WIEN/ ImPulsTanz: Akemi Takeya / IMEKAproduction mit „L’s Uncanny“ in der Brotfabrik
Das Ziel unserer Reise zu uns selbst, und sie liefert den Werkzeugkasten gleich mit, beschreibt Akemi Takeya in ihrer im vergangenen Jahr bei ImPulsTanz gezeigten Arbeit „Transient Shifts“ als Lichtwesen aus reiner Energie. In diesem Jahr, mit „L’s Uncanny“ (hier uraufgeführt), wandelt sie das Toolset. Die Anschauung ihrer selbst, des „Unheimlichen“, wird zum Kernelement dieser installativ-performativen Arbeit.
Schon vor Jahrzehnten, als die 1992 nach Wien übersiedelte Choreografin, Tänzerin, Bildende Künstlerin, Musikerin und Autorin noch in Japan lebte, las sie Sigmund Freuds Essay „Das Unheimliche“. Auf japanisch. Spätestens damit wurde ihr Wesentliches über sich und somit für ihre künstlerische Entwicklung bewusst. Freud nämlich begründet in seinem 1919 veröffentlichten Aufsatz seine Annahme einer unbewussten Seelentätigkeit.

Akemi Takeya: „L’s Uncanny“ (LEMONISM and JAPONISM) (c) NaotoIina
Diese offenbart sich im Unheimlichen, das mit seinem Gegensatz, dem Heimlichen, zusammenfällt. Das also, was versteckt und verdrängt dennoch zu Tage tritt, ist uns unheimlich. Diesem verborgen Gehaltenen nähert sich Takeya in ihrer jüngsten Arbeit auf mehreren Wegen. Im Rahmen einer Ausstellung zeigt sie von ihr gestaltete Objekte und diverse künstlerische und dokumentarische Texte.
Letztere beschreiben Träume, zum Teil bereits in den 80ern geträumt und festgehalten. Denn Träume, so das Ergebnis weiterer Studien Freuds, bieten uns direkten Zugang zu unserem Unbewussten. Diese unspektakulär als A4-Ausdrucke an die Wand gepinnten Aufzeichnungen offenbaren Spektakuläres, nämlich ein erschreckendes, besser wohl unheimliches Ausmaß an in ihr schlummerndem Gewaltpotential.
Schaut man sich die Träume jedoch näher an, sind diese „nur“ Bilder für oft früh-infantile Ängste. So wird der final abgeschlagene Kopf in einem eh schon gewaltvollen Traum-Szenario zum Bild für die kindliche Kastrations-Angst. Andere Texte: Poetische Reflexionen. Und grafisch-textliche Darstellungen und eine umfangreiche Mappe zum Thema „Lemonismus“.

Akemi Takeya: „L’s Uncanny“ (c) Rando Hannemann
Takeyas System des inzwischen 72 Strömungen umfassenden Lemonismus, mit dem sie die „Ism“, also alle irgendwie von irgendwem als einen -ismus klassifizierten Strömungen in der Kunstgeschichte bündelt, untersucht, neu interpretiert und in ihr Universum der Zitronen integriert, beheimatet auch den Surrealismus. Diesen mit den Freud’schen Theorien über das Unheimliche zu verbinden, ist ein kluger Schachzug.
Eignen sich doch die künstlerischen Mittel des Surrealismus hervorragend zur Darstellung dessen, was wir nicht kennen und wissen von uns. Diese in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte Kunstbewegung geht „über das Reale“ hinaus, indem es, die zeitliche Nähe zu Freuds Entdeckungen ist kein Zufall, „den kreativen Prozess von rationaler Kontrolle befreite“, um tiefer liegende menschliche Ebenen zu erforschen.
Mit ihren Objekten dringt sie in eben diese Schichten vor. Eine graue Pappmaché-Zitrone zum Beispiel wird zum Guckkasten-Kino, in dem mit Holzpuppen animierte, kurze Szenen sexueller Gewalt (oder einfach nur Porno?) gezeigt werden. Das Zentrum der plastischen Arbeiten jedoch bildet eine Skulptur, die einen unsichtbaren Körper fragmentarisch umhüllt. Die Silhouetten der Beine sind aus Draht, den Hirnschädel bedeckt eine Papp-Haube, das Becken ist eine Schale aus Pappmaché, eine lange Kette aus Zitronen-Netzen immer noch gebärend. Weil ihr Lemonismus-Universum ständig neue Sterne produziert.

Akemi Takeya: „L’s Uncanny“ (Szenenfoto LEMONISM and MINIMALISM) (c) Karolina Miernik
Eine ebensolche Haube aus Pappmaché trägt sie auch während ihrer etwa 15-minütigen performativen Intervention, begleitet von Klaviermusik, einer vorher eingespielten, alle klassischen Regeln missachtenden, disharmonisch-chaotischen Komposition von ihr selbst. Outdoor, vor dem Bildraum Studio der Brotfabrik Wien auf einem hölzernen Plateau, tanzt sie in einem Kreis aus 72 Zitronen, von denen einige auf Stelzen und beschriftet als Sichtbares, Positives oder Stilles Objekt, die anderen überragen.
Sie trägt ein „L“ auf dem Rücken. In langen weißen Hosen transformiert sie das Unheimliche in ihr in Mimik und Gestik. Das Unheimliche, Andere, Fremde spiegelt sich als Fratzen auf ihrem (einer Geisha gleich) gebleichten Gesicht, sie gibt dem Unnatürlich-Unangepassten gestischen Raum, sie sucht ein Gleichgewicht (zwischen den bewussten und unbewussten Aspekten ihrer Seele) und zitiert Chigong-Bewegungen, weist auf die Zitronen, sinkt zu Boden und bleibt qualvoll stöhnend liegen. Und das bei strömendem Regen.
Das Unbewusste, das sich ihr in ihren Träumen an ihr Bewusstsein wendet, offenbart dem bewussten Selbstbild erschreckend fremdartige Aspekte ihrer selbst. Die Angst davor ist sehr natürlich, der Mut, sich dem zu stellen, bewundernswert. Zudem: Er muss immer wieder neu gefasst werden.

Akemi Takeya: „L’s Uncanny“ (c) Rando Hannemann
Und wieder ist Akemi Takeyas Ziel der ganze, heile Mensch. Der Weg dorthin führt über die Integration der unbewussten psychischen Inhalte, von all dem also, was wir verdrängt haben und vergessen wollen von unserem So-Sein. Der erste, wichtigste, schmerzvollste und mutigste Schritt auf diesem dann unumkehrbaren Weg: Die bedingungslos ehrliche Selbstanschauung. Das Zulassen. An diesem lässt Akemi Takeya ihr Publikum teilhaben. Und wieder läuft man Gefahr, wegen der Bescheidenheit beider, der Künstlerinnen-Persönlichkeit und der Präsentation von „L’s Uncanny“, die Dimension dieser Arbeit zu unterschätzen. Takeya ist Beispiel und Vorbild. Wunderbar.
Akemi Takeya / IMEKAproduction mit „L’s Uncanny“ am 17.07.2026 in der Brotfabrik Wien (Bildraum Studio) im Rahmen von ImPulsTanz.
Rando Hannemann

