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WEIMAR: WIE WERDE ICH REICH UND GLÜCKLICH – Kabarett-Revue von Mischa Spoliansky

11.02.2016 | Operette/Musical

WEIMAR: WIE WERDE ICH REICH UND GLÜCKLICH – Kabarett-Revue von Mischa Spoliansky am 11.2. 2016(Werner Häußner)

 Absolutes Elend trotz staatlicher Grundsicherung. Immer mehr Menschen, die akut durch Armut gefährdet sind. Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler an der Uni Köln, hat vor einigen Tagen in der „Frankfurter Rundschau“ auf solche Entwicklungen hingewiesen. Auf der anderen Seite stehen Meldungen über den wachsenden Reichtum einer kleinen Minderheit, die aufklaffende Schere zwischen Arm und Reich, die Abstiegs- und Verarmungsängste der Mittelschicht. An all das erinnert man sich, wenn man am Nationaltheater Weimar die ärmliche Mansarde erlebt, in der Lis und Kibis hausen – und seit sieben Monaten keine Miete mehr zahlen konnten.

Auch wenn die Armut im Berlin der „roaring twenties“ noch ein ganzes Stück brutaler war als heute: Die Negativ-Kreisläufe von Arbeitslosigkeit, Armut, sozialer Verwahrlosung und charakterlicher Verrohung kommen uns merkwürdig bekannt vor. Die Frage, wie ich reich und glücklich werde, die Mischa Spoliansky und Felix Joachimson in ihrer 1930 passend zur Weltwirtschaftskrise uraufgeführten „Kabarett-Revue“ stellen, liegt so weit weg nicht. Die Antwort des Stücks ist illusionslos realistisch: Arm gehört zu arm und reich zu reich, auch wenn es dem charakterlich ambivalenten Kibis gelingt, durch Chuzpe und Kaltschnäuzigkeit aufzusteigen. Dass er am Ende zu seiner Lis, die er für die Aussicht auf Reichtum aus seinem Leben entfernt hatte, zurückkehrt, ist ein sentimentales Trostpflaster für die Menschen, die damals von der Revue ein wenig Trost und Gefühl für ihren Alltag erhofften. Die Weimarer Inszenierung von Christian Weise lässt das Stück denn auch mit einem musikalischen Missklang enden – ob Glück und Reichtum dauerhaft sind, bleibt offen.

Das „Rezept“ für umfassendes Lebensglück kommt, der modernen Massen- und Industriegesellschaft entsprechend, auch nicht mehr aus Philosophie, Lebensweisheit oder Bibel. Sondern aus einem Postwurf-Reklamebrief. Den dort beworbenen Leitsätzen folgen der mittellose Kibis und die begüterte Marie, der eine in einer prekären Liaison mit Lis, die andere hoffnungslos alleine zwischen zwei aufs Autogeschäft fixierten Männern: ihrem pragmatischen Vater und dem geschäftlich passenden, zur romantischen Zweisamkeit aber ziemlich ungeeigneten Branchenfreund F. D. Lohrenz. Die Befolgung der Rezepte – aktuelle Selbstoptimierung-Strategien grüßen herüber – führt den Habenichts und die Frustrierte zusammen zu schneller, überraschender Ehe. Dass die Verbindung spätestens zwischen den Dünen von Sylt keinen Bestand mehr hat, wundert nicht …

Weise macht aus „Wie werde ich reich und glücklich“ in Weimar eine überdrehte, schräge Show, gewürzt mit den Übertreibungen von Slapstick und Boulevard, verschattet von grotesken Elementen aus Stummfilm und Zwanziger-Jahre-Theater. Die Bühne von Martin Miotk ist eine schwarz gezackte Stadtlandschaft, erinnert an die bizarr-zudringlichen Linien der Stadtbilder von Ernst Ludwig Kirchner oder Otto Dix. Die Musiker sind wie eine Showkapelle zwischen die Pappeschilder montiert, die den Illusionismus, den Kulissencharakter genauso betonen wie die zentrale Treppe als unverzichtbarer Auftrittsort des Stars. Ins Groteske gesteigert sind auch Kostüme (Andy Besuch) und Accessoires. Wenn sich der zum wunderlichen Ballon aufgeblasene Lohrenz in ein überdimensionales Tortenstück schmeißt und schmatzend wie ein Schwein ein „Frühstück“ verdrückt, erzeugt das Lacher wie ein Slapstick, hat aber auch den Hauch des Erbärmlichen und Unheimlichen.

