DNT Weimar/Vorstellung am 24.05.24/ Il trittico – das Triptychon
IL TABARRO · SUOR ANGELICA · GIANNI SCHICCHI // Opernzyklus von Giacomo Puccini

Copyright: DNT Weimar
Il trittico von Giacomo Puccini
Die Vorstellung beginnt mit dem Auftritt eines Dramaturgen, der Krankheitsvertretungen und die leichten Indisponierungen einiger Sänger/innen bekannt gibt.
Puccinis „Il trittico“ besteht aus drei Einaktern.
„Il tabarro“ ist ein tragischer Einstieg in das Triptychon, „Suor Angelica“ der lyrische zweite Akt und „Gianni Schicchi“ der heitere Abschluss der dreiteiligen Kombination.
Es ist schon erstaunlich, dass das DNT Weimar ein solches Opus Magnum aufführt. Denn in der Regel führen die meisten Opernhäuser nur ein Stück auf. Sehr beliebt ist „Gianni Schicchi“.
Regisseur Dirk Schmeding setzt alle drei Stücke mit großer Intensität um. Bei „Il tabarro“ („Der Mantel“) setzt er auf ein collagehaftes Setting, bei dem der Zuschauer sich längere Zeit fragt, wohin die dramaturgischen Wege denn gehen sollen. Umso brachialer geschieht der Mord an dem Nebenbuhler und die grausame Enthüllung bricht über die Zuschauer herein.
„Il tabarro“ ist der tragische Einstieg in das Triptychon. Ort der Handlung ist ein Schleppkahn am Ufer der Seine. Der Schiffer Michele liebt seine etwas jüngere Frau Giorgetta von ganzem Herzen. Sie hat jedoch eine Affäre mit dem Arbeiter Luigi. Nachdem Giorgetta ihren Mann eines Abends zurückweist, verhärtet sich Micheles Verdacht und pure Verzweiflung übermannt ihn. Etwas später entdeckt er Luigi, erwürgt ihn und wickelt den Leichnam in seinen Mantel. Als Giorgetta Geräusche hört und an Deck kommt, bittet er sie, sich zu ihm unter seinen Mantel zu setzen. Giorgetta erkennt den Leichnam ihres Liebhabers Luigi und schreit laut auf.
Die Bühne von Ralf Käselau und die Kostüme von Julia Rösler vermitteln eine düstere Atmosphäre. Regisseur Dirk Schmeding versteht es, die Zuschauer zu gleichzeitig zu irritieren und zu fesseln, bis die Katastrophe eintritt. Die Mantelenthüllung wird zum Donnerschlag.
Gabriele Mangione als Luigi hat eine der sängerisch anspruchsvollsten Tenor-Partien und meistert diese sehr souverän. Ihm steht Alik Abdukayumov als Michele gegenüber, der ebenfalls stimmlich überzeugend den verratenen Ehemann verkörpert. Camila Ribero-Souza als Giorgetta hat ihre Rolle verinnerlicht und kann auch stimmstark bei den Orchesterwogen mithalten, obwohl die hohen Töne manchmal etwas scharf und brüchig wirken. Ihr Sehnen nach Lebendigkeit endet im katastrophalen Moment der Mantelenthüllung.
Unter der musikalischen Leitung von Andreas Wolf entwickelt die Staatskapelle Weimar ein farbiges Klangbild, das alle Facetten der Partitur widerspiegelt. Andreas Wolf begleitet alle Figuren mit ihren individuellen Ausdrucksweisen sehr präzis, da hat es sich wirklich ausgezahlt, dass er im Probenprozess schon aktiv mitgearbeitet und so den erkrankten Dirigent Dominik Beykirch problemlos ersetzen konnte. Die reibungsvollen, dissonanten Klänge beherrscht Andreas Wolf ebenso wie die parallel geführten Stimmen in weiten Melodiebögen am Ende des Stückes. Von gegenläufiger Rhythmik bis zum wohldosierten Klangrausch aus Akkordlawinen fügt er mit entschiedener Hand einen ungewöhnlichen Puccini-Sound zusammen. Das ist vor allem in diesem „Mantelstück“ bemerkenswert.
