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FLENSBURG/ GALERIE O-39: Was ist Kunst?

Spurensuche im eigenen Werk

20.02.2026 | Ausstellungen

Was ist Kunst? 

Drei Ausstellungen in der Galerie O-39 und keine Antwort

Was ist Kunst? Ich stelle diese Frage nicht nur, wenn ich meine Bilder betrachte. Ich stelle sie mir jedes Mal, wenn ich eine Ausstellung vorbereite, einen Text schreibe oder jemanden dazu einlade, einen Moment lang innezuhalten.

Ist Kunst das große Pathos, der Marktwert, das Auktionshaus? Oder beginnt sie dort, wo jemand ohne Auftrag, ohne Honorar und ohne Garantie auf Resonanz eine Arbeit in die Welt setzt – und hofft, dass sie gesehen wird?

Meine bisherigen drei Ausstellungen in der Galerie O-39 von Torsten Schütt am Ochsenmarkt in Flensburg waren, glaube ich, genau so eine Versuchsanordnung: ein Spiel mit Bildern, mit Texten, mit Mythos und mit der Frage, wie Öffentlichkeit entsteht.

 

Montenegro – Sehen und Verweilen

katzen

„Montenegro“ war die Ausstellung, mit der alles begann. Auf den ersten Blick: Landschaften, Städte, Meer, Licht. Keine grelle Provokation, keine Ironie. Nur genaue Beobachtung und wenig Bildbearbeitung. Ich wollte dieses Land zeigen, so wie ich es selbst sehe: nicht als touristische Postkarte, sondern in Momenten der Ruhe, der Schönheit, der Aufmerksamkeit. Der Charme des Unvollkommenen spielte dabei eine große Rolle.

Später wurden einige dieser Bilder für ein Schulprojekt genutzt. Schülerinnen und Schüler arbeiteten mit meinen Bildern, interpretierten sie, reflektierten. Das war ein Moment, in dem mein Werk aus dem Galerieraum hinaus in ein neues Umfeld wanderte.

Vielleicht ist das ein guter Test für den Wert von Kunst: Sie endet nicht am Rahmen, sondern sie erwacht zum Leben, sobald andere sie aufnehmen.

 

24PicsByMarc – Kalaidoskop aus vielen Jahren meiner fotografischen Arbeit

thread

Bei „24PicsByMarc“ ging es um Auswahl, Entscheidung und Struktur: vierundzwanzig Bilder aus unterschiedlichen Phasen meines fotografischen Schaffens bilden eine Abfolge, in der sie miteinander sprechen, einander widersprechen oder ergänzen. Auf den ersten Blick oft widersprüchliche Titel, die meist erst durch zusätzliche kurze erläuternde Texte Sinn ergeben, öffnen Interpretationsräume. Sie erzeugen einen Dialog zwischen Bild und Wort und lassen den Betrachter eigene Geschichten entwickeln. 

Das Foto eines Fußes im Spitzenschuh trägt da zum Beispiel den Titel Thread – also Faden. Diesen sieht man erst bei ganz genauem Hinsehen. Erläuternd behandelt der Begleittext dazu die Frage, was Kunst eigentlich ist. „Ist es Kunst, eine Ballerina in Helsinki zum Fotoshooting zu bewegen? Ist ihr gestrecktes Bein die Kunst? Vielleicht liegt die wahre Kunst im kleinen, abstehenden Faden, den man nicht entfernt. Weil das Schöne erst lebendig wird, wenn das Unperfekte darin aufscheint – still, ehrlich und echt.“ heisst es da.

 

Ragnarok – was kommt nach dem Ende?

ragnarok

„Ragnarok“ ist die Arbeit, die alles zusammenführt. Großformatig, multimedial,Symbiose aus Text und Fotografie. Eine einsame Figur in einer Eislandschaft. Schwarzweiß. Streng komponiert. Ein vertikaler blauer Streifen durchzieht das Bild wie ein Schnitt durch Raum und Zeit.

Die Figur steht am Rand der Welt, nach dem Ende, zwischen Geschichte und Leere, zwischen dem letzten Echo göttlicher Ordnung und völliger Stille. Die Mystik, die ich hier montiert habe, ist keine religiöse Behauptung, sondern ein Spiel mit Motiven: Richard Wagners Wanderer und Caspar David Friedrichs einsamer Beobachter aus Wanderer über dem Nebelmeer inspirierten mich zu diesem Motiv.

Wenn alles verstummt – was bleibt? Vielleicht nur der Blick, vielleicht nur der Atem, vielleicht nur die Stille.

Für die Inszenierung haben wir zwei künstliche Eisblöcke von einer Hamburger Firma bekommen. Kostenlos. Manchmal entsteht Kunst durch kleine Wunder, die man bei der Konzeption gar nicht mit eingeplant hat.

 

Spiel mit den Medien als Teil der Kunst

Auch das Spiel mit den Medien ist Teil der Arbeit: Pressetexte erschienen in insgesamt drei Sprachen in lokalen Zeitungen, Blogs und internationalen Nachrichten-Portalen. Sie wurden veröffentlicht, gelesen, diskutiert – und erweitern so die Wirkung der Fotografien vom Bild in den Diskurs. Einiges wird wortwörtlich übernommen, anderes frei interpretiert oder von Dritten weiterentwickelt. Außerhalb meiner Kontrolle beginnt meine Kunst auf diese Weise tatsächlich zu leben.

 

Bad Art oder besser gar keine Kunst?

„Bad art is a great deal worse than no art at all.“ sagte einst Oscar Wilde.

Es ist ein Satz, der mich begleitet. Er ist grausam, und er ist ehrlich. Ich verdiene kein Geld mit meinen Arbeiten. Keine Verkäufe, keine Förderungen, kein Honorar. Im Gegenteil. Jede Präsentation kostet und es hätte immer irgendwie noch besser geworden sein können. Jede Präsentation ist eine Momentaufnahme des Bestmöglichen – und zugleich Ansporn für das nächste Projekt. Gerade habe ich eine gesellschaftskritische Weihnachtsausstellung konzipiert, aber leider ist „meine Stammgalerie“ in der infrage kommenden Periode bereits belegt. 

Ist meine Kunst überhaupt etwas wert? Wenn man nach Marktwährung geht: vermutlich nicht. Aber Kunst misst sich nicht nur am Preis. Sie misst sich an dem, was sie auslöst. Wenn Schüler mit meinen Montenegro-Bildern arbeiten. Wenn ein Betrachter in der Hektik seines Alltags innehält, wenn eine Zeitung meine Worte abdruckt. Wenn jemand gar den Galeristen anruft, um sich über das Gesehene auszutauschen. 

Vielleicht ist genau das ihr Wert. Vielleicht liegt er darin, dass sie entsteht, auch wenn niemand dafür bezahlt. Dass sie spricht, auch wenn sie leise ist.

 

Marc Rohde im Februar 2026

 

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