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Violinkonzerte von Hans Huber und Paul Juon – MARIA SOLOZOBOVA – SONY CD. Musikantische Weltersteinspielungen der Schweizer Spätromantik

28.10.2017 | cd

Violinkonzerte von Hans Huber und Paul Juon – MARIA SOLOZOBOVA – SONY CD

Musikantische Weltersteinspielungen der Schweizer Spätromantik

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„Une Révélation“ nennt sich die CD, also auf deutsch Offenbarung. Das ist der neue Jargon der Musik-Marketingabteilungen allerorts, die wahrscheinlich Käufer wegen Unverständlichkeit eher abschrecken denn anlocken. Wir hingegen lassen die Kirche im Dorf und stellen fest, dass das hervorragende Collegium Musicum Basel unter der Leitung von Kevin Griffiths uns erlaubt, ein Stück wenig bekannter Schweizer Musikgeschichte zu entdecken. Wer hat vorher schon etwas von Hans Huber oder Paul Juon gehört? 

Der erstere war eng mit dem lokalen Musikleben von Basel verbunden und hat u.a. bei Carl Reinecke in Leipzig studiert. Sein zweites hier eingespieltes einsätziges Violinkonzert in d-moll ist eine Umarbeitung der Sonate pathétique für Violine und Klavier. Es wurde bis zur Entdeckung durch die russische Geigerin Maria Solozobova nie aufgeführt und ist des Hörens durchaus wert. Spätromantisch mit Anklängen an Brahms überrascht Paul Huber mit einer schwelgerischen Musik, die die künstlerischen Salons der Belle Epoque auferstehen lässt. Durch die vielfältigen Einflüsse der Musikgeschichte als epigonal zu bezeichnen, bereitet das Anhören dennoch durch den warmen, sinnlichen Geigenton der Maria Solozobova auf ihrer Nicolo Gagliano aus 1728 Freude.

Musikalisch weitaus interessanter ist das dreisätzige zweite Violinkonzert Op. 42 von Paul Juon. Verständlich, dass die Musik des Schweizers mit russischer Herkunft zu Lebzeiten des Komponisten große Anerkennung fand. Heute kann der Musikfreund aus etlichen Einspielungen seiner Eingebungen für Klavier, Orchester oder Kammermusik wählen. Auch eine Lied-CD habe ich entdeckt. 

Die Geschichte bestraft bekanntlich diejenigen, die zwischen Nationen und Zeiten leben. Als Juon schließlich nach Vevey kam, war die Aufmerksamkeit für einen Schweizer Komponisten russischer Herkunft klein. Es ist Zeit für eine Wiederentdeckung, zumal sich seine Herkunft musikalisch nicht verleugnen lässt und positiv auf die Qualität der Komposition wirkt. Paul Juon hat ein hoch virtuoses Meisterwerk geschaffen hat, dass eine üppige fin-de-siècle Atmosphäre melodienselig in nordlichternde Harmonien (Romanze-Andante) taucht. Einen nicht zu knappen alkoholischen Schuss Stravinsky im Rondo. Allegretto martellando dazu wandelt dieses Violinkonzert zu einem genussreichen Cocktail. Dank der unglaublichen technischen Meisterschaft von Maria Solozobova, die sich hier auch ausdrucksmäßig austoben darf, ist diese Aufnahme ganz große Klasse geworden. Kevin Griffiths steuert das orchestrale Temperament und kammermusikalische Präzision bei.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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