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WIEN/ Akademietheater/ImpulsTanz: ImPulsTanz: Louise Lecavalier / Fou Glorieux mit „danses vagabondes“

21.07.2026 | Ballett/Performance

WIEN/ ImPulsTanz: Louise Lecavalier / Fou Glorieux mit „danses vagabondes“ im Akademietheater

Als eine Naturgewalt wird sie beschrieben und als Ausnahmetänzerin. Louise Lecavalier, die kanadische Ikone des zeitgenössischen Tanzes, zeigte mit ihrem jüngsten Stück „danses vagabondes“, was es für sie bedeutet, zu tanzen. Sehr persönlich durch das, was sie nährt, und doch weist diese Arbeit weit über die Persönlichkeit ihrer Schöpferin hinaus. Für die Österreichische Erstaufführung ihres jüngsten, im Dezember 2024 erstmals gezeigten Stückes wurde die Tänzerin mit stehenden Ovationen gefeiert.

Bereits Anfang der 80er Jahre startete sie ihre internationale Karriere als Fronttänzerin der kanadischen Compagnie La La La Human Steps mit deren Choreografen Édouard Lock. Es folgten Kollaborationen mit dem Moskauer Bolschoi-Ballett, mit David Bowie, Frank Zappa, dem Ensemble Modern und Filmregisseur Michael Apted. Lecavaliers Widerspruchsgeist, ihr Draufgängertum und ihr akrobatisch-athletischer Tanz verhalfen ihr zu schnellem und anhaltendem Ruhm.

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 Louise Lecavalier: „danses vagabondes“ (c) Andre Cornellier

Nach Jahren in einer existenziellen Krise gründete sie 2006 ihre eigene Kompanie Fou Glorieux. 2012 erlebte ihre erste eigene Choreografie, das Solo „So Blue“, ihre Uraufführung im Tanzhaus NRW in Düsseldorf, ebendort 2016 auch die zweite Arbeit „Battleground“, ein Duett, das 2018 bei ImpulsTanz zu sehen war. Das Wiener Festival zeigte im Pandemiejahr 2021 ihr Solo „Stations“, in dem sie die vier physischen Zustände Flüssigkeit, Kontrolle, Meditation und Besessenheit tänzerisch untersucht.

Mit beispielgebender Disziplin stählt die im Oktober ihren 68. Geburtstag feiernde kanadische Tänzerin und Choreografin ihren zierlichen Körper. Das fast tägliche Fitnesstraining aber ist nur Mittel zu dem Zweck, aus ihren tänzerischen Intentionen physische Wirklichkeit werden zu lassen. Sie beginne immer mit dem selben Schritt bei der Erforschung neuer Möglichkeiten, so Lecavalier in ihrem künstlerischen Statement zu „danses vagabondes“. „Aber die Welt, die sich mir offenbart, ist nie die selbe.“

Sie lässt sich überraschen von neuen Bewegungen. Sie vagabundiert in diesem Stück, inspiriert vom Essay-Band „Écrits Vagabonds“ des Physikers Carlo Rovelli, durch einen Kosmos von immer wieder neuem, sich nie wiederholendem Bewegungsmaterial, das geprägt ist von atemberaubender Geschwindigkeit ihrer Bein- und Fußarbeit, von Drehungen, Schwingungen, nervöser Gestik der Hände bis in die Fingerspitzen. Armhaltungen und -schwünge erinnern an klassisches und Folklore-Material.

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 Louise Lecavalier: „danses vagabondes“ (c) Andre Cornellier

Licht- und Farbflächen auf einem rückwärtigen Video-Screen begleiten sie durch die Performance. Sie erscheint im Kimono, darunter ein Kapuzen-Hoody, direkt auf dem Körper ein metallisches Top mit transparentem Rückenteil (Kostüm: Yso und Elizabeth Duran). Und in Trainingshosen. Ihre Schuhe kickt sie gleich zu Anfang hinter sich. Das enthebt sie aller Fußstapfen, das schafft Freiheit. Kimono und Hoody sind Requisiten, mit denen sie sich verhüllt, bedeckt, und die, langsam sich ihrer entledigend, Prozesse illustrieren.

