Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Belvedere: BEETHOVENS „NEUNTE“ mit den Wiener Symphonikern auf Arte

07.06.2021 | Konzert/Liederabende

ARTE-Beethoven-Zyklus: Beethovens neunte Symphonie mit den Wiener Symphonikern am 6.6.2021/WIEN

Wucht und Feuer

Nach einer aufregenden Reise durch Europa war man beim Beethoven-Zyklus schließlich in der Musik-Weltstadt Wien angekommen. Eine stürmisch-leidenschaftliche Aufführung bot die Dirigentin Karina Canellakis zusammen mit den Wiener Symphonikern mit Ludwig van Beethovens neunter Sinfonie in d-Moll op. 125. Leise und konturlos begann der erste Satz Allegro ma non troppo, un poco maestoso. Das trist-graue Chaos wurde aber überwunden, denn es formte sich höchst geheimnisvoll aus den Dreiklangstönen der Grundtonart das gewaltig und gezackt niederstürzende Hauptthema. Mit neuer Energie kehrte es zurück und erhielt Hilfe von dem vielgestaltigen Seitenthema. Leidenschaftlicher Trotz  beherrschte das verbissene Motiv. Das thematische Material führte hier zu einer ausgeweiteten Exposition, und das Hauptthema erfuhr ausdrucksvolle Abwandlungen. Im zweiten Satz Molto vivace blitzte der Charakter der Scherzoform höchst erfrischend auf – und das eintaktige Kopfmotiv zeigte starken Charakterisierungsreichtum. Leise und fast gespenstisch jagte es dann in knisterndem Fugato daher, wobei in den Holzbläsern ein fast dämonisch lustiger Gedanke auftauchte. Das rhythmisch entschärfte, verkürzt aneinandergekoppelte Kopfmotiv gewann hier immer särkere Konturen und Nuancen. Diese seltsame Melodie in Dur besaß bei dieser konzentrierten Interpretation deutliche Beziehungen zum „Freudenthema“ des Schluss-Satzes. Hervorragend gestaltete Karina Canellakis auch die aufblühende Melodik des dritten Satzes Adagio molto e cantabile, wo die Violinen das gesangliche Thema eindrucksvoll beschworen. Beide Melodien steigerten hier in Variationen ihre wunderbare Intensität – und auch die Holzbläser nahmen Anteil an diesem ergreifenden Credo. Den gellenden Ausbruch am Beginn des Finales federte Karina Canellakis mit den Wiener Symphonikern keineswegs ab, sondern lotete geschickt die dynamischen Möglichkeiten aus. Mit einem wuchtigen Rezitativ antworteten die tiefen Streicher. Wie bruchstückhafte Erinnerungen erschienen dann die angedeuteten Hauptthemen der vorangegangenen Sätze. Drängender, leidenschaftlicher schob sich das Rezitativ dazwischen, bis Oboen und Fagotte geradezu zart auf die Melodie der Freudenhymne antworteten. Diese wurde vom opulenten Wiener Singverein mit überwältigender Klarheit und Leuchtkraft gestaltet. Der Bassist Ryan Speedo Green ließ den Ruf „O Freunde, nicht diese Töne!“ mit sonorer Macht ertönen. Und die  Gesangssolisten Camilla Nylund (Sopran), Patricia Nolz (Mezzosopran), Piotr Beczala (Tenor) sowie Ryan Speedo Green (Bass) steigerten sich immer leidenschaftlicher in das aufwühlende harmonische Geschehen hinein, das die Dirigentin Karina Canellakis vielfach anfeuerte. Als weitere Variation der Freudenhymne war mit großer Trommel,  Triangel und Becken die marschartige Episode „Froh, wie seine Sonnen fliegen“ zu hören. Als grandiose Doppelfuge mit den Themen der Freudenhymne und des „Seid umschlungen“  schloss sich eine neue Steigerung an, die in die mystischen Verkündigungstöne des Solistenquartetts mündeten. Begeisterter Schlussbeifall für dieses bewegende Konzert des ARTE-Beethoven-Zyklus‘ unter dem Motto „Mit Beethoven durch Europa“, an dem sich auch die Ludwigsburger Schlossfestspiele beteiligten. 

Alexander Walther

 

Diese Seite drucken