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W. Straub (Hrsg.): HANS WEIGEL

14.12.2014 | buch

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Wolfgang Straub (Hrsg.):
HANS WEIGEL
Kabarettist. Kritiker. Romancier. Literaturmanager
188 Seiten, StudienVerlag, 2014

Hans Weigel, Jahrgang 1908, ist 1991 gestorben, und um seinen Nachruhm ist es mager bestellt. Es war wohl doch seine persönliche und stets unübersehbare Präsenz, die seine Bedeutung zu Lebzeiten gesichert hat, während sein Werk weniger geeignet war, kommende Generationen zu erreichen – wie alle, die vor allem Publizisten waren und dann doch darunter litten, als Schriftsteller zu wenig anerkannt (oder sogar abgewertet) zu werden. Dem Kollegen Torberg, der mit dem „Schüler Gerber“ zumindest ein Buch schrieb, das im Bewusstsein verankert blieb, oder Kollegen Hermann Hakel, seinerzeit nicht unwichtig, heute vergessen, ging es ebenso.

Im Fall Weigel hat einst seine schillernde Persönlichkeit, die mit viel „Öffentlichkeit“ umgeben war, für stete Popularität gesorgt, und wenn, wie man hört, 2016 zum 25. Todestag bei Styria endlich eine Biographie erscheint, muss es wohl diese Persönlichkeit mit ihren zahllosen Facetten sein, an die man erinnert – und im Zusammenhang damit an vieles im Wiener Literaturleben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Nun gab es im November 2013, ganz ohne den Anlass eines „runden“ Jahrestags, in der Gesellschaft für Literatur eine Tagung mit dem Anspruch, Weigels Arbeit auf wissenschaftlicher Grundlage nachzugehen. Wolfgang Straub, mit einem Projekt des Wissenschaftsfonds über Hans Weigel betreut, gab die einzelnen Beiträge und zwei Transkripte der Diskussionen nun in Buchform heraus.

Der Untertitel „Kabarettist, Kritiker, Romancier, Literaturmanager“ umfasst Referate, in denen das Thema Bachmann gleich dreimal ausführlich vorkommt, so wichtige Dinge wie Weigel als Nestroy-Bearbeiter, Weigel als Molière-Übersetzer und vor allem (!!!) Weigels absolut verquere Haltung zum Judentum aber kaum erwähnt oder gestreift werden, geschweige denn so ausführlich behandelt, wie sie es verdienten.

In einem Gespräch, das Wolfgang Straub mit der Regisseurin Heide Pils führte, die mehr oder minder gegen ihren Willen dazu vergattert worden war, Weigels Roman „Der grüne Stern“ für den ORF zu verfilmen, zeigte sie sich erleichtert, dass die Veranstaltung Hans Weigel „nicht heilig“ sprach, sondern kritisch behandelte. Sehr kritisch sogar, so dass von allen Vortragenden letztlich nur der Amerikaner Joseph McVeigh, ein Bachmann-Fachmann, ein gutes Haar an ihm zu lassen schien. Man wird bei der Lektüre dieses Buches das Gefühl nicht los, dass es bei so gut wie allen Beiträgen um eine weitere Abwertung Weigels geht, die ja schon zu seinen Lebzeiten – als Protest gegen seine „österreichische Literaturpapst“ postulierende Präsenz   – spürbar war.

Auch eine andere Bemerkung von Heide Pils bewahrheitet sich, die angesichts der Vorträge „bewundernd“ meinte, sie hätte gar nicht gewusst, in welchem Kontext man die Dinge (in diesem Fall „Der grüne Stern“) betrachten könnte. Der Minderwertigkeitskomplex der Nicht-Wissenschaftler wird angesichts so manches Beitrags hochgeschossen sein, es sei denn, er hielte es mit dem von allen Vortragenden bewunderten Weigel-Mentor-Konkurrenten Hermann Hakel, der meinte, vom „ Chochmetzen“, dem „G’scheittun“, hielte er nicht so viel…

Weigel, der vor dem Krieg vor allem in der Kabarett-Szene arbeitete und von der Nachwelt dafür gelobt wird, wenn er es mit Jura Soyfer tat, bekommt seinen Tadel dafür, dass er gleichzeitig lukrativ  für die kommerzielle Populär-„Kultur“ (Zarah Leander) tätig war. Sein Exil in der Schweiz beendete er quasi sofort nach dem Krieg, und er wollte nichts anderes, als sich möglichst schnell in die Wiener Szene integrieren – dass er auch Nazis „absolvierte“, dass er nicht die Millionen ermordeter Juden im Mund führte, dass er nicht (wie etwa Hilde Spiel) andauernd als vorwurfsvolle Emigranten-Ikone herumwanderte, ist auch Gegenstand der Geringschätzung durch die Nachwelt.

