Warschau – JOHANNES Brahms‘ Kantate „RINALDO“ und
Richard Strauss‘ instrumentale „Rosenkavalier“-Version
Warschauer Philharmonie – 12. und 13.1.2024:

Die Warschauer Philharmonie und der Männerchor – vorne in der Mitte der Chordirektor Bartosz Michalowski, der Tenor Marco Jentzsch und der Dirigent Jacek Kaspszyk (c: Sieglinde Pfabigan)
Es war der deutsche Wagner-Tenor Marco Jentzsch, in dessen Terminkalender diese zwei Konzerte aufschienen und uns neugierig machten. Wir hatten zunächst nicht vermutet, dass es sich bei „Rinaldo“ um jene Episode aus der Geschichte der Kreuzritter handelt, die zuletzt Jerusalem für die Christen zurückerobert hatten, nachdem deren attraktiver junger Anführer Rinaldo sich mit Mühe aus den Verführungen der Zauberin Armida gelöst hatte, die ihn zum Verbleib im Lande verführen und damit diesen Sieg unmöglich machen wollte.
Sowohl Händel als auch Gluck haben darüber Opern geschrieben. Und Brahms machte daraus eine Kantate für großen Männerchor und Orchester und einen Tenor in der Titelrolle. Der Text dazu stammt von keinem Geringeren als Johann Wolfgang Goethe. Die Uraufführung fand am 28. Februar 1869 im Großen Redoutensaal der Wiener Hofburg mit dem Wiener Hofopernorchester, dem Akademischen Gesangverein Wien und dem Tenor Gustav Walter unter Leitung des Komponisten mit großem Erfolg statt. Wie nun auch in Polens Hauptstadt, die wir beiden Merkerinnen hiemit als beachtliches Zentrum eines Kulturlandes (wieder-) entdeckt haben.
Es war allein schon eine Freude, das schöne Gebäude der Warschauer Philharmonie im Stadtzentrum kennen zu lernen und bei unseren Stadtrundgängen einem offensichtlich sehr kulturinteressierten Volk zu begegnen. Die unzähligen Museen und Theater, die wunderschönen großen Parks und das riesige Universitätszentrum in der Altstadt sind ebenso beeindruckend wie die sehr freundlichen Menschen.
Das Gebäude der Warschauer Philharmonie ist schon mal außen und innen mit den eleganten Treppenaufgängen und Pausensälen sehr einladend und das ungemein freundliche Personal ebenfalls. Vor der wunderschönen Orgel im Hintergrund der Bühne nahm der Männerchor, links die Tenöre, rechts die Bässe diszipliniertest und sichtlich freudvoll Platz und besetzten die Orchestermusiker die Bühne, sodass gerade noch für den Dirigenten und den Tenorsolisten vorne in der Mitte Platz blieb. Man fühlte sich schon optisch so richtig einbezogen in das musikalische Geschehen, das prächtigst dargeboten wurde.

Marco Jentzsch. Foto: Ursula Szynkariuk
Der Chefdirigent Jacek Kaspszyk hatte von Anfang bis Ende alles optimal in der Hand. Der erste Choreinsatz bestätigte bereits, dass da eine präziseste Einstudierung (Bartosz Michalowski) mit Liebe und Verständnis für die musikalische Aussage vorgenommen worden war – immerhin in deutscher Sprache. Der großgewachsene, fesche schlanke Tenor Marco Jentzsch trug nicht unwesentlich dazu bei, dass die Geschichte glaubwürdig wurde. Wenn er, von Flöte und Oboe begleitet, etwa „Stelle her, der goldnen Tage/Paradiese noch einmal, Liebes Herz! Ja schlage, schlage! Treuer Geist, erschaffe sie wieder! Freier Atem, deine Lieder / Mischen sich mit Lust und Qual.“ – da meint man die besungene Gegend und die geliebte Frau zu erschauen, die mit herrlich leuchtender hoher Stimme besungen wird und wo es nie einen angestrengten Ton zu hören gibt, sodass auch die Wortdeutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt.
Es war herrlich, sich auszudenken, was da bei einer szenischen Aufführung sich alles ergeben würde, auch mit dem großen Chor in Aktion. Und erst, wenn dann das gesamte Ensemble in Aktion tritt, wie z.B. nachdem der Chor Rinaldo mehrmals aufgefordert hat, da der günstige Wind nun die Reise fördere, er aber mit dem Chor und dem vollen Orchester, von Pauken unterstützt singt: „Im Tieften zerstöret,/ Ich hab euch vernommen;/ Ihr drängt mich zu kommen./ Unglückliche Reise! Unseliger Wind!“ – da hebt es einen vom Sitz, ehe dann in stetem Crescendo das Meer durchschwommen ist und zuletzt mit dem Einsatz aller Mitwirkenden, besonders von den Chor-Tenören unterstützt und den Streichern im Großeinsatz, rhythmisch topsicher alle ans Ziel gekommen sind: „Schalle zu dem heiligen Strande/Losung dem gelobten Lande: Godofred und Solyma!“
Kurzum: Ein Werk, das man sehr viel öfter hören möchte!
Wie schön, dass wir die Reprise am nächsten Abend eingeplant hatten.
Nach der Pause, mit noch verstärktem Orchester, von Richard Strauss zunächst die „Träumerei am Kamin“ aus seiner Oper „Intermezzo“ eindringlich und bedenkenswert dargeboten und nachher eine 22-minütige Suite aus der Oper „Der Rosenkavalier“. Das Orchester glitzert geradezu , diesmal zunächst grell, mit hoch agilen Violinen und einem ebensolchen Blech, hernach übergehend in „ohne dich, keine Nacht mir zu lang“ mit wiederholten Violin-Soli, ehe dann der kräftige Walzer den Ochs begleitet bis „Keine Nacht mir zu lang“ wundervoll im Takt mit den ersten und zweiten Violinen, bis die Celli und Kontrabässe sehr tragend überführen zu „ist ein Traum, kann nicht wirklich sein“ und nochmals der Walzer großmächtig mit voller Kraft und schönen Trillern intoniert wird und das volle Orchester noch dreimal an Kraft und Lust zusetzt.
Man konnte diese Ausschnitte aus dem Meisterwerk noch mehr genießen als im Opernhaus, wo einen die Bühne doch häufig vom musikalischen Geschehen ablenkt.
Jubel über Jubel und allseits glückliche Gesichter.
Sieglinde Pfabigan

