Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WEIMAR/ Deutsches Nationaltheater: „HAUSGEMACHT“ – Kammermusik-Matinee der Staatskapelle

24.01.2022 | Konzert/Liederabende

Hausgemacht, Kammermusik-Matinee der Staatskapelle Weimar am 23.01.2022 im Deutschen Nationaltheater

 Unter dem Titel „Hausgemacht“, der etwas grobschlächtig wirkt und sich eher nach grober Leberwurst anhört, verbirgt sich ein kleines Kompositionsfest von Musiker*innen und Sänger*innen vom Deutschen Nationaltheater und der Staatskapelle Weimar, natürlich auch interpretiert von Musiker*innen und Sänger*innen des Hauses.

Geboten bekam man keine grobe Schlachteplatte, sondern feinste Pastete -ein wahrer Ohrenschmaus. Ich war stark beeindruckt und überrascht – besonders von der Vertonung nach Gedichten von Wilhelm Busch von Jörn Eichler.

weiscn

Aber folgen wir dem Programm. Eröffnet wurde die Matinee mit »Reiseskizzen« von André Kassel. Seit 1986 ist er als Solorepetitor im Haus.  Er präsentierte Spielmusik für Bassetthorn und Streichquartett. Es spielten: Stefan Polster (Bassetthorn), und das »Amalia Quartett«: Barbara Seifert (Violine), Astrid Schütte (Violine), Almut Bormann (Viola), Astrid Müller (Violoncello). Auf einer Reise, die André Kassel mit dem Akademischen Orchester Jena unternahm, entstanden erste Ideen zum Stück. Beschwingt und mit fliegender Eleganz folgte die Reise mit I. Fahrt in vieler Gesellschaft – Verschmitzt, II: Weite – Wiegend, III. Geisterstunde (»Nessum dorma«), IV. Allein -Sehr ruhig und V. Ausgelassen – Sehr geschwinde. Das Werk ist wunderbar durchdacht und glänzt mit einer feinen Linienführung, sehr feinfühlig vom Quartett und dem Solo Bassetthorn gespielt.

Es folgte das »Quartett« Op. 11 von Jan Doormann. Er wurde bereits ein Jahr vor seinem Examen als 1. Solo-Klarinettist in der Staatskapelle Weimar engagiert und Gewann schon als Schüler mehrere Kompositionspreise und -stipendien des Berliner Senats. Gespielt wurde sein Quartett Op.11 – I. Allegro, II. Andante con dolore – Allegro scherzndo – III: Swing – von »Les quatre vents«: Nikolai Jaeger (Flöte), Brigitte Horlitz (Oboe), Marco Thinius (Fagott) und Jan Doormann (Klarinette). Das Quartett ist spieltechnisch höchst anspruchsvoll und trotzdem haben die Musiker*innen das Stück mit glanzvoller Leichtigkeit interpretiert.

Anschließend wurde »Kleine Sweet« das Streichquartett Op. 1 von Raphael Hevicke gespielt. Das Werk besteht aus fünf Sätzen: I. Nicht zu hastig, II. Gemächlich, genießend, III: Flott, aber gehalten, IV. Schnell, aber nicht hastig und V. Relativ gemütlich, aber nicht zu langsam. Seit 2017 ist der Komponist festes Mitglied der Staatskapelle Weimar. Das Stück spielt mit Ironie, Witz und Doppeldeutigkeiten und auch die floskelhaften Satzbezeichnungen knüpfen hier an. Ich weiß nicht, ob Raphael Hevicke selbst eine Violine bei der Matinee gespielt hätte, denn leider war er erkrankt.

» Zu guter Letzt« wurde ich mit der Vertonung von Gedichten von Wilhelm Busch von Jörn Eichler überrascht. Von einem Tenor hätte ich eine Klavierbegleitung erwartet. Aber er selbst schreibt zu seinem Lied-Opus: „Das Streichquartett, die höchste Form der Kammermusik begleitet Texte von Wilhelm Busch? Die sechs von mir gewählten Gedichte aus »Zu guter Letzt« handeln von der Frage, was wir überhaupt verstehen können, bis hin dazu, wie wir die Gewissheit des sicheren Todes ertragen. Wir streifen Moral, Liebeskummer, Versagen von technischen Hilfsmitteln und eine besondere elaborierte Form der Schadensfreude. Buschs Humor hilft uns, dass wir meinen könnten, das Ganze ginge uns nichts an. In der Musik suche ich einen emotionalen Zugang, wo uns der rationale verwehrt bleibt. Busch befasst sich mit nichts anderem als mit dem Mensch-Sein an sich. Gibt es ein passenderes Thema für ein Streichquartett?“ Kann man es besser formulieren? Ich glaube nicht und so brillant ist auch die Vertonung von Jörn Eichler.

Das Publikum dankte es allen Musiker*innen mit langem Applaus. Die Vielfältigkeit und auch Klasse ist bewundernswert.  Es ist ein großartiges Format, was mehr Aufmerksamkeit verdient!

Weimar, den 28. Januar 2022

Olaf Schnürpel

 

Diese Seite drucken