Es sind keine lebendigen Menschen, die auf der Bühne über-agieren. Es sind weiß geschminkte Typen, überindividuelle Exzesse eines gesellschaftlichen Prozesses, der sie längst enthumanisiert hat. Wenn Lis um ihre Liebe trauert, sehen wir den weinenden Clown vor uns; wenn Kibis im geklauten, knallend gelbgoldenen Anzug in die „bessere“ Gesellschaft einschleicht, blicken wir auf einen attraktiven Mephisto. Mit dickem Schwarz umrandete Augen, mit laszivem Blutrot herausgeschminkte Lippen unterstreichen noch den maskenhaft-dämonischen Zug der Gesichter. Weise führt uns eine Parabel vor, er hebt die unterhaltende Story Joachimsons ins Gleichnishafte, ohne sie freilich komplett in die Brecht’sche Entfremdung oder das distanzierte Sinnspiel zu überführen. Die Balance jedenfalls funktioniert; Nachdenkliches und Amüsantes greifen ineinander, von einigen Stellen abgesehen, an denen das Timing die Spannung attackiert.

Weimar hat das Glück, Spolianskys Revue mit geradezu idealen Darstellern besetzen zu können: Simone Müller ist die passende Mischung aus „süßem Mädel“ und „kesser Göre“, bringt mit hoher, kindlich gefärbter Stimme die unverdorbene Naivität von Lis über die Rampe – eine junge Frau, der die Umstände zwar der äußere Wohlstand vorenthalten, die sich den inneren Reichtum aber nicht kaputtmachen lässt. Winnie Böwe, ganz auf „moderne“ Schönheit getrimmt, hat den Gestus der Stummfilm-Diva und die schnoddrige Art der reichen Tochter, die kokett und schmallippig selbstverständlich erwartet, dass ihre Bedürfnisse erfüllt werden. Nora Quest als Nummerngirl verkörpert die kommerzielle Reduktion der Frau zur Trägerin sexuell konnotierter Primärsignale – glamourös und gnadenlos zynisch.

Fridolin Sandmeyer bewährt sich als Komödiant genauso wie als zielgerichteter, moral- und illusionsloser Aufsteiger; seine Nummer beim „Aufstieg“ auf die Treppe des Erfolgs ist ein virtuoses Stück Körpertheater. Uwe Schenker-Primus ist im wahrsten Sinn des Wortes eine Bombe, geht mit seiner obelixhaften Körperverkugelung ebenso geschickt um wie mit den Möglichkeiten seiner Stimme. Bernd Lange als Geheimrat Regen verkörpert die unerschütterliche Selbstsicherheit der herrschenden Klasse. Tobias Schormann vollbringt in diversen Rollen wahre Wunder an Wandlungsfähigkeit, bis er als gespenstischer Standesbeamter die Show zum Finale begleitet.

Dirk Sobe leitet die zehnköpfige Band vom Klavier aus. Jens Dohle und Christoph Reuter legen als Arrangeure Wert auf knackige Rhythmen und einen Sound, der die Vorbilder der Zwanziger Jahre aufgreift, aber nicht nur imitiert. Vermissen muss man die Saxophone, die den Ton der damaligen Tanzkapellen „modern“ gemacht haben und auch auf Spoliansky-Schellackplatten prominent zu hören sind. Nach knapp drei rasch verflogenen Stunden bleibt der Eindruck, dass uns die Unterhaltung der Zeit, der die Stadt ihren Namen gegeben hat, noch eine Menge zu sagen hat.

Werner Häußner

 

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