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WIEN / Akademietheater: SCHATTEN (EURYDIKE SAGT)

17.01.2013 | Theater

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
SCHATTEN (EURYDIKE SAGT) von Elfriede Jelinek
Erstaufführung der Theaterfassung
Premiere:
17. Jänner 2013  

Im Programmheft des Burgtheaters umfasst der Text von Elfriede Jelineks „Schatten (Eurydike sagt)“ kompakte 55einhalb Seiten. Der „Fachausdruck“ für dergleichen nennt sich mittlerweile „Textfläche“, und es ist das, was die österreichische Nobelpreisträgerin für Literatur den Theatern im allgemeinen anbietet. (Ist ja auch viel lukrativer, als dergleichen nur zwischen Buchdeckeln zu vermarkten.) Das hat Regisseure vor ganz neue Aufgaben gestellt – sie müssen, aber sie dürfen auch, wenn sie können, das „Theater“ dazu selbst erfinden. Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann ist das bei seinem ersten Anlauf auf Jelinek jedenfalls so unterhaltend geglückt wie kaum einem seiner Vorgänger je.

Der Text ist Eurydike, vielleicht auch anderen Frauen (bei der Jelinek weiß man das ja bekanntlich nie so genau) in den Mund gelegt. Frauen, die unter ihren Männern durchaus gelitten haben. Die vielleicht ganz froh sind, von ihnen befreit zu werden. Und gar nicht so begierig, zu ihnen zurück zu kehren. Die Jelinek ist da grimmig, bissig, sauer, und dagegen ist nichts zu sagen.

Als gedankliche Schwerpunkte ihrer wie immer unfreundlichen Betrachtungen nimmt sie sich die Popstars vor (Orpheus ist ein solcher, seine kreischenden Fans umkreist die Autorin mit böser Lust), aber auch die Frauen und ihren Modewahn, den Versuch, durch Kleider-Kaufsucht Identität zu gewinnen. Sie ätzt über Verlust und Trauerarbeit, die ihr nur egozentrische Methoden der Beachtungssuche zu sein scheinen, und wenn sich ihre Eurydike im Reich der Schatten effektiv wohler fühlt als in ihrer lebendigen Haut als Frau auf der Erde, scheint sie dem Tod eine wahre Hymne zu singen…

Dass dies alles sehr plastisch wird, dankt man Regisseur Hartmann, der den Text dermaßen gedreht, gewendet, theatralisch geklopft und auf sieben Darstellerinnen verteilt hat, dass er wirklich plastisch, ja durchgängig verständlich wird (bzw. wirkt), was bei der Jelinek ja wahrlich keine Selbstverständlichkeit ist. Dankenswert kurze 90 Minuten erscheinen auch ohne sonderliche Durchhänger kurzweilig auf belebter Bühne, wo die Action herrscht – und wo der Regisseur mit der Jelinek (vielleicht auch manchmal gegen sie) sein Thema verlacht, verhöhnt, verblödelt, jedenfalls der Unterhaltung preisgibt. Man kann ihm gar nicht dankbar genug dafür sein.

Dabei lässt er die Autorin selbst zu Wort kommen – und sie, die sich live normalerweise mit Hohepriesterinnen-Attitüde geriert, ist hier ein Pappmachékopf (unverkennbar Elfriede mit ihrer Haarschmolle – nicht schön, aber markant), den Puppenspieler Nikolaus Habjan führt. Er hat dabei nicht allzu viel zu tun, er sitzt am Bühnenrand und spricht ein paar Zeilen, die nach Selbstzitaten der Autorin klingen, das macht er ganz gut. Wenn die Jelinek übrigens meint, mit der Selbstaussage „Mein Werk ist eintönig“ jegliche Bemerkung dieser Art ihrerseits zu unterwandern, wird ihr das nicht gelingen. Wenn es bei Hartmann diesmal nicht so wirkt, wunderbar, eine Tatsache bleibt es in sehr vielen Fällen ihres  Schreibens doch…

  
Fotos: Barbara Zeininger

Neben den sieben Frauen noch ein Mann: Lucas Gregorowicz, anfangs in Gold und Silber, im Lauf des Abends vielfach neu gewandet, ist Orpheus, der Pop-Star, und wenn die Inszenierung immer wieder Show-Charakter mit Musik annimmt, dann ist das hier begründet. Gregorowicz singt gekonnt, eigenes und solches von Karsten Riedel und populäre Schlager, und benimmt sich so unerträglich, wie die Jelinek diese Spezies Mann findet.

Die Damen, die teils als Kollektiv, teils als Individuen agieren, spielen auch die kreischenden Fans – sie spielen tatsächlich alles, es ist ein brillantes Chaos in einer strukturell so komplizierten Inszenierung, dass man nicht nur ihren Regisseur, sondern auch sie und ihre Präzision und ihre Konzentration und ihre Gedächtnisleistung nicht genug bewundern kann. Sie sind großteils schwarz, aber verschieden gekleidet (Kostüme: Tina Kloempken), tragen verschiedenen Perücken, und sie bringen Inhalte, Stimmungen, Dummheiten und Weisheiten an das Publikum, dass es nur so ein Vergnügen ist.

Das reicht vom „kleinen Mädchen“ (Yohanna Schwertfeger im Babydoll) bis zu den älteren Damen mit den weißen Perücken und zynischen Anmerkungen (Elisabeth Augustin und Brigitta Furgler), das bietet Christiane von Poelnitz vielfach die Möglichkeit, ihre raumgreifenden Talente als Alleinunterhalterin auszustellen, da darf Sabine Haupt sich gelegentlich in Sigmund Freud verwandeln (dessen Erkenntnisse die Jelinek auch auf die Schippe nimmt), da ist Alexandra Henkel für allerlei Klugscheißerisches verantwortlich, und Katharina Lorenz schließlich kommt meist an die Reihe, wenn es um die langen Erörterungen der Autorin zu Kleidern, Kleiderfragen, Kleiderwahn, Kleidermanie geht. (So sehr, dass man annehmen würde, die Jelinek habe selbst ein Problem damit, in Boutiquen den teuren Stücken nicht widerstehen zu können, aber das ist reine Vermutung).

Johannes Schütz hat für Hartmann die Bühne halb zugemüllt, darunter auch mit einer riesigen Videowand, und es erstaunt nur, dass sich der Regisseur den Modegag nicht versagt hat, die Darsteller ins Foyer zu schicken, dass man ihre dortigen Aktionen dann live abgefilmt  auf der Leinwand verfolgen kann. Das ist so was von abgegriffen – aber er wird es wohl mit ein bisschen „Unterwelt“ begründen. Tatsächlich hat Hartmann es nicht nötig, sich an dem modischen Schnick-Schnack der Regiekollegen zu bedienen, ihm fällt selbst genug ein.

Denn eineinhalb unterhaltsame Theaterstunden, die am Schluss noch kurz eine nihilistisch-fast poetische Wendung nehmen –  mehr ist für Elfriede Jelinek wohl nicht zu erreichen. Das Publikum beklatschte statt der wie immer abwesenden Autorin ihren Pappmaché-Kopf.

Renate Wagner

 

 

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