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WEISSENHORN/Bayern/Kammeroper: „I CAPULETI E I MONTECCHI“ – Belcanto-Glanz im kleinsten Theater Bayerns

29.06.2026 | Oper international

Kammeroper Weißenhorn

„I CAPULETI E I MONTECCHI“ 28.6. – Belcanto-Glanz im kleinsten Theater Bayerns

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Massimo Frigato (Tebaldo), Shaoyu He (Capellio) und Aleksandra Domashchuk (Julia) im 1.Akt. Copyright: A.Hofmann

 Im Juli 2025 hatte Stuttgarts Kammersängerin Diana Haller die Leitung der Kammeroper Weißenhorn übernommen, nachdem der langjährige Vorsitzende des Trägervereins Heinrich Graf im Juni letzten Jahres überraschend verstorben war. Das schon für diese Zeit geplante Projekt der Bellini-Oper musste deshalb verschoben werden und kam nun mit einem Jahr Verspätung als Gedenkveranstaltung zur Aufführung.

Die in den 1970er Jahren gegründete Kammeroper hat ihren Sitz im mit ca. 150 Plätzen kleinsten Theater Bayerns, das 1876 in den Räumen eines von ca.1600 stammenden Stadels erbaut und im Zuge der Gründung des Vereins komplett saniert wurde. Ein klassizistisches Kleinod, in dem Zuschauer und Bühne so eng beieinander sind, dass die Kunst quasi „greifbar“ ist. Diana Haller ist der Einrichtung schon seit mehr als 10 Jahren als Solistin und Regisseurin verbunden und hat nun die Geschicke zur Fortführung in die Zukunft mit dem von ihr bekannten Tatendrang in die Hand genommen. Wozu auf der organisatorischen Seite auch das Gewinnen von Sponsoren gehört, weil es nach wie vor keine öffentlichen Zuschüsse gibt. Gemessen an dem Idealismus, mit dem hier unter einfachsten Bedingungen Kunst geschaffen und gelebt wird, sollten sich die Stadt und das Land Bayern ein Stück weit für eine Subventionierung verantwortlich fühlen. Umso ehrenvoller ist es, dass Diana Haller, die schon mit ihren Verpflichtungen als Ensemble-Mitglied der Stuttgarter Oper und zahlreichen internationalen Engagements einen vollen Terminkalender hat, für ein solches Amt in der südwestlich von Ulm gelegenen Kleinstadt gewonnen werden konnte.

Denn wie bei dieser Bellini-Aufführung zu erleben war, handelt es sich nicht um Provinz-Niveau, sondern um einen künstlerischen Standard, für den sich auch große Theater glücklich schätzen könnten. Diana Haller hat außer ihrem abendfüllenden solistischen Einsatz auch eine den beengten Verhältnissen angepasste Bearbeitung der 1830 in Venedig uraufgeführten Romeo und Julia-Version sowie eine Einrichtung der Partitur für ein auf Salongröße reduziertes Orchester arrangiert. Auf den Chor mußte ebenso verzichtet werden wie auf die Rolle des hier als Arzt fungierenden Lorenzo, wobei der Interpret von Julias Vater Capulet einige von dessen übrig gebliebenen Sequenzen übernahm. Dennoch entstand nie der Eindruck von Löchern, auch hinsichtlich der ausgedünnten Instrumentierung und Konzentration auf vier Streicher, zwei Holzbläser und ein Klavier gab es keinerlei klangliche Einbußen. Vielmehr wurde so der kammermusikalische Keim von Bellinis Musik offenbar, aus dem sich im Verein mit den Gesangsstimmen die dramatische Komponente an den Höhepunkten auch ohne verstärkende Blechbläser und Schlagwerk einstellt. Das ad hoc zusammengestellte Ensemble aus Musikern aus verschiedenen Profi-Orchestern erzielte, von Eufemia Manfredi am Klavier geleitet und präzise koordiniert, eine große klangliche Transparenz und in der Entstehung der Farben einen ganz eigenen Reiz.

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Diana Haller (Romeo) und Massimo Frigato (Capellio) im 2.Akt. Copyright: A.Hofmann

Die szenische Einrichtung konzentrierte sich auf minimales Mobiliar und wesentliche Requisiten sowie historisch angenäherte Kostüme, die Personenregie auf eine geradlinig klare Erzählung der Geschichte, wie es heute leider nicht mehr selbstverständlich ist. Diana Haller führte als Romeo das Solisten-Quartett hinsichtlich stimmlicher Reife und Bühnen-Profil an, ohne die Kollegen in den Schatten zu stellen. In der Phase ihres Fachwechsels zum Sopran kommt ihr der liebestolle Montecchi-Sproß ideal entgegen, kann sie hier doch ihr voll erhalten gebliebenes Mezzo-Fundament geschickt mit den der Sopranlage naheliegenden Passagen verbinden und auch auf die im 19.Jahrhundert übliche Praxis wechselnder Einsätze in beiden Stimmfächern verweisen. So bewegt sie sich mit stupender Leichtigkeit zwischen den perfekt ausgeglichenen Registern von der satten Tiefe bis in die pfeilgenau attackierten Höhen. Dazu kommt der von ihr gewohnt reiche Ausdruck durch eine einfühlsame und von weitem Atem erfüllte Phrasierung, wie sie bei Bellinis melodie lunghe besonders ausgeprägt ist. Auch in der Präsenz vereint sie den gefühlvollen Liebhaber wie den um Julia kämpfenden Heißsporn mit spürbarem Feuer. Alles in allem ist das Weltklasse-Format, neben dem sich die jüngeren aus Opernstudios hervorgegangenen oder kurz vor ihrem Studien-Abschluss stehenden Mitstreiter nicht zu verstecken brauchen.

Aleksandra Domashchuk ist eine attraktive und mit einem aparten, glitzernd hellen Sopran ausgestattete Julia, die über schwebende lyrische Fähigkeit genauso verfügt wie über zupackend runde Fülle und Kraft, wenn sie im Dialog oder Ensemble Farbe bekennen muss. Zu Herzen gehend  ihr Abschied von Romeo und ihr Selbstmord mit dessen Messer. Da bedarf es nur noch der des Feinschliffs im Detail. Im Duett harmoniert die Ukrainerin bestens mit der Stimme Romeos.

Auch Massimo Frigato dürfte in den nächsten Jahren im Belcanto-Fach von sich hören machen. Nebst seiner dominierenden Körpergröße und seiner herausfordernden Verkörperung von Romeos Kontrahent Tebaldo, entfaltet er einen gut durchgebildeten Tenor mit klarer Linie und kernig sitzendem Spitzenregister. An der Differenzierung der Tongebung wäre noch zu arbeiten.

Mit 25 Jahren der Jüngste im Bunde und dank guter Maske sowie bereits erstaunlich gesättigtem Bass ist Shaoyu He ein glaubhaft seriöser Capellio.

In Kenntnis der vollen Besetzung der Oper gibt es nichts, was das Werk in seiner Ausprägung und Wirkung im Kammerspiel-Gewand einschränkt.

Nicht nur die ausgewachsenen  Stimmen, auch der ausdauernde Jubel des Publikums erschütterte das kleinste Theater in seinen Grundfesten. Auf dass es bald wieder so sein wird!

 Udo Klebes

 

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