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WEIMAR: GÜLDENER HERBST – Festival alter Musik in Thüringen

05.10.2020 | Konzert/Liederabende

Güldener Herbst, Festival alter Musik in Thüringen

Die ACADEMIA MUSICALIS THURINGIAE veranstaltet nun schon zum 23. Mal das Festival „Güldener Herbst“ mit einem jeweils eigenen Motto. Ziel ist es, in Vergessenheit geratene, schöne Musik aus thüringischen Archiven an authentischen Orten zum Erklingen zu bringen. Ein Blick auf die Komponisten dieser Zeit zeigt, wie europäisch Thüringen schon vor 300 Jahre war.

Die künstlerische Leitung ist von Frau Professorin Dr. Hellen Geyer auf Gerd Amelung übergegangen. Wie der Herbst die Natur in einem goldenen Kleid neu verwandelt, wurde auch der „Güldene Herbst“ mit einem neuen Format versehen. Die Musikfreunde alter Musik verdanken nun schon seit 23 Jahren vor allem Frau Professorin Dr. Geyer eine Stabilität an guter Alter Musik in Thüringen.

Wie damals die Pest belastet heute die Pandemie die Gesellschaft. Und so ist in diesem Jahr der Pandemie ist alles anders und die Besucher des Festivals konnten trotzdem Einmaliges erleben. Musik gibt mehr als es im Alltag oft auffällt.

Mit dem Generationswechsel in der musikalischen Leitung auf Gerd Amelung wurde auch die Konzeption verfeinert, ohne dass die musikalische Qualität hierbei Abstriche machen musste. Wo erleben wir das in der Kultur heute noch?

Was ist neu am Festival? Nein! Gott sei Dank kein Livestream mit dem Verlust an Unmittelbarkeit. Es hat etwas mit der historischen Struktur von Thüringen selbst zu tun und so wird Geschichte mehrfach spürbar. So war Thüringen in den Zeiten der Alten Musik in vielen Fürstentümer unterteilt und so gab es auch viele Residenzen mit jeweils eigenen Höfen und der dazu gehörenden Musik. Genau hieraus ergibt sich die neue und auch überzeugende Anpassung des Festivals. Erstmal wurde das Festival nur an einem Ort als Schwerpunkt ausgetragen. Dieses Jahr ist es die Stadt Gotha gewesen und im nächsten Jahr wird es Meiningen sein.

Aber der Prolog des Festivals war mit dem Eröffnungskonzert am 1. Oktober in der Stadtkirche St. Peter und Paul (Herderkirche) im Weimar, den Sitz der ACADEMIA MUSICALIS THURINGIAE. Die Kirche gehört seit 1988 als Teil des Ensembles Klassisches Weimar und dem Altarbild von Cranach zum UNESCO-Welterbe. Schon deswegen lohnt sich jeder Besuch der Kirche.


„Ensemble Hofmusik“. Foto: Guido Werner

Auf dem Programm standen Kantaten zum Michaelisfest von Georg Anton Benda und Gottfried Heinrich Stölzel. In der Summe wirkten sie nacheinander über 58 Jahre in der Funktion als Kapelldirector oder Kapellmeister am Gothaer Hof. Der Brückenschlag von Weimar nach Gotha zeigt sich hier auf.

Neben dem Johan-Sebastian-Bach-Ensemble Weimar und dem Ensemble Hofmusik unter der Leitung von Johannes Kleinjung waren die Solisten Anna Kellnhofer (Sopran), Annekathrin Laabs (Alt), Christian Pohlers (Tenor) und Clemens Heidrich (Bass), der mir am besten gefiel.


„Frau Professorin Hellen Geyer, Gerd Amelung und Ministerpräsident des Landes Thüringen Bodo Ramelow“. Foto: Guido Werner

„Auf die Liebhaberinnen und Liebhaber der Alten Musik wartet ein künstlerisch anspruchsvolles Festivalwochenende“, so Ministerpräsident Bodo Ramelow, der das Festival Güldener Herbst am Freitag, den 2. Oktober, mit einem Grußwort eröffnet. „Gotha ist mit seinem reichen Kulturerbe aus der Zeit des Barocks der ideale Ort für eine „Musik.Liaison“, so Ramelow weiter.

Neben dem Prolog besuchte ich noch das Abschlusskonzert in der Schlosskirche Gotha, die die älteste protestantische Kirche wohl ist. Das Programm des Abends „Liasion amoureuse: Gotha Böhmen“ war mehr als das Versprechen des Ministerpräsidenten Ramelow. Wir hörten Lore Binon (Sopran) und das Collegium Marianum Prag unter der Leitung der herausragenden Solo-Flötistin Jana Semerádová.

Bereits das Stück von Johann Friedrich Fasch, die Ouvertüre D-Dur FWV K. D16, offenbarten, welches Glück das Publikum hatte, dass das Ensemble in Gotha spielen konnte, da Prag ja erst kürzlich zum Risikogebiet erklärt wurde. Harmonisches und ein einheitliches Klangbild, jedoch transparent bis ins letzte Detail ließ das Ensemble in der Ouvertüre seinem Publikum einen wahren Ohrenschmaus genießen. Der Höhepunkt des Abschlusskonzertes stellte aber das Werk von Franz Benda Concerto in e-Moll für Flöte solo, Streicher und b.c., Allegro con brio – Adagio – Presto dar. Getragen von nicht endend wollenden Klängen der Flöte, die spielerisch leicht Töne auf einem endlosen und unbegreiflichen Atem präsentierte. Die Musik gab dem Publikum über jedes Maß musikalische Freude. Jana Semerádová und das Ensemble gaben ihre Brillanz und Virtuosität zur Schau, die ich nur bewundern kann. Welch meisterhafte Beherrschung des Stiles. Brava!


Abbildung 1

Zu Recht gab es einen langanhaltenden Applaus vom Publikum. Was das Publikum am 4. Oktober erleben durfte, ist keine Selbstverständlichkeit, aber hatte eine spielerische Leichtigkeit, die nur von dem Herzen des Ensembles ausgehen konnte.

Es war einer meiner besten Konzerte, die ich in den letzten Jahren besucht habe und weckt den Wunsch, den nächsten Güldenen Herbst im Meiningen zu erleben.

Weimar, den 5. Oktober 2020

Olaf Schnürpel

 

 

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