Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Akademietheater: DIE LÄCHERLICHE FINSTERNIS

06.09.2014 | Theater

DSC8176_StefanieReinsperger_FridaLovisaHamann 
Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
DIE LÄCHERLICHE FINSTERNIS von Wolfram Lotz
Uraufführung: 6. September 2014 

Früher wäre man in einen kleinen Keller hinunter gestiegen, hätte knappe zwei Stunden lang vier Frauen zugesehen, wie sie ein paar Männer spielen und ernste Themen veräppeln. Ein paar Hundert „progressive“ Besucher hätten vorgegebenen, das sei eine tolle Sache, und dann wäre das ganze Unternehmen in Vergessenheit versunken, wo es hingehört.

Heute spielen die allerersten Häuser auf ihren großen Bühnen solche Stücke, um zu beweisen, dass sie den Finger am Puls der Zeit haben, das Premierenpublikum klatscht heftig, denn man ist ja „in“, die Kritiken werden sich ernsthaft damit auseinander setzen – und nur einem „Normalpublikum“ traut man zu, zu wittern, dass man hier für sein Geld nichts bekommt, was der Mühe wert wäre, ins Theater zu gehen. Und wer keine Angst vor einer eigenen Meinung hat, wird schwer verstehen, was er an diesem Abend großartig finden sollte.

Der Autor heißt Wolfram Lotz, geboren 1981 in Hamburg, und das „Profil“ verkündet, auf einen wie ihn „hat das Theater gewartet“. Theoretisieren kann er jedenfalls – wenn man sich Zeit nimmt, das Programmheft zu „Die lächerliche Finsternis“ zu lesen, da sprudeln die großspurigen Ideen zum „unmöglichen Theater“ nur so. Das Burgtheater hat noch in der Ära Hartmann vor zwei Jahren sein Stück „Einige Nachrichten an das All“ gespielt, schon damals zwei pausenlose Stunden, die auf nüchterne Zuschauer wie ein schlechter Witz gewirkt haben.

Wahrscheinlich wurde bei dieser Gelegenheit gleich die Uraufführung eingekauft, die nun im Akademietheater die erste Spielzeit der Interims-Intendantin Karin Bergmann eröffnet. „Die lächerliche Finsternis“ hat sicherlich absichtsvoll viel Lächerliches. Was dabei ärgerlich ist – das Thema der Kriege in der Dritten Welt verdiente mehr, vielleicht auch mehr Respekt (wo bleibt eigentlich die politische Korrektheit, die man sonst dauernd aufs Auge gedrückt bekommt?). Aber ein Autor, für den programmatisch die „konventionelle Form des Dramas“ ohnehin nicht mehr geeignet ist, „unsere Gegenwart abzubilden“, darf bei solcher Vorgabe alles. Und das ist im Prinzip auch richtig so – an der Freiheit der Kunst wollen wir sicherlich nicht rütteln.

Zuerst ein Monolog: Ein somalischer Pirat erklärt vor einem unsichtbaren Gericht, wie er zu seiner „Karriere“ kam, es darf heftig gelacht werden. Dann eine „Geschichte“, die sogar wie ein roter Faden durch den verqueren Abend führt. Zwei deutsche Bundeswehrsoldaten werden nach Afghanistan geschickt, wobei von Regenwäldern die Rede ist. Im Hindukusch? Da hat man offenbar in Geographie nicht gut aufgepasst. Immerhin, der Weg den Fluß entlang wird zur Fahrt nach Absurdistan.

Sie suchen einen durchgeknallten Kollegen, sind selbst durchgeknallt und begegnen lauter Verrückten, die wohl auch nicht ganz hierher gehören: ein verwirrter italienischer Camp-Kommandant, ein Händler mit Balkan-Namen, ein lüsterner Reverend, der seine Missonars-Aufgabe offenbar darin sieht, Frauen auszuziehen, bis am Ende sogar der somalische Pirat auftaucht und der Gesuchte (der ist so wirr, dass er seine Kameraden umgebracht hat statt die Feinde) gefunden wird.

Auf diesem Weg, der sicherlich auch an Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ erinnern soll (warum sonst der Titel, warum sonst ein projizierter amerikanischer Brief, offenbar aus dem Vietnam-Krieg, in dem man den Namen „Kurtz“ zu entdecken meint?), wird allerlei Theaterjokus geboten – aber die Problematik der Kriege in der Dritten Welt (soll es nicht darum gehen?), kommt hier sicher nicht zum Tragen. Doch für eine Parodie ist das Thema doch gänzlich ungeeignet, oder? Also, was soll’s?

Es soll – nichts Erkennbares. Ursprünglich hat Lotz ein Hörspiel geschrieben, er erlaubt, wie er sagt, Regisseuren jeglichen Eingriff („Theoretisch wäre es sogar denkbar, dass es Inszenierungen meiner Stücke gibt, die ganz ohne Text auskommen“, meinte er in einem Interview – ja, das wäre was!), und der Tscheche Dusan David Parizek, im Burgtheater und in Wien überhaupt als Regisseur debutierend, hat davon Gebrauch gemacht. Scheint anfangs ganz schlicht auf einem Bretterboden, vor einer Bretterwand agieren zu lassen, aber das Happening kommt schon noch, mit lustvollen Geräuschen, viel Gesinge, allgemeinem Dreck-Beschmieren, und schließlich, anstelle einer Pause, der interessanten Tätigkeit, die in den Hintergrund zertepperte Bretterwand in einer Maschine lautstark zu Sägespänen zu verarbeiten… Vielleicht soll das ja auch etwas bedeuten, aber es würde einem nicht wundern, wenn es einfach gar nichts wäre.

DSC7992_CatrinStriebeck_StefanieReinsperger

Parizek hat die zahlreichen Männer des Stücks mit vier Frauen besetzt, die „Neue“ (die an sich eine Österreicherin ist) hat er aus Düsseldorf mitgebracht und bereitet Stefanie Reinsperger einen starken Einstieg, indem sie den Monolog des Somaliers in bestem Untergrund-Wienerisch pointiert ins Publikum schleudern darf. Dann klebt sich Catrin Striebeck einen Bart auf und gibt vor, ein Hauptfeldwebel der Bundeswehr zu sein, mit Kollegen (Frida-Lovisa Hamann mit sächsischem Zungenschlag) per Boot auf dem Weg ins wilde Afghanistan, der Raue und der Zarte. Die meisten Personen, die ihnen begegnen, werden von Dorothee Hartinger gespielt, auch sie mit Sprech-Kunststücken, vor allem der Italiener wird virtuos bis zur Unverständlichkeit geknödelt.

All das ist immer wieder erschreckend krass und widerlich,  soll aber wohl parodistisch und lustig sein, und wer bereit ist, es so zu nehmen, findet vielleicht den einen oder anderen Kabarett-Gag. Immerhin gab es im Premierenpublikum genügend Leute, die den durchaus aufopferungsvollen Darstellerinnen, dem Regisseur und dem Autor, der so harmlos aussieht, heftigen Applaus spendeten.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken