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VINYL – Spektakulär Neuerscheinungen aus dem Haus BERLIN CLASSICS

15.09.2018 | cd

VINYL – Spektakulär Neuerscheinungen aus dem Haus BERLIN CLASSICS

 

LIGHT & DARK: Erste Orgel Solo LP aus der ELBPHILHARMONIE HAMBURG

 

Iveta Apkalna, lettische Künstlerin und Titularorganistin der Elbphilharmonie Hamburg, ist es zu verdanken, dass die Klangvielfalt und -pracht der wundersamen Klais-Orgel im Großen Saal auch in den Wohnzimmern von Musikfreunden bewundert werden kann. Apkalna war bereits während des Einbaus der Orgel in der Elbphilharmonie dabei und bringt die orchestrale Wirkung dieser gar nicht so scheuen Königin aller Instrumente zu bestaunter Entfaltung. Sogar den Klang von Schiffshorn und Glocke hat diese Orgel integriert.

 

4.765 Pfeifen, die sich über fünf Publikumsränge erstrecken und vier Manuale bilden die technische Basis für die besten Orgelvirtuosen, die mit der schwierigen Akustik des Saals umgehen können. Das sogenannte Fernwerk ist im Reflektor hoch über der Bühne angebracht. 25.000 Arbeitsstunden hat es bis zur Fertigstellung gebraucht, 45 Orgelbauer haben an dem einzigartigen Instruments gewerkt. Das moderne Gewand der Orgel mit stets dezent erhelltem Innenleben, teils zum Anfassen (einem Speziallack sei Dank), ist wohl ein weiteres Symbol für die Optik im innovativen weißhäutigen Großen Saal. 

 

Das mehrheitlich weltliche Programm ist osteuropäisch geprägt, nur drei Stücke des französischen Organisten und Komponisten Thierry Escaich (Évocation, I-III) bildet die Ausnahme im überwiegend zeitgenössischen Reigen. Im Mittelpunkt des Albums steht und Namensgeber des Albums ist das Stück „Hell und Dunkel“ von Sofia Gubaidulina. Hier werden die akustischen Extreme der Orgel voll ausgeschöpft. Nervös tänzelnden figurativen Höhen stehen mächtige Clusternebel in der Tiefe gegenüber, die sich am Ende in eine glockenreine mittellagige Terz lösen. 

 

Der warme runde Klang mit vielen schönen Grundtönen, die von überall und aus der Tiefe zu kommen scheinen, ein quasi den Hörer umarmender Sound – wie das die Solistin beschreibt – kommt in der ,Meditation‘ von Lūcija Garūta, der Grande Dame der lettischen Musik, und dem ,Gebet‘ von Aivars Kalējs besonders gut zur Geltung. Am spannendsten  vibrieren, schimmern und oszillieren die zwei Etüden für Orgel (Harmonies, Coulée) von György Sándor Ligeti. Die berühmten Klangflächen werden nicht nur durch Registerwechsel, sondern durch das Drosseln des Luftstroms in der Orgel erzeugt. In ,Harmonies‘ fügen sich zehnstimmige Akkorde zu einer amorphen Klangwolke, in ,Coulée‘ vibriert vor schnell zu spielenden Achteln ein Tremolo wie der Flügelschlag eines Kolibris.

 

Klassischer geht es in Dmitri Shostakovich‘ ,Passacaglia aus der Oper ,Lady Macbeth von Mzensk‘ Op. 29 und in Leoš Janáčeks ,Varhany Solo aus der Glagolithischen Messe zu Werke. 

 

Der in Berlin und Riga lebenden Iveta Apkalna kann man für die Auswahl und ihr impulsives Musizieren nur Rosen streuen, womöglich schwarze, denn das Album hat sie ausschließlich in nächtlichen  Sitzungen aufgenommen. Klangtechnisch sind die beiden LPs ganz meisterlich, „voll majestätischer Brillanz, Wärme und Kraft, sphärisch und klar, farbenreich und gedeckt, indirekt und fingerzeigend, leuchtend solistisch und tiefdunkel mächtig“, folgen also genau dem Ideal, das Berndt Reinartz und Philipp Klais bei der Schaffung der Orgel im Sinn hatten. Auf jeden Fall ist Vinyl bei erstklassiger Wiedergabemöglichkeit in diesem Repertoire dem Medium CD an Räumlichkeit und Sinnlichkeit des Klangs weit überlegen.

 

BILDER EINER AUSSTELLUNG erstmals für Klavierquartett – FAURÉ QUARTETT

 

Dirk Mommertz & Grigory Gruzman haben die in Klavier- und Orchesterfassung gleichermaßen bekannten „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgski für Klavier (Dirk Mommertz), Violine (Erika Geldsetzer), Viola (Sascha Frömbling) und Cello (Konstantin Heidrich) bearbeitet. Die Musik beschreibt den Rundgang durch die Gedenkausstellung des 1873 verstorbenen Malers Viktor Hartmann, mit dem der Komponist befreundet war. Zur wenig erfolgreichen Klavierfassung gesellet sich die 1922 uraufgeführte Version für Orchester von Maurice Ravel. 

 

Die Fassung für Klavier und Streicher hat den Vorzug, die teils plakative, stets jedoch wirkungsmächtige Musik gegenüber der Orchesterfassung zu schärfen. Durch eine mutige Verteilung des Klavierparts auf vier Instrumente kann mit einer besonders raffinierten Farbenregie aufgewartet werden. 

 

Der Mussorgsky LP ist auf einer kleineren 10inch Platte die Bearbeitung einiger „Études-Tableaux“ von Sergej Rachmaninov (Rotkäppchen und der Wolf, Das Meer und die Möwen, Der Jahrmarkt, Trauermarsch, Marsch) ebenfalls für Klavierquartett angefügt. 

Sergej Kussewitzki hatte in den Zwanziger Jahren die Orchestrierung dieser Etüden bei Respighi in Auftrag gegeben. Der Italiener fügte auch die Titel hinzu. 

 

Das Fauré Quartett spielt diese Musik mit solcher Leidenschaft, aber auch einer derart originär imaginierten Hörvision, dass etwas Faszinierend Neues zu erleben ist. Kaum je hat Kammermusik aufregender geklungen als auf dieser auch aufnahmetechnisch hervorragenden LP.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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