Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Akademietheater: DIE MARQUISE VON O.

19.04.2013 | Theater

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
DIE MARQUISE VON O. von Ferdinand Bruckner
Premiere: 19. April 2013

Es ist Büchner-Jahr, aber das Burgtheater spielt Kleist, und nicht einmal im Original (doch, mit dem „Prinzen von Homburg“…), sondern die Dramatisierung seiner weltberühmt-legendären Novelle „Die Marquise von O.“ durch den Österreicher Ferdinand Bruckner, der in den zwanziger, dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts durch Sozialdramen wie „Krankheit der Jugend“ oder kritische Historiendramen wie „Elisabeth von England“ berühmt geworden ist.

Bruckner hat sich 1933 Kleists nicht allzu lange, äußerst konzentriert erzählte Novelle vorgenommen und ein in vielen – auch wesentlichen – Details verändertes Theaterstück daraus gemacht: Seine Umarbeitungen können hier nicht Gegenstand der Betrachtung sein, nur die Tatsache, dass ein ganz komplexer psychologischer Tatbestand, von Kleist in quasi unbestimmte Kriegszeiten versetzt, von Bruckner in die Ära von Napoleons Russland-Feldzug verlegt wurde – und dass die Problematik der Frau, die schwanger wird und nicht weiß, wieso, eine so vertrackte Geschichte ist, dass man sie nur mühsam auf der Bühne glaubhaft machen kann.

Wir befinden uns also (bei Bruckner) in den Napoleonischen Kriegen, und auf dem Russland-Feldzug kommen auch deutsche Truppen, die dem „Kaiser“ folgen, durch eine deutsche Stadt und marodieren. Die Marquise von O. wird von Soldaten überfallen, von einem Hauptmann scheinbar gerettet: Das Stück beginnt damit, dass sie am Boden liegt und er mit seiner „Rettung“, die sie offenbar nicht bewusst miterlebt hat, schon fertig ist. Ihre Mutter offenbart alle emotionale Erregung, die dem Anlass angemessen ist (und den Verdacht, was passiert sein könnte, hegt sie schon hier, schiebt ihn aber weg). Die Marquise hingegen hat das Geschehen doch nur unbewusst mitbekommen – und findet sich nach einiger Zeit höchst verwirrt schwanger…

Das Besondere an Kleists Erzählung von 1808 besteht nun darin, dass sich die Marquise (übrigens gleich im einleitenden Satz der Erzählung) dazu entschließt, in der Zeitung den Vater ihres Kindes per „Inserat“ zu suchen. Darum geht es auch bei Bruckner, aber er hat – immerhin ein versierter Dramatiker – die Vorgaben auch benützt, um hier an seinen Figuren ein Zeitgemälde rund um den Russland-Feldzug 1812 zu zeichnen.

 So steht der Vater der Marquise für jene unerschütterlichen Deutschen, die stolz ihre Familiengeschichte Jahrhunderte zurück pflegen („Im Dreißigjährigen Krieg hat unser Vorfahre…“) und die Verbindung vieler deutscher Fürstentümer mit Napoleon scharf verurteilen – ein unerschütterlicher, verbohrter Nationalist, der seiner Tochter auch die Ehe mit einem Franzosen (der mittlerweile verstorben ist) zum schweren Vorwurf macht. Die Mutter wiederum repräsentiert jenes deutsche Bildungsbürgertum, das sich um das Schicksal einer kostbaren Geige ebenso viel Kopfzerbrechen macht wie über jenes der Tochter und für die ein neues Streichquartett von Beethoven wichtiger ist als alles andere (im Hintergrund wird auch immer wieder gefidelt – von einem Streichquartett…).