Sich schrittweise, spielerisch und zuweilen kokettierend durch Schalen und Beläge zu arbeiten, bis ihr Körper nur noch von einer dünnen, oben golden schimmernden Schicht bedeckt ist, beschreibt ihre eigene Historie sowie das Stück betreffende künstlerische Pfade. Der Weg hin zu gleichzeitig maximal möglicher Authentizität und Bandbreite des Ausdruckes ist ein Emanzipationssprozess mit der Auflehnung gegen Einengung und Unterdrückung, wie ein gefangener Vogel fühlt sie sich, mit den Erfahrungen ihrer Mutterschaft, mit dem Bedürfnis nach Schutz, Sicherheit und Gewissheit, und durch seltene Phasen der Einkehr und Besinnung.

Von einem kongenial zusammengestellten Soundtrack mit Musik von Dawn of Midi, The Black Dog, Antoine Berthiaume, Kiasmos, Nils Frahm, Trentemoller und am Ende Nick Cave und den Ereignissen auf dem Video-Screen hinter ihr lässt sie sich durch Stimmungen und (An-) Triebe begleiten. Gemeinsam mit ihrem hoch energetischen, athletischen, präzisen, fast durchwegs ruhelosen und sich stetig erneuernden Tanz entsteht die hypnotische Wirkung dieser Erforschung roher, reiner Energie und eines von allen Fesseln befreiten Instinktes.

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Louise Lecavalier: „danses vagabondes“ (c) Francois Blouin

Allem zu Grunde liegt ihr unbezwingbarer Freiheitsdrang, den sie in dieser Arbeit als durchaus ambivalent beschreibt. In einer, vielleicht der Schlüsselszene der Arbeit tanzt sie in einem auf dem Boden leuchtenden Quadrat. Von rechts strahlt ein Licht wie eine Verheißung, deren Lockruf sie erliegt und widersteht, hin und her gerissen zwischen der Sicherheit des Vertrauten und dem Reiz des unbekannten Neuen.

Es kommt einem Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ in den Sinn. „Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen. Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“ Diesem Geist ergibt sie sich mit der ihr eigenen Poesie. Am Ende leuchtet blutrot eine Sonne auf dem Screen. Deren Oberfläche scheint zu kochen, von verborgenen inneren Energiequellen angetrieben.

„Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde Uns neuen Räumen jung entgegen senden, Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ Louise Lecavalier vagabundiert durch die Möglichkeiten tänzerischen Ausdrucks, durch Materialien, Inspirationen und Befindlichkeiten, durch ihre eigene Geschichte, Gegenwart und Zukunft und durch ein Universum voller Varianten und Variationen, denen des Selbst und des Seins.

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Louise Lecavalier: „danses vagabondes“ (c) Andre Cornellier

Der Prozess der Emanzipation und Selbstfindung ist ein in vollem Gang befindlicher. Mit offenem Ausgang und Ende. Energie ist genug vorhanden. Geschmeidig, ohne Widerstand in ihren Bewegungen nähert sie sich dem Ende. „I traveled a lot“ singt Nick Cave. Und der Rahmen auf der Leinwand reduziert sich bis in die Unbegrenztheit eines schwarzen, unbekannten Universums, das da hinten auf sie wartet. Das Ziel ihrer Reise? Die völlige Entgrenzung ihres Tanzes und ihrer selbst. Und vielleicht auch die des Menschen. Die Auflösung in einem großen Nichts. Denn: „Tanz ist ein Duett mit dem Nichts.“

Louise Lecavalier / Fou Glorieux mit „danses vagabondes“ am 19.07.2026 im Akademietheater Wien im Rahmen von ImPulsTanz.

Rando Hannemann

 

 

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