Seinem Dirigat folgen Anna-Maria Dur, Taejun Sun, Gabriel Pereira und Natalie Image mit stimmlicher Präzision.

Foto: Candy Welz/DNT Weimar
„Suor Angelica“ („Schwester Angelica“) ist der lyrische zweite Akt von „Il trittico“. Die Oper spielt in einem Kloster in der Nähe von Siena. Während Angelica den Kräutergarten des Klosters pflegt, bemerkt Schwester Genovieffa, dass die drei „Abende des vergoldeten Brunnens“ wieder beginnen. Das ist jene Zeit, in der die Sonne den Wasserstrahl des Brunnens golden verfärbt. Zwischen den Nonnen kommt es zu einer Diskussion darüber, ob es in Ordnung wäre, Wünsche zu haben. Angelica erklärt, dass sie keine hätte, doch die anderen glauben ihr nicht. Zur großen Überraschung Angelicas, die einst eine Adelige war, bekommt sie Besuch von ihrer Tante. Diese erklärt ihr, dass Angelicas uneheliches Kind vor zwei Jahren gestorben sei. Um wieder mit ihrem Sohn vereint zu sein, nimmt sich Angelica das Leben. Im Augenblick ihres Todes begrifft sie aber auch, wie falsch ihre Tat war.
Hier vermittelt die Bühne von Ralf Käselau und die Kostüme von Julia Rösler eine sehr reduzierte Atmosphäre, die sich ganz auf die handelnden Figuren konzentriert. Die pinkfarbene Nonnenkleidung hebt sich dabei intensiv von dem grellweißen Bühnenhintergrund ab. Das lässt eine sehr präsente Atmosphäre entstehen und die Charaktere der Protagonisten für den Zuschauer deutlich hervortreten.
Regisseur Dirk Schmeding wendet hier eine sehr gestisch pointierte Personenführung an und zieht so das Publikum in das Geschehen hinein.
Vor allem die gesangliche Auseinandersetzung zwischen Schwester Angelica, Heike Porstein und ihrer Tante, Anna-Maria Dur wird zum Aufeinandertreffen zweier Lebenshaltungen und Charaktere. Angelica, die Büßende und Sehnsüchtige, trifft auf ihre kaltherzige Tante, die ausschließlich auf ihr Äußeres und ihren gesellschaftlichen Status ausgerichtet ist.
Heike Porstein als Schwester Angelica meistert die Herausforderung dieser Titelpartie, die darin besteht, der Sterbe-Entscheidung Angelicas Plausibilität zu verleihen. Mutterliebe, Verzweiflung, Tod und Erlösung, das alles packt sie in ihre Stimme und überzeugt damit das Publikum. Gleichfalls überzeugend ist der Auftritt von Anna-Maria Dur als Principessa, die kalt und von Statusdünkel beherrscht den schauspielerischen und sängerischen Gegenpart bildet. Gemeinsam sind sie ein überwältigendes Kontrastprogramm.
Andreas Wolf arbeitet die sphärischen und leuchtenden Klänge mit dem Orchester heraus und kann auch für die Gestaltung der Klosterwelt die fast kammermusikalischen Verfeinerungen gut herausarbeiteten. Die Staatskapelle Weimar brilliert mit hellen Klangfarben bei den Bläsern und Streichern. Die lyrischen Momente sind besonders schön bei Harfe, Glockenspiel, Triangel und Celesta.
Perfekt harmonieren dazu: Sayak Shigeshima, Sarah Mehnert, Tatjana Winn, Ylva Stenberg, Silvia Schneider, Franziska Löber, Anne Weinkauf, Katrin Niemann und Annegret Schodlok, Pia Jauernig, Janis Gutiérrez als weitere Nonnen.
