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WIEN / Belvedere: BAROCK SINCE 1630

26.02.2013 | Ausstellungen

WIEN / Unteres Belvedere: 
BAROCK SINCE 1630
Vom 27. Februar 2013 bis zum 9. Juni 2013 

Es ist auch ein Barock-Jahr

Für Musikfreunde ist es das Wagner- und Verdi-Jahr, für Literaturfreunde das Büchner- und Jean-Paul-Jahr, und für Kunstfreunde ein Barockjahr, denn der Mann, der vor 350 Jahren geboren wurde, galt als Inbegriff dieser Ära: Prinz Eugen von Savoyen. Direktorin Agnes Husslein nennt es „eine Gnade, in den Schlössern des Prinz Eugen residieren zu dürfen“, und sie wird im Herbst das Winterpalais des Prinzen Eugen in der Himmelpfortgasse der Öffentlichkeit zugänglich machen und gelegentlich auch mit Ausstellungen bespielen. Das Thema lautet dann natürlich, wie auch in der aktuellen Ausstellung im Unteren Belvedere, „Barock“.

Von Heiner Wesemann

Barock – die österreichische Identität?    Wie Epochen der Geschichte beurteilt werden, hat auch mit dem jeweiligen Zeitgeist zu tun. In nüchternen Zeiten genoss der Barock im allgemeinen als „überladene“ Kunst- und Lebensform einen schlechten Ruf. Im Belvedere hat man sich angesichts der Barock-Ausstellung auch mit der Ideologie der Nachwelt befasst: Wenn es um Österreich schlecht bestellt war, besann man sich auf den Barock als jene Epoche „rund um Maria Theresia“, die im besten Sinn als identitätsstiftend gelten konnte. Das war in Krisenzeiten unter Franz Joseph so, das galt für die Zwischenkriegszeit, wo man 1923 das Barockmuseum einrichtete (auch um sich von Deutschland und Frankreich abzugrenzen, die die Gotik fest im Besitz hatten), das galt nach dem Zweiten Weltkrieg. Die nunmehrige Barock-Ausstellung will darüber hinaus noch etwas beweisen, und das klingt überzeugend: Den Barock als deutliche Inspiration für Künstler späterer Epochen, wobei der Historismus in der Nachahmung eine Nähe erreichte, die manchmal vom Original kaum zu unterscheiden ist, der Expressionismus sich „barock“ gebärdete – und selbst in Beispielen der jüngsten Gegenwart haben die Kuratoren „barocke“ Einflüsse, Paraphrasen und Variationen gefunden.

Since 1630      Das Haus besitzt an die 900 barocke Kunstwerke, von denen die meisten in den Kellern ein unbeachtetes Dasein fristen. Man kann sich vorstellen, um welche Größenordnung es sich handelt, wenn man weiß, dass das Belvedere etwa für Franz Anton Maulbertsch oder Franz Xaver Messerschmidt vor allen anderen Häusern die größten geschlossenen Sammlungen ihrer Werke sein eigen nennen kann. Man konnte also „die Freude des Findens“ genießen und „Herrliches aus den Depots“ holen, wie Agnes Husslein sagte, Kostbarkeiten, die seit Menschengedenken nicht zu sehen waren. Mehr als 80 Prozent des Ausgestellten ist Eigenbesitz, die Leihgaben kommen großteils aus anderen Wiener Museen. Was Barock angeht, wobei man mit 1630 beginnt (von diesem Datum – damals tobte der Dreißigjährige Krieg! – stammt das früheste der gezeigten Werke, eine höchst eindrucksvolle „Verspottung Christi“ von Karel Skreta), braucht man Österreich nichts erzählen…

