Weimar, Jugend- und Kulturzentrum „mon ami“, 16.–21. Juli 2026

Copyright: Lyric Opera Studio Weimar
Zauber, der ansteckt: Das Lyric Opera Studio Weimar begeistert mit „Die Zauberflöte“
Vier Vorstellungen, vier Mal ausverkauftes Haus, vier Mal ein Publikum, das am Ende nicht mehr sitzen bleiben wollte: Die Neuproduktion von Mozarts „Zauberflöte“ durch das Lyric Opera Studio Weimar hat im „mon ami“ in Weimar gezeigt, wie lebendig und unmittelbar dieses über zweihundert Jahre alte Werk noch immer wirken kann. Die musikalische Leitung lag in den Händen von Olaf Storbeck, am Klavier begleiteten Brendan Kennedy und Jose Kercadio.
Ein Ensemble aus aller Welt
Was diese Produktion besonders auszeichnet, ist die internationale Zusammensetzung des Ensembles. Sängerinnen und Sänger aus zahlreichen Ländern trafen hier aufeinander – unterschiedliche Stimmschulen, unterschiedliche Temperamente, und doch verschmolzen sie zu einem erstaunlich homogenen Klangbild. Gerade bei einem Werk wie der „Zauberflöte“, das zwischen Märchenoper, Freimaurersymbolik und Volkstheater changiert, erwies sich diese Vielstimmigkeit als Gewinn: Die Königin der Nacht, Tamino, Pamina, Papageno – jede Partie brachte eine eigene klangliche Farbe mit, ohne dass die Ensembleharmonie darunter litt.

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Eine Regie mit Witz und Wiedererkennungswert
Den entscheidenden Anteil an diesem Erfolg trägt die Regie von Damon Nestor Ploumis, der der „Zauberflöte“ eine unverwechselbare, humorvolle Handschrift verleiht. Schon bevor die Musik einsetzt, macht Ploumis klar, dass hier niemand bloß ehrfürchtig vor dem Kanon knien wird: Auf einem Einrad rollt er selbst vor Beginn der Vorstellung durchs Haus und begrüßt das Publikum – ein kleiner, aber wirkungsvoller Regieeinfall, der die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum von der ersten Sekunde an auflöst und die Stimmung im Saal spürbar lockert. Nach dem Schlussapplaus wiederholt sich das Bild: Ploumis rollt noch einmal herein, diesmal um sich gemeinsam mit seinem Ensemble zu verbeugen, und setzt damit dem Abend eine ebenso verspielte wie liebevolle Klammer auf. Dieser leichte, nie aufgesetzte Humor zieht sich durch die gesamte Inszenierung: Ploumis nimmt Mozarts Märchenoper ernst, ohne sie mit Ernsthaftigkeit zu erdrücken, und findet für Papagenos komödiantische Szenen ebenso treffsichere Bilder wie für die feierlicheren, ritualhaften Momente rund um Sarastro und die Priesterschaft. Dabei gelingt Ploumis etwas, das keineswegs selbstverständlich ist: Er verbindet spürbare Disziplin mit ebenso spürbarem Spaß. Die Abläufe sitzen präzise, die Personenführung ist klar durchdacht – und doch wirkt nichts erzwungen oder abgezirkelt, sondern immer, als hätten die Beteiligten selbst Freude an dem, was sie tun. Diese Balance zeigt sich auch in der Chorregie: Mal singt der Chor von der Bühne, mitten im szenischen Geschehen, mal erklingt er unerwartet vom Balkon herab – ein räumlicher Kniff, der den Zuschauerraum selbst zum Teil der Inszenierung macht und dem Klang eine zusätzliche Dimension verleiht, ohne die musikalische Präzision zu gefährden. Das Ergebnis ist eine Regie, die junges, internationales Publikum ebenso anspricht wie langjährige Opernliebhaber. Ein schmaler Grat, den Ploumis mit sichtbarer Souveränität meistert.
Spielfreude und darstellerische Präsenz

