropfendes Wasser spendenden, innen beleuchteten Metall-Zylinder, aufgehängt im hinteren Bereich der Bühne, für das aufeinander Treffen und letztlich die alles Harte formende Kraft des Fluiden. Zwei Designer-Sitzmöbel von Markus Töll und ein Stein komplettieren das wirkungsvolle Bühnenbild der beiden.
Das Musik-Arrangement und Sound-Design von Bene Meschik und Max McManus / OSZILLATOR setzt auf sparsame Effekte. So wird etwa ein altes italienisches Lied zum Sinnbild für tief verwurzelte kulturelle und emotionale Identität. Das Licht-Design von Theresia Hausner inszeniert die Tänzerinnen und ihre Requisiten mit Spots und Stimmungen.

Laureen Drexler & Giorgia Scisciola: „PIERRE“ (c) Doron Nadav
Der Tanz erzählt von der Fragilität alles Soliden, von der Fluidität des Definierten. Sie frieren Posen ein, fließen, zappeln und zittern im Raum, erkunden allein und gemeinsam, sich aufmerksam beobachtend und empathisch aufeinander reagierend Autarkie, gegenseitige Beeinflussung und (un-) sichtbare Abhängigkeiten. Zärtlichkeit und Aggression sind Pole ihres Miteinander, Harmonie, Disharmonie, Machtspiele und Selbstbehauptung binden sie. Sie verkörpern zu zweit eine Fülle von inneren und äußeren Aspekten und Konflikten, lassen sie zu, machen sie spürbar und bewusst, geben ihnen Bilder.
Das Festhalten an der Identität als emotionales und rationales Konstrukt bedient das Bedürfnis nach Sicherheit. Die beiden Frauen konfrontieren dieses Festhalten mit dem Loslassen als allgemeine psychohygienische Kategorie sowie mit dem Zulassen von inneren und äußeren Impulsen und Faktoren, die Veränderung initiieren respektive erzwingen. Sie stellen Widerstand und Hingabe, Beharren und Veränderung, Härte und Geschmeidigkeit, Stillstand und Fließen sowie Stagnation und Wachstum gegenüber, bewegen sich zwischen diesen Polen und loten individuell und als Gemeinschaft deren Eigenschaften und Werte aus. Intrapsychisch wie sozial.
Der Mensch braucht sein soziales Umfeld als Spiegel und Projektionsfläche, um sich seiner selbst bewusst zu werden. Auch und insbesondere anhand von Projektionen, die als solche identifiziert und akzeptiert werden sollten, um dem eigenen (vorrangig) Unbewussten auf die Schliche zu kommen. Lauren Drexler und Giorgia Scisciola haben diese inhaltlichen Fundamente auf performativ und dramaturgisch wundervolle Weise in ein sensibel choreografiertes und getanztes Stück gegossen.

Laureen Drexler & Giorgia Scisciola: „PIERRE“ (c) Doron Nadav
Die Kraft dieser Arbeit wächst aus dem Mut zur Auflösung, aus der Hingabe an das Ungewisse. Der hohe persönliche und künstlerische Reifegrad der beiden Frauen gebiert ihr Vertrauen in die Weisheit der Intuition. „PIERRE“ ist eine großartig getanzte Ode an den Kontrollverlust, eine stille Umarmung des Lebens mit seiner Komplexität und Diversität und eine Feier des von allen identitären Fesseln befreiten seelischen Fundamentes in uns.
Fazit: Das hohe Niveau der beiden Performances und ihrer Schöpferinnen und Schöpfer steht hier stellvertretend für das im Wiener zeitgenössischen Tanz vorhandene, in der Programmierung der die freie Szene unterstützenden Häuser jedoch unzureichend gewürdigte Potential. Umso dankbarer darf man den koproduzierenden Institutionen Huggy Bears, brut Wien und WUK performing arts für diesen hochklassigen und vom Publikum begeistert aufgenommenen Abend sein.
François-Eloi Lavignac mit „Fifth position“ und Laureen Drexler & Giorgia Scisciola mit „PIERRE“ am 12.11.2025 im brut Wien.
Rando Hannemann