„Gianni Schicchi“ ist der heitere Abschluss des Triptychons und spielt im Haus des verstorbenen Buoso Donati, dessen Verwandtschaft feststellt, dass er seinen ganzen Besitz einem Kloster vermacht hat. Am traurigsten sind Lauretta und Rinuccio, die unsterblich ineinander verliebt sind. Ohne die Erbschaft bekommt Rinuccio von seiner Tante Zita niemals die Bewilligung, Lauretta, die Tochter von Gianni Schicchi, zu heiraten. Eine List von Schicchi soll die Sache retten: Er legt sich – als Buoso Donati verkleidet – ins abgedunkelte Zimmer. Natürlich vermacht er sich selbst den größten Anteil. Die wütenden Erben werden aus dem Haus gejagt, nur das glückliche Paar bleibt zurück.
Die Szene eröffnet bildmächtig mit dem an der Zimmerdecke hängenden Buoso (Andreas Behrens). Aus dem Zuschauerraum ist eine Menge weibliches Gekicher zu hören.
Zum Stern des Abends wird der Vertretungs-Sänger Peter Schöne als Gianni Schicchi, weil er gerissen und kriminell wirkt, aber auch köstlich liebenswürdig. Das Publikum zeigt sich fasziniert, wenn er seine Stimme zum Diktat des gefälschten Testaments mit ziegenhaft meckernder Stimme verstellt.
Wenn Ylva Stenberg als Lauretta ihren „babbino caro“ besingt, dann hätte es ein wenig mehr „Schmelz“ geben können.
Auch Taejun Sun als Rinuccio, zeigt eine sehr akzeptable Leistung, obwohl er auch vor Beginn als „etwas angeschlagen“ angemeldet wurde.
Die Besetzung aller Nebenrollen wirkt als Erbschleicher-Brigade sehr überzeugend. Gier und Listigkeit macht sie zu sichtbar Getriebenen. Das korrespondiert sehr gut mit der kriminellen Verstellung Gianni Schicchis. Das genau abgestimmte Tempo trägt zu einer fortlaufenden Heiterkeitssteigerung bei. Hier hat Regisseur Dirk Schmeding wirklich präzise Arbeit geleistet, die sich in einem Humorfeuerwerk auszahlt.
Jörn Eichler als Gherardo und Natalie Image als Nella tragen zum Publikumserfolg des dritten Stückes bei. In den kleineren Rollen leisten alle Darsteller überzeugende Darsteller-Arbeit: Oleksandr Pushniak Jr. (Mitglied der schola cantorum), Lukasz Konieczny, Edgars Ošleja, Yuriy Hadzetskyy, Sarah Mehnert, Nathaniel Kondrat, Oliver Luhn, Vahé Hakhverdian und Frank Uhlemann.
Unter der musikalischen Leitung von Andreas Wolf intoniert die Staatskapelle Weimar vor allem die melodischen Bögen und die temporeiche Tutti-Passagen mit spannungsvoller Dynamik. Wenn die gierige Familie auftritt, dann gelingt es Andreas Wolf die deutlich dissonanten Akkorde für die Verlogenheit dieser Erbschleicher-Bande zu unterstreichen. Die Klang- und Sinneswahrnehmung des Publikums wird enorm angeregt.
Regisseur Dirk Schmeding erweist sich mit seiner Inszenierung am DNT Weimar als ein Virtuose der Situationskomik, der tadellos humorige Blicke in die Abgründe familiärer Gier und Niedertracht gewährt.
Insgesamt ist Dirk Schmeding und dem Ensemble gemeinsam mit der Staatskapelle Weimar unter Andreas Wolf ein spannender und hoch emotionaler Abend gelungen. Das Publikum dankt mit viel Applaus. Dazu hatte eine Leuchtschrift im Bühnenbild ja auch aufgerufen.
Insgesamt ist das eine lohnende Inszenierung, die noch gesehen werden kann am:
30.5., 6.6.2024, jeweils 19 Uhr.
Thomas Janda