Dass Weigel, nicht nur, um etwas zu sein, sondern auch, um etwas zu gelten, gewaltige Eigenpropaganda betrieb, hat sich retrospektiv für ihn als richtig erwiesen – keiner kennt die Bescheidenen (auch darauf wird in Beispielen hingewiesen). Gering schätzt man sein literarisches Werk, wobei nur die Romane „Der grüne Stern“ (als schlicht politische Parabel nicht hoch geschätzt) und vor allem die „Unvollendete Symphonie“ im Mittelpunkt stehen. Da hat Weigel seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann als ziemlich geradlinigen Schlüsselroman behandelt, wobei er unterstellt, er habe sie „gemacht“, was von den meisten heftig bestritten wird, nur Joseph McVeigh gesteht ihm zu, zumindest durch sein „Netzwerken“ viel für sie getan zu haben.

Dass der „Literatur-Markt“ der Nachkriegszeit, wo Weigel als Mentor mit Hakel konkurrierte und es jede Menge Eifersüchteleien gab, auch ein Sex-Markt war, wird angesprochen – ob es als Missbrauch anzusehen ist, dass die meisten jungen Damen vermutlich mit dem faszinierenden, nicht mehr jungen „Mentor“ auch ins Bett gegangen sind, ist nicht mehr so leicht festzustellen. Bei der Bachmann wird zumindest ihr „strategisches Kalkül“ erwähnt, das man aus dem Verlauf ihrer Biographie leicht erkennt. Dass die Mentoren mit eigenen literarischen Ambitionen nicht annähernd so weit kamen wie ihre Schützlinge … das ist wohl eine (hauptsächlich für die Herren selbst traurige) Tatsache.

In der Causa „Weigel als Kommunistenfresser“ und Kommunisten-Jäger (wobei er zumindest nicht, wie Torberg, unter Verdacht geriet, mit der CIA zusammen zu arbeiten), wird der Brecht-Boykott gering, seine ewige Fehde mit Franz Theodor Csokor groß behandelt: Diesen beschuldigte er als Präsidenten des P.E.N.-Clubs immer wieder, sich mit den Exponenten des Stalinistischen Verbrechersystems an einen Tisch zu setzen. Hier lassen es die Wissenschaftler der Nachwelt an jenem historischen Bewusstsein fehlen, das ihnen sagen müsste, was es damals bedeutet hat, mitten im Kalten Krieg zu stecken, ohne zu wissen, wie sich die Dinge entwickeln würden – und, wie Weigel, der festen Überzeugung zu sein, der allseits anerkannte Stalin sei genau so schlimm wie Hitler… Interessanterweise war es Franz Theodor Csokor selbst, mit dem er sich vor Gericht wegen Beleidigungen raufte, der ihm schließlich zugestand, dass Sie „durchaus von Ihrem Standpunkt aus gehandelt haben“. Zu solcher Einsicht sollte die Nachwelt auch imstande sein.

Kein gutes Haar gelassen wird auch an dem durchaus mutwilligen Theaterkritiker Weigel, der aufgrund seines übergroßen Egos natürlich auch Kulturpolitik betreiben wollte – in seiner ewigen Fehde etwa gegen Ernst Haeusserman durchaus auch zum Vergnügen einer Leserschaft, die schließlich die „Ohrfeige der Dorsch“ genoß – eine Marginalie, die sich bei aller Unwichtigkeit in der Betrachtung Weigels immer in den Vordergrund schieben wird.

Manches, wie gesagt, fehlt, vieles sogar, aber kein Symposion kann alle Aspekte umfassen, zumal bei einer so vielschichtigen Persönlichkeit. Eine „gute Nachred’“ hat Weigel hier nicht. Aber vielleicht ist das nur gerecht – er ist ja mit seiner Mitwelt, es sei denn, er war in etwas oder jemanden verliebt (ob Nestroy, ob Ott), auch nicht sanft umgegangen.

Renate Wagner

 

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