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WIEN / Akademietheater: EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL

01.12.2012 | Theater

   
Fotos: Burgtheater / Soulek

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL von Wolfram Lotz
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 23. November 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 30. November 2012  

Ein Theaterpublikum hat generell eine unangenehme Eigenschaft: Es versucht aus dem, was es auf der Bühne sieht, einen Sinn herauszufinden. Das gelingt nicht immer, absichtsvoll nicht bei „Einige Nachrichten an das All“ des deutschen Jungautors Wolfram Lotz (Jahrgang 1981). Denn, wie der „Werbe“-Text des Burgtheaters so schön und stolz formuliert, er „widersetzt sich konsequent den Regeln konventioneller Dramatik“. Was sein Produkt, das „im Rahmen der Werkstatttage 2010/2011 an der Burg entwickelt“ wurde, wie einen Scherz erscheinen lässt. Vielleicht auch als einen schlechten Witz. Wer nicht allzu gutmütig gestimmt ist, wird nach den pausenlosen zwei Stunden keinen anderen Eindruck als den verlorener Lebenszeit mitnehmen…

Lotz mixt bekannte Elemente zusammen – clowneske Gestalten, die im Sinne Godots nach dem Lebensinn fragen und darauf kommen, dass sie ja eigentlich machtlose Theaterfiguren sind (hallo, Herr Pirandello), eine Erzählerfigur, die sich als „Fussnote“ begreift und grenzenlose Banalitäten (oft in Parabelform) von sich geben muss. Dann schwenkt das Geschehen in die Form einer Fernsehshow, in der ein wild gewordener Moderator wütet und die (offenbar „wetten dass“-gemeinte) Aufforderung ergehen lässt, dem Weltall eine Nachricht zu schicken. Dabei werden neben einer überdicken Frau ein paar historische Figuren als Gäste aufgeboten – wenig bekannt etwa der schräge Gelehrten Samuel Constantine Rafinesque aus dem 19. Jahrhundert, sehr bekannt hingegen Heinrich von Kleist (und warum der arme Reinhold Lopatka da auch noch vorkommen soll, wissen die Götter, aber er tut es kurzfristig).

All das ist nicht als Sinnzusammenhang zu nehmen, sondern weit eher als Beweis dafür, wie gutmütig ein normales Theaterpublikum bereit ist, sich zum manipulierten Publikum einer Fernsehshow umfunktionieren zu lassen und brav auf Zeichen zu klatschen oder damit aufzuhören… ein bisschen interaktiv, ein bisschen aufmischen die Sache, damit man nicht merkt, dass hier der reine Unsinn waltet. Aber nicht der höhere Unsinn, der ja was Schönes wäre, sondern der ganz tiefe. der nur sich selbst so toll vorkommt.

Da szenisch überhaupt nichts los ist, dürfen gegen Ende in einer ganz langen, mühevollen Sequenz dann die Videos walten und uns anhand einer verschiebbaren Wand (Bühne: Florian Lösche) die erstaunlichsten Projektionen zeigen (Video: Sebastian Pircher, Peer Engelbracht, Christopher Lensing – impulskontrolle), die dann klar machen, dass der Autor schnell noch die Kurve ins Tiefsinnige kratzen will (und die Musik von Heiko Schnurpel tremoliert): Ja, alles zerfällt und wird zerstört, man sieht Friedhof und Mausoleum, leider müssen wir alle sterben, das ist das unlösbare Problem, und Weltraumschrott sind wir wohl auch, aber am Ende strahlt noch ein Baby riesig von der Wand und macht erst recht alles kaputt… einfach toll.

Sich dies als einen Theaterabend verkaufen zu lassen, erfordert schon hohe Naivität. Zumal der Regisseur Antú Romero Nunes es nicht einmal geschafft hat, dieser frechen (aber nicht im guten Sinne frechen!) Belanglosigkeit das auszutreiben, was bekanntlich eine Todsünde ist: Du sollst nicht langweilen, heißt diese, und so kurz kann die Spieldauer nicht sein, dass man sich nicht vor Langeweile im Theatersessel windet. Da hat einer nichts zu sagen und macht es noch so mühsam…

Jasna Fritzi Bauer und Daniel Sträßer geben ein clowneskes Paar ohne Eigenschaften, Ignaz Kirchner muss viel Blödsinn verzapfen, Matthias Matschke darf einen Moderator überdrehen und ein Schauspieler wie Fabian Krüger wird für dergleichen verheizt: Wenn das Burgtheater für ihn nichts anderes zu bieten hat, sollte er schleunigst das Weite suchen, dafür ist er bestimmt zu gut.

Nur ein paar gewitzte Gemüter gingen während der Vorstellung, die anderen ließen sich zum Show-Klatschvieh reduzieren und bedankten sich am Ende dafür sogar noch mit Applaus. Man kann dem Wiener Publikum offenbar ungestraft alles vorsetzen.

Renate Wagner

 

 

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