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Bemerkenswert war auch, mit welcher darstellerischen Reife die Studierenden des Lyric Opera Studio ihre Partien ausfüllten. Gerade bei einem Werk, das seine Wirkung stark aus dem Zusammenspiel von Musik und szenischer Aktion bezieht, braucht es mehr als schöne Stimmen – es braucht Timing, Körperlichkeit und die Bereitschaft, sich auf die von Ploumis vorgegebene, leichtfüßige Spielweise einzulassen. Genau das gelang dem jungen Ensemble überzeugend: Die komödiantischen Szenen saßen im Timing, die stilleren, symbolisch aufgeladenen Momente der Prüfungen entwickelten dennoch Tiefe und Ruhe. Man merkte den Studierenden an, dass sie nicht nur ihre Partien einstudiert, sondern sich auch als Ensemble gefunden hatten – ein Zusammenspiel, das über die vier Abende hinweg immer sicherer wirkte.
Gesangliche Qualität auf hohem Niveau

Copyright: Lyric Opera Studio Weimar
Auch sängerisch bewegte sich der Abend auf einem Niveau, das man bei einer Studioproduktion nicht überall erwarten würde. Die Stimmen führten sicher durch Mozarts anspruchsvolle Partien, mit sauberer Intonation, differenzierter Phrasierung und einem Gespür für die jeweiligen Stilebenen, von der virtuosen Höhenattacke der Königin der Nacht bis zum warmen, lyrischen Ton, den Tamino und Pamina für ihre großen Momente brauchen. Auch die kleineren Partien blieben nicht bloß Beiwerk, sondern trugen mit klarer stimmlicher Zeichnung zum Gesamtbild bei. Besonders hervorzuheben ist der Chor, der über den gesamten Abend hinweg ausgezeichnet disponiert war: homogen im Klang, präzise im Einsatz und – ob von der Bühne oder vom Balkon aus – stets mit voller Klangkraft präsent. Dass dabei so viele unterschiedliche Stimmschulen und Sprachprägungen zusammenkamen, tat der musikalischen Geschlossenheit keinen Abbruch, im Gegenteil, es verlieh der Aufführung eine besondere klangliche Vielfalt.

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Vier Abende, ein Sog
Dass alle vier Vorstellungen restlos ausverkauft waren, ist für eine Studioproduktion keine Selbstverständlichkeit und spricht für sich. Doch entscheidender als die Auslastung war die Reaktion im Saal selbst: An keinem der Abende ließ die Spannung nach, das Publikum folgte dem Geschehen mit spürbarer Konzentration und ebenso spürbarer Freude. Die Balance zwischen den ernsten, initiatorischen Zügen der Handlung und dem komödiantischen Element, das vor allem Papageno trägt, gelang so überzeugend, dass beide Register ihr Publikum fanden. Die einen ließen sich von der symbolischen Tiefe der Prüfungen Taminos berühren, die anderen johlten bei Papagenos Auftritten.
Standing Ovations als Ausrufezeichen
Am Ende jeder der vier Aufführungen erhob sich das Publikum zu stehenden Ovationen. Ein Bild, das sich in dieser Konsequenz nicht von selbst einstellt, sondern erarbeitet werden muss. Es war die Summe vieler Details: sauber geführte Stimmen, eine Klavierbegleitung, das den Sängerinnen und Sängern Raum ließ, ohne an Präsenz zu verlieren, und ein Ensemblegeist, der über die Bühne hinweg spürbar war. Gerade als Studioproduktion – also als Format, das jungen, oft noch am Anfang ihrer Karriere stehenden Kräften eine Bühne gibt, ist ein solcher Publikumserfolg bemerkenswert.
Fazit
Das Lyric Opera Studio Weimar hat mit dieser „Zauberflöte“ wieder einmal bewiesen, dass internationale Besetzung und junge Stimmen keineswegs im Widerspruch zu künstlerischer Reife stehen müssen. Vier ausverkaufte Abende, ein begeistertes Publikum und stehende Ovationen an jedem einzelnen Termin sprechen eine deutliche Sprache: Diese Produktion hat nicht nur unterhalten, sondern berührt und lässt auf kommende Projekte des Studios mit Spannung blicken.
Thomas Janda

