WIEN/ brut: Cat Jimenez mit „ruins of a shell“
Sie wagt den Blick in einen tiefen Schlund, der seit der ersten Sekunde Leben Verlorenes verschlingt, auf dessen Grund Vergangenes weiter lebt, an dessen Wänden Emotionen sich hinauf hangeln, um, irgendwann einmal oben angekommen, ihr Recht auf Leben einzufordern. Die in Wien lebende Tänzerin und Choreografin Cat Jimenez betreibt mit ihrem Solostück „ruins of a shell“ Trauerarbeit.

Cat Jimenez: „ruins of a shell“ (c) Hanna Fasching
Sie richtet eine Feier aus und pendelt zwischen den Welten. Zwischen freundlicher Gastfreundschaft und Einsamkeit, dem Bad in der Gemeinschaft und totalem Rückzug in sich selbst, zwanglosem Miteinander und Versenkung in Riten, gemeinsamem Karaoke-Gesang und rückhaltloser Hingabe an ihre Gefühle, ihrer Kindheit in den Philippinen und ihrer mitteleuropäischen Gegenwart, sehnsuchtsvollen Träumereien und bitter-süßer Realität, fernöstlichen Traditionen und westlicher Pop- und Subkultur, Spiritualität und humorvoll-ironisch gebrochener Materialität, zwischen Erinnerungen und Gegenwart und rollen-fluide als Geist, Priesterin und Trauernde erleben wir die in glänzende Abendrobe (Kostüm und Styling: Katharina Reuschel) festlich gekleidete Cat Jimenez.
Nicht nur die elektronische Musik von Martin Mitterstieler begleitet sie durch alte, ihrer philippinischen Heimat entlehnte (Begräbnis-) Rituale. Auch neue, eigens von ihrer inneren Notwendigkeit geforderte, kreierte sie für diese einstündige Arbeit, hier im Rahmen des imagetanz-Festivals des brut Wien uraufgeführt. Denn, wie sie sagt, nicht nur Todesfälle verursachen Trauer. Abschiede verschiedenster Couleur, nicht beschränkt auf positiv Verklärtes, das Leben selbst als beständiger Wandel und Produzent von immer neuem unwiederbringlich Gewesenem erfordern unablässig Aufarbeitung.

Cat Jimenez: „ruins of a shell“ (c) Hanna Fasching
Verluste erlitt sie mit ihren 39 Jahren bereits diverse. Neben dem Tod der geliebten Großmutter und eines guten Freundes wurden Migration in eine andere Kultur und Klimazone, gesundheitliche und Beziehungs-Probleme, Jobverlust und berufliche wie künstlerische Neuorientierungen und andere Krisen und Wendungen im Leben zu Motoren für immer neue, andere Trauer und für Identitätskrisen.
Die Frage nach dem, was uns ausmacht, was wir waren, sind und werden, schwebt über der Performance. Denn: Widerstand gegen Veränderung ist – erfolglose – Vermeidung und Verhinderung von Abschied, Trauerarbeit und letztlich Wachstum. Diese ihre Überzeugung führte in diese sehr persönliche und deshalb so universell gültige Arbeit, möglich geworden nur durch schonungslose Selbstbeschau.

Cat Jimenez: „ruins of a shell“ (c) Hanna Fasching
Wir alle singen mit ihr Whitney Houstons „Greatest Love Of All“ (den Text finden wir auf dem Sitz). Weil ihre Großmutter die Schwarz-Amerikanerin mit der großen Stimme so liebte, weil in ihrer (ehemaligen?, zumindest zweiten) Heimat an den Gräbern gefeiert, nicht getrauert wird, weil eine Karaoke-Ausrüstung neben einem Fußballstadion und einem Club zu den Grabbeigaben ihrer eigenen Bestattung unbedingt gehören sollte. Das wichtigste in diesem Song aber ist die Botschaft von der Notwendigkeit der Liebe zu sich selbst. Hiermit beschreiben Jimenez-Houston das seelische Fundament, aus dem die Kraft für die Bewältigung des Lebens geschöpft werden kann.
Ihr Testament hat sie übrigens auch schon gemacht, wie sie im englisch gesprochenen Text gesteht. Zudem singt und wispert sie Texte auf Tagalog und Bisaya, der größten und zweitgrößten Sprache der Philippinen. Sie räuchert mit Zedernholz, Kamangyan (philippinischer Weihrauch) und Blauem Lotus in Schalen, die von Objekten aus Acrylglas gerahmt werden (Bühnenbild: Christiane Peschek).

Cat Jimenez: „ruins of a shell“ (c) Hanna Fasching
Das Lichtdesign von Sveta Schwin setzt die mit ihrer Präsenz und Souveränität einnehmende Tänzerin auf ihren Wanderungen durch das Publikum und bis an die Rückwand der Bühne gekonnt in Szene. Ein wunderbarer Moment gelingt, als ein schmaler werdender Lichtspalt ganz langsam Vergangenes und Fernliegendes hinter der Zusammengesunkenen verschließt.
Ihr Tanz zwischen fernöstlich Anmutendem und Anklängen ihrer Freestyle- und subkulturellen tänzerischen Praxis, sie erwähnt im anschließenden Artist Talk Waving und Crumping, ist wie ein Medium für die Freilegung von Emotionen. Weil Cat Jimenez überzeugt ist von der Notwendigkeit, neben dem Verlust von positiv Bewertetem auch Negatives als Verlorenes zu begreifen und folgerichtig zu betrauern, erleben wir die Tänzerin in einem tief empfundenen, breiten Gefühlsspektrum. Trauer, natürlich, und Schwermut, durchsetzt mit Wut und Zorn, Aggression, Verzweiflung, Schuldgefühlen, Schmerz und Hass. Und dann wieder Stille, Erschöpfung und Einkehr.
Es gehört zum Leben, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Mit dem von Nahestehenden und mit dem eigenen. Und mit den vielen kleinen Toden, die man im Laufe seines Lebens stirbt. Diese Abschiede, Verluste, Trennungen, Veränderungen und einfach auch nur Weiterentwicklungen als solche zu umarmen ist Voraussetzung für Trauerarbeit und gegen Traumatisierungen. „Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Cat Jimenez: „ruins of a shell“ (c) Hanna Fasching
Insofern ist „ruins of a shell“ (einen Strand voller zermahlener Muscheln begreift Cat Jimenez als ein Symbol für Transformation) ein heilendes rituelles Fest. Zuerst für die Künstlerin selbst. Und wer mag, darf in seinem Herzen rituellen Rauch aufsteigen lassen als Bild für Umwandlung statt Verlust. Wie nah und wichtig ihr diese wunderbare, so poetische und berührende Arbeit voller Metaphoriken ist, zeigten ihre Tränen im abschließenden Jubel des begeisterten Publikums.
Cat Jimenez mit „ruins of a shell“ am 11.03.2026 im brut Wien im Rahmen von imagetanz 2026. Insgesamt 4 Vorstellungen vom 10. bis 13.03.2026.
Rando Hannemann

