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VOR UNS DAS MEER

27.03.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 30. März 2018
VOR UNS DAS MEER
The Mercy / GB / 2017
Regie: James Marsh
Mit: Colin Firth, Rachel Weisz, David Thewlis u.a.

Unsere Welt schwärmt für Sieger, Helden und jene, die einen Traum um jeden Preis durchkämpfen. Loser und Versager haben gar keine gute Presse. Im Kino landen sie nur, wenn man an ihrem Beispiel die Gesellschaft anklagen kann.

Aber dieser Film über Donald Crowhurst ist anders. Da hat es einer gar nicht geschafft – und ist doch nicht nur in Wikipedia gelandet, man hat auch Bücher über ihn geschrieben und bereits Filme gedreht. Dieser ist nicht der erste dieser Art. Zeugt er für unser Mitgefühl für jene, die scheitern?

Donald Crowhurst war Elektrotechniker, der 1962 ein kleines Elektronikunternehmen gründete, dem es allerdings nicht gut ging. Der Hobbysegler hatte eine Frau und drei kleine Kinder und entschloß sich 1968 zu einem wahnwitzigen Unternehmen: Die „Sunday Times“ hatte für eine Non-Stop-Ein-Mann-Weltumseglung den damals exorbitanten Preis von 5000 Pfund ausgesetzt (Wikipedia sagt uns, die heutige Kaufkraft wäre 86.000 Euro), Film- und Buchverträge hätten sie Summe noch gesteigert.

Obwohl er weder von der Ausbildung noch von der Mentalität her die Voraussetzungen mitbrachte, dieses wahnsinnige Unternehmen zu schaffen, obwohl das für diesen Zweck gebaute (und fremd finanzierte) Boot erhebliche Mängel aufwies, bevor er an den Start ging, hat der 37jährige Crowhurst es gewagt – zweifellos um seiner Familie willen.

Regisseur James Marsh hat erst einen beachteten Spielfilm vorgelegt (ein BioPic über Stephen Hawking), aber er findet sich hier scheinbar in einer ähnlich extremen Situation. Allerdings ist alles auf der Leinwand teils britisch unterkühlt, teils in Hinblick auf die Familie sentimental ausgerichtet. Man lernt ihn kennen, diesen Herrn aus dem kleinen Küstenort Teignmouth, den braven, freundlichen, höflichen Engländer (Colin Firth – gut, aber nicht auf der Höhe seiner bekannten Darstellungskunst), dem die Erfolglosigkeit aus jedem Knopfloch schaut. Er hat eine wunderschöne Traumfrau (Rachel Weisz), die dennoch alle bürgerlichen Tugenden (vor allem der Loyalität) ausstrahlt. Und er hat drei Kinder, die Papa lieben und bewundern (damals gab es noch solche Kinder), sie sind eine wirklich glückliche Familie.

Es werden die Vorbereitungen zur großen Fahrt gezeigt, die mühsame und letztlich unzulängliche Herstellung eines 12 Meter langen „Trimaran“ (ein Katamaran mit drei Rümpfen), und die Bemühungen eines Presseagenten, Crowhursts Unternehmen zu verkaufen (mit allen Tricks): Im Grunde gewinnt die Handlung nur um David Thewlis als dieser Rodney Hallworth mit seinen schamlos manipulierten Berichten etwas wie Temperament.

Auch wenn der letztlich etwas hilflos wirkende Crowhurst auf See ist (immer wieder Rückblenden oder Szenen der Familie zuhause oder der Pressereaktionen dazwischen geschnitten), wird die Sache kaum dramatisch, obwohl der einsame Mann genügend Probleme mit Wetter, Meer und anfälligem Schiff hatte.

Selbst die wirklich dramatische Wendung des Ganzen, als Crowhurst nicht einfach aufgab (wie die meisten seiner Mitbewerber), sondern sich entschloß, gefälschte Daten über seine Fahrt weiter zu geben (tatsächlich kam er nur über den Atlantik bis Argentinien, wo er gegen die Regeln des Rennens kurz an Land ging), wird gewissermaßen gelassen erzählt: Der Betrug, die Weltumseglung vorzutäuschen, konnte dann natürlich nicht aufgehen. Was letztendlich wirklich geschehen ist, weiß man nicht, vielleicht ist der arme Mann übergeschnappt – hier stürzt sich Crowhurst bewusst ins Wasser, wie ein Samurai, der seine Schande nicht überleben will…

Am Ende sitzt man als Kinobesucher mit der trauernden, aber tapferen Familie da und merkt, dass man schrecklich traurig ist – und dass dieser Film eigentlich vom Anfang bis zum Ende schrecklich traurig war. Vielleicht auch, weil er so undramatisch brav erzählt wurde. Mit etwas mehr Dramatik wär’s wenigstens spannend gewesen. Aber nein, nicht einmal das. Nur traurig.

Renate Wagner

 

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