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WIEN / Albertina: ARNULF RAINER

02.09.2014 | Ausstellungen

 Albertina Rainer Plakat~1 
Fotos: Renate Wagner

WIEN / Albertina / Basteihalle: 
ARNULF RAINER. RETROSPEKTIVE
Vom 3. September 2014 bis zum 6. Jänner 2015 

Abstieg in die Rainer-Hölle

 Um den Eingangsbereich der Albertina zu erreichen, muss man ein Stockwerk hinauf fahren (was einem die Rolltreppen abnehmen). Das große Ausstellungsareal der so genannten „Basteihalle“ liegt zwar, von der Straße betrachtet, ebenerdig, muss aber dann wieder in die Tiefe überwunden werden (auch das besorgen Rolltreppen). Wenn man zur großen Retrospektive „Arnulf Rainer“ in die Tiefe fährt, tut man es doppelt – auch metaphorisch. So großartig, großzügig und schön die Werke sich hier auch präsentieren, beim genauen Hinsehen fällt man von einem Horror in den nächsten. Willkommen in der Hölle des Arnulf Rainer.

Von Renate Wagner

Albertina Rainer Er jung~1  Albertina Rainer Er alt face 2~1

Arnulf Rainer     Geboren am 8. Dezember 1929 in Baden bei Wien – was bedeutet, dass Ende des Jahres sein 85. Geburtstag ansteht -, war Arnulf Rainer 16, als der Zweite Weltkrieg endete und eine Karriere als Künstler selbst gewählt vor ihm lag: Mit den Institutionen hatte er es allerdings nie, einen Tag verbrachte er 1949 nach bestandener Aufnahmeprüfung an der Hochschule für angewandte Kunst, drei Tage an der Akademie der bildenden Künste. Selbst eine „Hundsgruppe“ zu gründen und sich in die Welt der Aktionisten zu stürzen, entsprach ihm weit mehr. Ausstellungen und Ehrungen in aller Welt trugen im Lauf der Jahre einem kraftvollen und vielfach auch originellen Werk Rechnung. Vor fünf Jahren, zu seinem 80er, widmete ihm die Stadt Baden ein eigenes Museum. Zum 85er stellt sich nun die Albertina mit einer Retrospektive von rund 150 Werken ein, so umfassend aus allen Lebensaltern und „Entwicklungen“ des Künstlers zusammen gestellt, wie es sie noch nie gegeben hat. Vor allem kamen Werke aus der Frühzeit aus Privatsammlungen ans Tageslicht und sind zu betrachten. Vom „jungen Wilden“ zum Altmeister, der auch zur Pressekonferenz seiner Ausstellung kam.

Albertina Rainer mit Daumen~1

Der „Übermaler“     Die Ausstellung ist nicht chronologisch gehängt, aber dennoch werden in den allerfrühsten Werken die gleich zu Beginn zu sehen sind, die Themen angeschlagen: der „sterbende Rainer“ von 1949, düster, grotesk, befindet sich auf dem Weg zu jener Grausamkeit der Betrachtungsweise, die voll ausbrach, als Rainer das Übermalen entdeckte. Bei der Pressekonferenz auf die Geschichte angesprochen, er habe sich kein Arbeitsmaterial leisten können, am Flohmarkt alte Fotos gekauft und diese zu übermalen begonnen, bestätigte Rainer dies – aber sehr bald hat er diese Methode als ein wesentliches Element seines Kunstausdrucks entdeckt und weiter geführt, als die Beschaffung von Materialien kein finanzielles Problem mehr war… Und Tatsache ist es ja doch auch, dass Künstler, die durch individuelle „Markenzeichen“ erkennbar sind, ihren Stellenwert am Kunstmarkt erheblich erhöhen. Man will es Rainer nicht unterstellen – aber es scheint eine Tatsache, dass nichts in dieser Ausstellung stärker wirkt als dieser „typische“ Rainer…

Albetina Rainer Köpfe~1

Tod und Verderben      Die Beispiele für Übermalungen in der Ausstellung sind zahlreich, ob Rainer eigene Fotos veränderte (meist gewaltsam, nur gelegentlich mit einer Spur Humor) oder Totenmasken, die er passioniert sammelt, ob er sich Van Gogh-Motive hernahm und quasi in die Hölle seines schwarzen Strichs jagte, ob er mit „Cadaveri“ jeden Horrorfilm bestücken könnte, ob er ein Messerschmidt-Gesicht noch grausiger machte. Die Abgründe des Arnulf Rainer. Ein schauriger Höhepunkt ist wohl das „Kisten-Walhalla“, bis zur Zerstörung bemalte Totenmasken in einheitlichen Holzkisten, die Rainers Antwort auf Helden-Monumente sind… Am Ende der Ausstellung hängen Bilder von den Zerstörungen in Hiroshima, die Rainer in Anti-Kriegs-Kunstwerke verwandelt hat.

Albertina Rainer Kreuz~1

Auf anderen Schienen    Was die Ausstellung noch zeigt, ist vielfältig. So hat Rainer in jungen Jahren – wie andere Künstler auch – einfach mit Form und Farben experimentiert, indem er farbige Rechtecke kombinierte. Die Form des Kreuzes, die in seinem gegenwärtigen Schaffen eine große Rolle spielt (fast meinte man, hier gastiere Nitsch, was sich bei näherer Betrachtung allerdings erledigt), fand er schon in den fünfziger Jahren, wilde Abstraktionen (die allerdings von manch einem Künstler stammen könnten) findet man ebenso wie die jüngsten Schöpfungen von Rainer, die durchwegs „Ohne Titel“ dastehen, sehr viel in Acryl gemalt, Abstraktionen von geradezu seidiger Eleganz.

Fazit    Die Ausstellung ist als künstlerische Lebensreise, locker gehängt, quasi kreuz und quer zu besichtigen. Dabei standen den Kuratoren (Antonia Hoerschelmann und Helmut Friedel) unter den rund 150 Werken nur etwa 20 aus dem Bestand der Albertina zur Verfügung – man besitzt nicht mehr. Vielleicht könnte sich Rainer für diese Retrospektive mit einer größeren Schenkung an das Haus bedanken…? Hier wäre er jedenfalls optimal aufgehoben. Bemerkenswert ist übrigens der Katalog, der neben interessanten Artikeln alle ausgestellten Objekte zeigt, und zwar in chronologischer Reihenfolge. So kann man in der Nachbereitung der Rainer’schen Entwicklung in der zeitlichen Abfolge nachgehen.

Albertina: Arnulf Rainer. Retrospektive.
Bis 6. Jänner 2015, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

 

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