Rund um Maria Theresia     Je nach Terminologie kann man den Barock über zwei Jahrhunderte, das 17. und das 18., ansetzen, der Übergang zur Aufklärung war fließend, nach dem Tod Maria Theresias deutlich (und veränderte das Weltbild entschieden), nach der Französischen Revolution und dem Ende des „Ancien Regime“ kam erst mit den Napoleonischen Kriegen definitiv die neue Zeit. Lange genug hat der Barock mit seiner „Welttheater“-Idee und seinem Farben- und Formenreichtum alle Künste beherrscht. Das Belvedere beginnt seinen Rundblick mit religiösen Werken, setzt Schwerpunkte bei der Menschendarstellung ebenso wie bei der Landschaft oder dem Stilleben. Im letzten  Raum ist der Heldenplatz virtuell nachgebildet, an den Wänden laufen Filme, im Raum stehen die Entwürfe der Denkmäler von Maria Theresia, Prinz Eugen und Erzherzog Karl. „Barock“ würde man meinen, wenn man es nicht besser weiß, aber tatsächlich haben Fernkorn und Zumbusch sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts im alten Stil geschaffen. Der Historismus war nur eine Epoche, die sich extrem mit dem Barock auseinander setzte.

Barock und die anderen     In allen Räumen sind die großen Barockkünstler –  Maulbertsch, Troger, Kremser Schmidt, Rottmayr, Altomonte, Giuliani – nie kommentarlos unter sich, überall haben die Kuratoren Georg Lechner und Alexander Klee den modernen „Kommentar“ dazu gestellt. Manchmal, wenn etwa Hans Canon (übrigens ein Nachkomme der Altomontes!) direkt neben Paul Troger hängt, wird man mit „unbewaffnetem“ Auge (das heißt, ohne die Beschriftung zu befragen), das Historismus-Gemälde auf den ersten Blick nicht von dem Barockgemälde unterscheiden können. Die „Nachahmung“ war perfekt. Später, wenn man etwa mit Kokoschka bei den Expressionisten landet, finden die Kuratoren Parallelen in den Themen, oft in den gezeigten Haltungen, jedenfalls im Zugang der modernen Künstler, die sich am Barock orientierten. Franz Xaver Messerschmidt, natürlich ein Schwerpunkt-Künstler dieser Ausstellung, findet sich in der Gesellschaft von Arnulf Rainer und Florentina Pakosta. Auch den Überschwang eines Nitsch kann man in diesem Rahmen nachvollziehen – dass die Stilleben auch mit einem Stück „Eat Art“ von Daniel Spoerri konfrontiert werden, geht dann vielleicht ein wenig weit.

  

Das Belvedere „spielt mit“    Das Besondere dieser Ausstellung sind natürlich auch die Räume, in denen sie stattfinden: Nun kann auch der Prunksaal des Unteren Belvederes, wo sich die Originale von Raphael Donners Brunnen-Figuren befinden, als Teil des Ausstellungskunstwerks gelten. Seine „Apotheose“, die prachtvolle Marmor-Skulpturengruppe von Balthasar Permoser, an sich immer in dem Seitenraum des zentralen Saals zu sehen, ist nun ein Teil dessen, was es zu beweisen gilt: Barock auch als große Repräsentation. Jedes Deckengemälde erzählt davon – aber man hat für die Ausstellung auch ein modernes Pendant: Das Auftragswerk an den Linzer Peter Baldinger ist im Eingang zu sehen und eine zeitgenössische Variation dessen, was einst der „Blick nach oben“ bot.

Ein neues Barockmuseum?     Agnes Husslein hat sich, wie sie selbst nicht ohne Amüsement feststellt, gleich zu Beginn ihrer Ära als Direktorin der „Österreichischen Galerie“, wie sie damals noch hieß (und die sie wirksam zu „Belvedere“ verkürzt hat), allgemeine Missbilligung zugezogen, als sie das Barockmuseum geschlossen hat. Allerdings nur, um dieser Epoche künftig den Stellenwert zu geben, den sie verdient. Die Frage, ob das Winterpalais in der Himmelpfortgasse nicht den idealen Raum bieten könnte, das Barockmuseum von 1923 wieder auferstehen zu lassen, beantwortet sie in weiser Voraussicht nicht (vermutlich um nicht festgenagelt zu werden). Aber man kennt ihre Entschlusskraft: Es ist anzunehmen, dass wir erleben werden, dass Schätze aus den Kellern des Belvedere in die Bel Etage der Himmelpfortgasse wandern werden.

Unteres Belvedere. Bis 9. Juni 2013, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

 

 

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