WARSCHAU : INTERNATIONALES FESTIVAL CHOPIN UND SEIN EUROPA
vom 20.8. bis 7.9.2025

Der alle fünf Jahre stattfindende CHOPIN WETTBEWERB ist weltweit bekannt. Das ebenfalls (jedes Jahr !) vom NATIONALEN POLNISCHEN CHOPIN INSTITUT veranstaltete Festival CHOPIN UND SEIN EUROPA leider nicht so sehr. Und das ist schade, denn drei Wochen lang wird hier ein äußerst interessantes, raffiniert ausgewähltes Programm auf höchstem internationalen Niveau geboten.
Die Hauptsäule ist natürlich das Oeuvre des Nationalheiligen Fryderik Chopin. Aber die heutige Ausgabe prägten drei weitere wichtige Säulen: 1. nicht so bekannte Werke nicht so oft gespielter Komponisten, 2. eine Reihe mit Konzerten auf Originalinstrumenten und 3. die verdienstvolle Wiederentdeckung des polnischen (im schottischen Exil verstorbenen) Geigenvirtuosen und Komponisten Feliks Janiewicz.
Von den raren Werken gab es gleich zur Eröffnung die 4.Symphonie des bei uns (bis auf seine Oper Krol Roger) nicht wahnsinnig populären polnischen Komponisteh Karol Szymanowski und die (mir völlig unbekannt gewesenen) Orchestervariationen op.26 von Boris Blacher. In der weiteren Folge des Festivals wurde man mit Arnold Schönbergs Ode an Napoleon Bonaparte und Witold Lutoslawski Partita für Violine und Orchester und einer Polonaise von Maria Szymanowska vertraut gemacht. Brahms und Bartok kennst man zwar, aber kennen Sie die späten Intermezzi bzw. die Bagatellen ? Piotr Anderszewski widmete ihnen einen denkwürdigen Abend. Den absoluten Höhepunkt der „Raritäten-Reihe“ stellten aber vielleicht die zwei Konzerte von Yulianna Avdeeva mit den im Musikbetrieb auch nicht unbedingt jeden Tag zu hörenden Präludien und Fugen (I + II) von Dmitry Schostakowitsch dar. Eindrücklichst !
Ein grosses Augenmerk legt der künstlerische Leiter, Professor Stanislaw Leszczynski, auch auf Interpretationen auf Originalinstrumenten, und zwar so sehr, dass er dafür sogar einen eigenen Wettbewerb ins Leben gerufen hat (der nächste findet 2028 statt).
Zwei der Preisträger vorhergegangener Ausgaben traten heuer auch wieder in Warschau auf: der in Deutschland lebende Russe Dmitry Ablogin und der aus Steyr stammende, am Mozarteum studiert habende Martin Nöbauer.
Ablogin spielte mit dem Freiburger Barockorchester Chopins einzige zwei Klavierkonzerte in e-moll und f-moll. Nationalistisch angehauchte Kritiker warfen ihm eine „zu grosse Introvertiertheit“ vor. Was hätten sie wohl gesagt, wenn sie Fryderyk selbst spielen gehört hätten?
Introvertiertheit kann man auch unserem unserem Landsmann Martin Nöbauer nicht absprechen, wobei er das Glück hatte, nicht im Großen Saal der Warschauer Philharmonie auftreten zu müssen, sondern auf einem Hammerklavier im intimeren Kammermusiksaal spielen durfte: naheliegenderweise Beethovens Hammerklavier-Sonate, aber auch eine Auswahl von Chopins Mazurken.
Auf die oft gestellte Frage, warum man diese Werke denn auf Originalinstrumenten spielen sollte, antwortet der junge Mann erstaunlich souverän und überzeugend mit: „Warum denn nicht ? Sie wurden doch dafür geschrieben …!“ Touché.
Für alle, die nicht in Warschau waren, gibt es in der auch von Prof. Leszczynski herausgegebenen CD-Edition Aufnahmen beider Pianisten. Nöbauer hat zusätzlich gerade bei Gramola eine Chopin-CD mit dem schönen Titel „Chanter avec les doigts“ herausgebracht – natürlich auf Originalinstrumenten, darunter auf Pleyel-Flügeln der Internationalen Pleyel-Gesellschaft in Ruppersthal. Ein Hörgenuss !
Zu den großen Verdiensten des Chopin-Instituts zählt es, in den letzten Jahrzehnten viele vernachlässigte polnische Komponisten dem Vergessen entrissen zu haben wie z.B.: Adam Jarzębski, Ignacy Feliks Dobrzyński, Stanisław Moniuszko, Karol Szymanowski etc.etc.
Jetzt ist man gerade an Feliks Janiewicz „dran“, einer außergewöhnlichen Persönlichkeit mit einem aussergewöhnlich interessanten Leben.
1762 in Vilnius geboren, wurde er von König Stanislaw August Poniatowski zum Studium bei Haydn und Mozart geschickt (was das Gerücht bestärkte, er wäre dessen natürlicher Sohn). Als Violonvirtuose gab er Konzerte in Italien und Paris. Dann hatte er gleich doppeltes Pech: in Frankreich brach die Revolution aus und auch in seiner Heimat Polen herrschten Unruhen. Also floh er den europäischen Kontinent und ging nach London, wo er sich fortan Felix Yaniewicz nannte. Er gab Konzerttourneen, heiratete eine Engländerin mit Namen Eliza, handelte mit Musikinstrumenten, zog nach Edinburgh, gründete das dortige (bis heute bestehende) Festival und starb auch in Schottland.
Professor Leszczynski hat es sich jetzt unter dem Titel „Project Janiewicz“ zur Aufgabe gemacht, diesen Freund Mozarts und Paganinis Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. beim heurigen Festival gab es ein kleines Symposion dazu, bei dem besonders der Vortrag seiner Urururururururenkelin Josie Dixon grosse Beachtung fand.
Zwei seiner Vioinkonzerte sind schon auf CD aufgenommen, die drei weiteren werden folgen.
Nach dem ersten Anhören kann man nur sagen: eine Wiederentdeckung wert !
Robert Quitta, Warschau

