Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

„Vox Humana“ mit dem Cellisten Isang Enders bei Berlin Classics erschienen

24.04.2020 | cd

KONTRAST VON BAROCK UND IMPRESSIONISMUS

„Vox Humana“ mit dem Cellisten Isang Enders bei Berlin Classics erschienen/

https://www.bkw-net.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-0301212BC_cover-Vox-Humana.jpg

Den Ausgangspunkt seiner Betrachtung findet der Cellist Isang Enders bei Claude Debussy. Von seinem Lehrer habe er die Anweisung bekommen: „Viel Bogen, wenig Druck, viel Luft!“ Bei Debussy stehe jedoch über jedem Ton ganz genau, wie er gespielt werden müsse. Timing und Klangfarbe wären hier wichtig. Dies merkt man der Interpretation von Claude Debussys Sonate por violoncelle et piano auf dieser CD deutlich an. Auch Farbe und Struktur seien von großer Bedeutung, betont Enders. In Marin Marais sieht Enders einen musikalischen Vorfahren Debussys, was sich auch bei Marais‘ Grand Ballet zeige. Der Lully-Schüler Marais führte übrigens die programmatischen Bindungen an die Musik konsequent weiter: Er beschrieb sogar eine Gallensteinoperation. Von diesem barocken Vorgänger aus lässt Enders seinen Blick ins 20. Jahrhundert streifen – über Strawinsky, die Boulanger-Schwestern Lili und Nadia zu Messiaen. Im Zentrum steht bei ihm immer die Frage, wie sich die Klangvorstellungen der einzelnen Komponisten unterscheiden. Die Mehrheit der Stücke auf diesem Album ist nicht ursprünglich für Cello geschrieben. Enders musste sie arrangieren, konnte so aber noch mehr auf die einzelnen Werke eingehen. So setzte er Debussy unter anderem für Cello und Gitarre um, spielte Marais mit zwei Celli und Messiaen mit Harmonium. Er folge den Stimmungen, die sich aus den jeweiligen Stücken ergeben: die sakrale, chorische Tonsprache des „Clair de lune“ von Debbusy, der erfrischende letzte Satz von Nadia Boulanger. Er spricht von barocken und impressionistischen Legato-Bögen, von der Ästehetik der Schärfe, von Farb- und Kontraststrukturen und spannt so einen großen Bogen zwischen den Epochen. Bei Debussy will Enders die Inspirationsquellen entdecken. Olivier Messiaen erklingt auf dieser CD als logische Konsequenz zu Claude Debussy. Messiaens „L’eau“ aus „Fete des belles eaux“ (1937) im Arrangement für Cello und Harmonium entdeckt in gewisser Weise die französische Tonsprache neu. Dabei merkt man ganz deutlich, in welch elektrisierender Art metrische Gesetze hier durch das Hinzufügen kurzer Notenwerte durchbrochen wird. Ostinate Schichtungen nicht umkehrbarer Rhythmen stechen präzis hervor. In seinen abwechslungsreichen Arrangements möchte Enders eine ganz bunte Mischung neu entstehen lassen. Das Grand Ballet von Marais soll hier sozusagen den Nullpunkt bilden. Die Pirouetten und Variationen bei Claude Debussy sind dann tatsächlich an die französische Barocksonatenkunst angelehnt. Die Stücke von Marin Marais seien ursprünglich für Gambe geschrieben – und dieses Instrument sei dem Callo gar nicht so ähnlich. So hat Enders die Barock-Bögen ganz subtil herausgearbeitet, was ein weiterer Vorzug dieser CD ist. Dabei erscheinen sie endlos – und die Klänge erzeugen differenzierte Reibungen. Harmonik, Dynamik und Artikulation bilden eine facettenreiche Einheit. Isang Enders betont die theatralischen Effekte bei Marais. Die Klangfarbe soll sich hier stark vom Impressionismus unterscheiden. Die auf dieser CD ebenfalls zu hörende „Elegy“ im Arrangement für Cello solo von Igor Strawinsky ist ein sehr trauriges Stück, wirkt in seiner kontrapunktischen Struktur aber auch neoklassizistisch. Enders arbeitet das motivische Material jedenfalls souverän heraus. Die Solisten auf dieser empfehlenswerten CD sind Isang Enders (Violoncello), Sunwook Kim (Piano), Sean Shibe (Gitarre), Mischa Meyer (Violoncello) und Joachim Enders (Harmonium). Alle Arrangements stammen von Isang Enders. Beim Arrangement des „Nocturne“ op. 8 Nr. 1 für Cello und Klavier aus den „Deux pieces pour violon et piano“ (1911) von Lili Boulanger offenbart sich eine besondere Klangfarbenqualität. 

 

Alexander Walther

 

Diese Seite drucken