Die Marquise selbst ist zu Beginn eine eher unsichere Schwärmerin, die im Lauf des Stücks einen Emanzipationsprozess durchmacht, zumal sie sich auch von den Eltern emotional verlassen sieht… Weitere Personen sind der von Bruckner neu hinzugefügte törichte Verehrer, den die Marquise heiraten soll, und schließlich der Hauptmann, den Bruckner zwar durch die Idee, er werde Vater, „läutern“ lässt, dem er aber das Happyend, das sich Kleist doch noch abzwang, verweigert: Die gereifte Marquise kann einen Mann, der eine wehrlose Bewusstlose gebraucht (oder missbraucht) hat, nicht als Vater ihres Kindes und Lebensgefährten akzeptieren…

Das ergibt, in zwei pausenlosen Stunden, einen recht mühsamen Theaterabend, an dem  man den Figuren durch die – teilweise schon von Kleist vorgegebenen – wirklich krausen Seelenregungen folgen muss, wobei man sich (was man natürlich nicht tun soll) immer wieder fragt, wie interessant die doch äußerst naiven Zweifel der Marquise an ihrer „befleckten“ Empfängnis eigentlich seien…

Regisseur Yannis Houvardas (der sich in krisenhaften Zeiten diesen Ausflug von seiner Eigenschaft als Intendant des griechischen Nationaltheaters nahm und nach Wien kam) bemühte sich, Beziehungen und Aktionen möglichst klar zu stellen, und er hatte auch eine herausragende Besetzung, um das zu tun. Wo das Stück letztendlich doch holpert, dann aus sich heraus – und Kleist, der schließlich Dramatiker war, wird schon gewusst haben, warum er dafür die Prosa-Form wählte…

Grundsätzlich geht in einem Bühnenbild der durchsichtigen Wände, hinter denen heutige Möbel stehen (Johannes Schütz), das Geschehen in halb zeitlosen, halb heutigen und immer reizlosen Kostümen vor sich (Anette Guther), und man fragt sich, was daran schlecht gewesen wäre, eine Geschichte, die in dieser Konzeption den Hintergrund von 1812 absolut braucht (sonst funktioniert sie in vielen Details nicht), auch in solchen Gewändern spielen zu lassen: Das hätte auch eine Distanz geschaffen, aus der das Problem der Marquise verständlicher geworden wäre als im heutigen Gewand…Wenn historische Stücke im Straßenanzug gespielt werden, wirken Aufführungen irgendwie wie Proben – wie das Versprechen: Die Kostüme kommen demnächst!

Dorothee Hartinger hat viel zu tun, die Marquise von einer sonderbaren Schwärmerin zu einer entschlossenen, überlegenden Frau zu entwickeln, und sie macht es vorzüglich, spielt auch über Passagen hinweg, wo man sich fragt, wie schwankend ihre Gefühle noch sein können…  Sehr schön differenziert Andrea Clausen die Mutter (die bei Kleist eher töricht wirkt) zwischen Gefährtin der Tochter und der Intellektuellen, die sich irgendwann abwendet, wenn sie der Sache vom Verstand her nicht mehr folgen kann. Einen überzeugenden  Homo Politicus stellt Peter Simonischek als gleichzeitig sturer und harter Vater auf die Bühne, eine Lächerlichkeit ist Dietmar König als der (erfundene) präsumtive Bräutigam, und Oliver Masucci ist nach seinem Räuber Jaromir in der „Ahnfrau“ fünf Tage später schon wieder in einer Premiere und äußerst leidenschaftlich als edler Vergewaltiger unterwegs.

Ehrlich – wäre Kleist nicht Weltliteratur (wobei die Novelle eine wirkliche Herausforderung an den Leser darstellt), man würde sich die seltsame Geschichte kaum antun. Sie ergibt auch nicht unbedingt einen Theaterabend von hoher Spannung und Überzeugungskraft. Es war wohl eher die hervorragende Besetzung, die das Publikum so stürmisch applaudieren ließ, denn während der zwei pausenlosen Stunden konnte man zumal unter den jüngeren Leuten im Zuschauerraum deutliche Zeichen von Ermüdung und Desinteresse feststellen…

Renate Wagner

 

 

Diese Seite drucken